Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 — sehen wir, daß er an Umfang und Inhalt über sie hinausragt, weil er auch das handelnde Leben in seinen Bereich ziehen und sich nicht bloß mit dem Gefühlsleben begnügen kann. Moderne Religion ist nicht mehr bloße Spekulation, auch die Unerkennbarkeit einer transzendeNtien Wirklichkeit ist nicht schon Religion, sondern die Erkenntnis, daß die Ethik der wesentlichste Teil der Religion ist. Ethik ist Handeln, und so steht und fällt die Religion mit dem Leben selbst. Aus Religion zur Religion. Die moderne Religion muß den allgemeinen Charakter religiösen Denkens zu begreifen suchen. Die moderne Religion ist wesentlich etwas Inneres, etwas Persönliches, eine „Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst". Aus der gewordenen Erkenntnis entwickelt sich eine Ethik, die unser äußeres Leben führt und richtet. So wird die „innere geistige Einheit" zur religiösen Lebensordnung. Die moderne Religion ist nach B. v. Kern die einheitliche Ordnung des gesamten inneren und äußeren Lebens nach Maßgabe einesidealen Wertes, der dem Leben erkenntnisgemäß zugrunde gelegt wird. Religion wird damit zur Ausgabe des Lebens. Das Leben selbst mit all seinen Bedingungen ist die Macht, welche die Aufgabe stellt und ihre Lösung fordert. Damit werden frühere Vorstellungen, abgelehnt und die Jenseitsspekulationen ebenso wie die Erlösungsideen fallen gelassen. Der Wertinhalt der Religion wird wesentlich in das Diesseits verlegt, Offenbarung und Glaube verlieren an überzeugender Kraft'). Die echische Grundfrage, wie wir unser Handeln einrichten sollen, ist der entwicklungsgeschichtliche Ausgangspunkt und der Endpunkt unseres religiösen Denkens, ist sein Schwerpunkt und sein Wert. Die moderne Religion sieht in der Ethik den religiösen Wert, um dessentwillen die Religion so machtvoll dasteht und um dessentwillen sie eS verdient, als höchste Kulturmacht gezüchtet, gepflegt und der Zukunft bewahrt zu werden. Die moderne Religion will vom Spekulativen absehen Und erblickt in der Ethik eine klar vorgezeichnete Lebensaufgabe, die der ganzen Menschheit unterschiedslos gestellt ist. Sie ist „der Schlußstein der religiösen Persönlichkeit, deren Wirkungsgebiet das Wirkliche keitsleben selbst ist". Hier gedeiht das ethischreligiöse Ideal der Willensfreiheit. Ist die moderne Religion ein einheitliches Zusammenwirken von Erkenntnis, Gefühlsleben und WillenSleben, so ist Religion ohne Ethik nicht denkbar und die Ethik ist selbst Religion. Eine Vergeltung im Jenseits fällt aus dem Rahmen der Ethik heraus und „könnte nur als Abschreckungsmittel ethischen Wert erlangen". Die moderne Religion ist ein Ganzes. Sie nimmt alle ©eitert des Geisteslebens in sich auf, sie dehnt ihre Werte auf den Verkehr der Menschen, die Erziehung, die Rechtsordnung^ die Wirtschastspflege und das Staatswesen aus. Religion ist daher nicht Privatsache, sondern Staatssache. Die Religion als Ganzes im Bunde mit dem Ganzen des Geisteslebens „birgt in der Tat auch das wahre Lebensideal in dessen höchster Bedeutung in sich". Moderne Religion ist religiöses Gewissen. Hier erreicht sie den Punkts wo sie den Menschen am tiefsten durchdringt. Moderne Religion ist Gesinnungsethik und Gewissensethik und deshalb kann kein Staat der Religion entbehren. Denn das Gewissen ist „ein -echt religiöses Erzeugnis des inneren'Geisteslebens, der Endpunkt einer religiösen Entwicklung". Das Gewissen prägt sich auS in der Nächstenliebe und in der allgemeinen Menschenliebe. Arbeit an ihr ist Religion. Reale und positive Arbeit ') Für uns Juden kommt die sogenannte „moderne.Religion" nicht in Betracht. Der Monismus, in welcher Gestalt er auch auftritt, ist für uns unannehmbar. Er widerspricht den -auf Offenbavung und Glauben beruhenden Grundlehren des Judentums, die uns vollauf befriedigen und-noch immer geeignet sind, nicht nur Israel, sondern die gesamte Menschheit zu einem sittlichen und menschenwürdigen Leben zu führen. Die Redaktion, an sich selbst und am sozialen Organismus wird zur höchsten Aufgabe, Arbeit als soziales Gebot zu lebenerhaltender, p geistbefreiender und zu Mlich -erhebender Macht. Moderne Religion entwickelt sich von der subjektiven- PersönlichkeWreligion zur objektiven Gemeinschaftsreligion und zum Umfang einer allgemeinen Meufchheitsreligion. Religion ist das Ganze des menschlichen- Wesens, das Bewußtsein der Einheitlichkeit. Ein Leben ohne Religion ist stach B. v. Kern- „ein bloßes Würfelspiel des Schicksals, ein Kampf gegen die Religion, ein Kampf gegen den menschlichen Geist; ein Kampf gegen überalterten und nicht mehr lebensfähigen Inhalt, aber nur ein Kampf für das unvergängliche Heiligtum unseres Geisteslebens"- Mit dieser modernen Auffassung der Religion werden wir ihrer Bedeutung durchaus gerecht. Wir stellen sie mitten hinein in unser geistiges Leben und erkennen in ihr eine Geistesmacht, -der wir nicht entraten können. Die lkreu^üge und dir Juden. Bon Dr. W i l l y C o h n (Breslau), vhl über keine Periode der mittelalterlichen Geschichte hat einseitige Darstellung so falsche Auffassungen verbreitet wie über das Zeitalter der Kreuzzüge. Man sah in ihm nur eine Bewegung, -die eine Erweiterung des Gesichtskreises zur Folge hatte, eine erneute Verbindung abendländischer und orientalischer Kultur, man sah aber nicht, oder wollte es nicht in dem Maße sehen, wie es nötig war, daß diese Bewegung auch eine Entfesselung der rohesten Instinkte der Masse mit sich brachte, daß hier zum Teil der Abschaum der Menschheit auf Länder des vorderen Orients losgelassen wurde. Was finden wir in den landesüblichen Geschichtsbüchern von den furchtbaren Judenverfolgungen, die eine Schande für alle Zeiten bleiben? Wenn man sie auch erwähnt, so geschieht dies doch gewissermaßen nur im Vorbeigehen, ohne sich näher darauf einzulassen, und doch geben sie einen tiefen Einblick in die Persönlichkeiten der damaligen Menschen und enthüllen schlagartig die rechtlose Lage des jüdischen Volkes und die Roheit der Umwelt. Nur wenigen der Historiker der allgemeinen Geschichte jener Zeit mögen die erschütternden hebräischen Berichte Vorgelegen haben, die die Ueberlebenden jener furchtbaren Verfolgungen zum Gedächtnis für alle Zeit aufzeichneten und von denen nun Nathan Birnbaum und Hugo Hermann eine deutsche Ausgabe unter dem Titel: „Edom, Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge" (Berlin, Jüdischer Verlag 1919) veranstaltet haben. Niemals ist es jüdische Art gewesen, das SchreMche zu häufen, und das, was diese Augenzeugen berichten, ist sicher nur ein kleiner Teil gewesen von dem, was sich zugetrag-en hqt.. In ein blühendes jüdisches Leben, vor allem der drei großen Gemeinden am Rhein, Mainz, Speyer und Worms, erschallte der Ruf: „Gott will es." Was wollte Gott nach, der Auffassung der anderen? Man sollte hinausziehen in das Heilige Land und die Ungläubigen von dort verjagen, um an ihrer Stelle die christliche Herrschaft auszurichten. Mußte'es nicht jedem strenggläubigen Christen ein Greuel sein, daß über tausend Jahre nach dem Auftreten ihres Heilandes noch Menschen lebten, die sich, nicht zu seinem Glauben bekehren wollten und hartnäckig , in . einem Zustand verharrten, der sie nach ihrem Tode-zu.ewiger.-Verdammnis führen mußte? Sarazenen und Juden aber wpiger-. ten sich, den Christenglauben anzunehmen, und da sie es nicht taten, entsprach es dem Geiste jener Zeit, den wir heute nicht mehr verstehen können, daß man sie auch gegen ihren Willen dazu zwingen wollte. Als die Papstkirche die Kreuzzugsbewegung zu der ihrigen machte, da hoffte sie vor allem, daß von dieser ein neuer Glanz