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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-23 · Heft 17 (23.4.1920) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 17 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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auch auf die Leitung der katholischen Christenheit fallen würde und somit die schon wankende Stellung der Päpste aufs mene gekräftigt werden könnte. Gewiß gab es/ wie zu allen Zeiten, auch damals unter den Führern der Bewegung große Idealisten, die sich ein Zeitalter des Auflebens des religiösen Gedankens versprachen, eine Verinnerlichung des Christentums; ihnen gegenüber aber stand die große Masse jener, die von der Krenzzugschelle eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erhofften. Allzurasch aber wurde die Bewegung eine ökonomische, und als solche traf sie vor allem die Juden, die in ihren rheinischen Gemeinden durch fleißige Arbeit zu einem beträchtlichen Wohlstände gekommen waren. Ihnen hatte man auch allein den Beruf des Geldverleihens gegen Zinsen zugewiesen, den man den Christen verbot, welche man aber doch brauchte, weil man in beständiger Geldverlegenheit war, und aus dem man den Juden in wundervoller Logik nun einen Vorwurf machte. _ J Wäre die -Kreuzzugsbewegung aus religiösem Haß allein zu erklären, aus dem Fanatismus irregeleiteter Massen, wir könnten sie selbstverständlich nicht billigen, aber wir würden doch noch eher für sie innerlich eine Entschuldigung finden als so, wo wir in ihren Auswüchsen erkennen müssen, daß ihr der Trieb zu müheloser Bereicherung zugrunde lag. Es ist ganz charakteristisch, daß man denen, die das Kreuz nahmen, die Bezahlung der Judenschulden erließ. Auf was für Elemente muß man da gerechnet haben und wie muß schon bald die Begeisterung nachgelassen haben, wenn man derartiger Anreizmittel bedurfte. Aber es gab ja noch eine viel leichtere Möglichkeit zur Lösung der Judenfrage, dasselbe Mittel, das auch heute noch den Machthabern des Ostens als das geeignetste erscheint: man erschlägt die Juden; damit erfüllte man in diesem. Augenblick eine doppelte, ja dreifache Aufgabe: man züchtigte die verstockten Juden, die den wahren Glauben nicht annehmen wollten, man erfüllte seine Kreuzzugsversprechen leichter, als wenn man den gefährlichen Zug nach Asien machte, und man bereicherte sich gefahrlos an dem Gute der Ungläubigen und tat auch damit eine Gott wohlgefällige Tat. Eine Strafe, weder eine irdische noch eine himmlische, konnte die Mörder nicht treffen, denn man hatte ja den Ablaß in der Tasche, nicht nur für alle Taten, die man bereits getan hatte, sondern auch für alle die, die man etwa noch zu begehen im Begriffe war. Das ist die Nachtseite jener Kreuzzüge, von denen man immer nur Preisen hört, daß sie den Gesichtskreis erweitert haben, daß sie die Dichtung mit neuem Leben erfüllten, aber der Weg, er war mit Blut gezeichnet, und die Leichen unzähliger erschlagener, schuldloser Juden lagen auf der Straße, die nach Palästina führte. Das darf man nie vergessen, wenn man von jenen Ereignissen, spricht und liest, das. schwebe uns immer vor Augen, wenn man in irgendeiner Waffensammlung ehrfürchtig schauernd vor der Rüstung eines Ritters steht; vielleicht hat ihr Träger einstmals sein Mütchen an unseren schuldlosen Vorfahren gekühlt. Es war im Jahre 1096, als zügellose Scharen aus eigene Faust sich aufmachten, um den Weg nach dem Heiligen Lande anzütreten, vielleicht auch gar nicht einmal von der Absicht getragen waren, wirklich bis ' dahin vorzustoßen. „Alle Schrecken," so erzählt der Bericht von dem Schicksal der Gemeinde zu Mainz, „die in den Büchern der Thora gedroht sind, trafen uns; alles, was geschrieben steht, brach über uns herein, gleichwie das, was nicht geschrieben steht; über uns, über unsere Söhne und unsere Töchter, unsere Greise und unsere Knaben, unsere Knechte und unsere Mägde, unsere Großen und unsere Kleinen kam bittere Not. Und diese Not war um so schlimmer, weil man in verhältnismäßig günstigen Umständen bisher gelebt und es gär nicht so empfunden hatte, daß man im Golus, in der Verbannung, war. Freie Und aufrechte Menschen waren die deutschen Juden, ehe jene entsetzliche Kreuzzugswelle über sie hinweg ging, die sich durchaus als gleichberechtigt fühlten mit ihrer nichtjüdischen Umgebung. Was müssen es für .wundervolle Menschen gewesen sein, wie stark und sicher müssen sie sich in ihrem Judentum gefühlt haben, daß sie bis auf wenige Ausnahmenfür ihren Glauben lieber den Märthrertod erlitten, als daß sie die christliche Religion annahmen, und wenn die Geschichte wirklich die große Lehrmeisterin sein sollte, die sie ist, welche Kraft müßten eigentlich alle die, die in ihrem Judentum schwach und wankend geworden sind, aus der Beschäftigung mit der Größe dieser Menschen gewinnen, die diese im Leiden und Dulden bewiesen haben! Was ist all das, was wir heute erdulden, müssen, all unser seelisches Leid gegen das, was man unseren Vorfahren vor bald tausend Jahren zugemutet hatte! Und wie hüben sie es ertragen! „Die Feinde marterten sie und überlieferten sie dem Schwerte. Sie stärkten sich an dem Vorbild ihrer Brüder, ließen sich erschlagen und heiligten den Gottesnamen; sie boten den Hals dar, sich den Kopf abhauen zu lassen im Namen ihres Schöpfers; manche auch legten Hand an sich selbst. Sie erfüllten das Wort des Propheten: „Die Mutter auf den Kindern ist hingestreckt, der Vater fiel auf den Söhnen." Sie schlachteten, der seinen Bruder, jener seinen Verwandten, seine Frau und seine Kinder, auch Bräutigame ihre Bräute, zärtliche Frauen ihre Lieblinge. Alle nähmen mit ganzem Herzen das himmlische Urteil auf sich; indem sie ihre Seele dem Schöpfer empfahlen, schrien sie: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." Die Feinde zogen sie nackt aus und schleiften sie und warfen sie umher; keinen ließen sie übrig, außer einigen, die sie zur Taufe zwangen, an achthundert war die Zahl der Erschlagenen an diesen zwei Tagen, sie alle warf man nackt ins Grab. Durch die Hand Gottes fielen sie, er brachte sie zur Ruhe, zu dem großen Lichte im Garten Eden; siehe ihre Seelen sind gesellt dem Bunde des Lebens bei dem ewigen Gott, ihrem Schöpfer, bis ans Ende der Zeiten." Wie mag diesen jüdischen Müttern in ihrem tiefen Familiengefühl zumute gewesen sein, als sie ihre eigenen Kinder töten mußten, um sie nicht in die Hände ihres unerbittlichen Feindes fallen zu lassen! Der Uckertritt zum Christentum hätte sie retten können, aber nicht der leiseste Gedanke kam diesen Menschen, durch Verrat an ihren höchsten und heiligsten Gütern sich das irdische Leben zu erkaufen. Wir täten den Deutschen jener Tage Unrecht, wenn wir sagen würden, daß sie alle mit dem Treiben jener Kreuzfahrer einverstanden gewesen wären; man mißbilligte in den anständig denkenden christlichen Kreisen — und glücklicherweise gab es noch solche — durchaus das Verhalten dieser Horden, und es fanden sich auch Männer, die sich der schutzlosen Juden annahmen und ihnen die Mauern der festen Städte öffneten, um sie dort zu bergen, bis die furchtbare Welle vorbei war; in Mainz fanden sich angesehene Bürger, die diesen Mördern entgegentraten und sie hindern wollten, den Juden etwas Böses zu tun, so daß es sogar zu einem Kampfe zwischen Bürgern und Kreuzfahrern kam, in dem ein Kreuzfahrer fiel. Und wenn nun der Ruf erschallte, der uns überliefert ist: „An all dem sind die Juden schuld", fühlen wir uns da nicht in unsere Tage versetzt? Ist nicht die bloße Existenz des Juden schon eine Schuld in den Augen bieler anderer? Furchtbar ist das, was sich nach unserem Berichte in Mainz zutrug. Wohl versprach der Bischof Ruthard den Juden seinen Schutz, nachdem er sich tüchtig dafür hat bezahlen lassen — und auch dies ist ein böses Kapitel in der mittelalterlichen Geschichte: der Jüdenschutz, aus dem man ein einträgliches Geschäft machte —, aber ihn wirksam durchzusühren, war er nicht in der Lage, wollte er wohl auch gar nicht.

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