Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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183 segensreiche Arbeit der jüdischen Kommilitonen und einstimmig — mit Einschluß des Protestierenden Deutschnationalen — wurden die jüdischen Studenten gebeten, die Leitung weiterzuführen.' — Diese beiden charakteristischen Vorfälle, die uns von einem jüdischen Studenten, einem Augen- und Ohrenfeugen, mitgeteilt werden, lösen in uns die Mahnung des herrlichen und tiefsinnigen Dichtevwortes aus: „Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben; Willst du die andern versteh n, blick' in dein eigenes Herz!" (Schluß folgt.) Sir Mache. Berlin, 19. April. i'r lenken 'heute die Aufmerksamkeit unserer Leser aus den soeben erschienenen Wahlaufruf der Deutschen demokratischen Partei. Er ist an das deutsche Volk, an dessen Wohl und Wehe wir als Staatsbürger den innigsten Anteil nehmen, gerichtet und geht von der einzig richtigen Grundlage aus, die die Zukunft des Reiches verbürgt: der nationalen Demokratie und der Weimarer Verfassung. Der Aufruf, der die Stellungnahme der Partei zur religiösen Unterweisung der Schuljugend präzisiert, auch der. Freiheit der Religion und der Selbstverwaltung der religiösen Gemeinschaften das Wort teilet, darf eines lauten Widerhalls auch in jüdischen Kreisen sicher sein und lautet in seinem wesentlichen Teil wie folgt: An das deutsche Volk! Irr kurzer Frist werden Männer und Frauen den -ersten Reichstag der deutschen Republik wählen. Was erwartet das deutsche Volk von diesem Reichstag? Tie Bewahrung vor dorn Bürgerkrieg, die Ueberwindung des Klassenkamp'ps, den Wiederaufball der Volkswirtschaft und damit der nationalen Kraft, die Erhaltung und Festigung der Reichseinheit, die Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt. Es gibt nur einen Weg zu diesem Ziel: den Ausbau unseres Staates auf der Grundlage des gleichen Rechts für alle, die n a t i o n a t e D e m o k r a t i e. Diese Grundlage ist durch die Weimarer Versammlung geschafsen. Auf ihrem Boden hat die Koa liti on der Mehr heitsp artei>en .gearbeitet. Die Ereig,niste feit dem 13. März. der reaktionäre Gewaltstreich der Kapp und Lüttwitz undder Wiede rausbrnch der bolschewistischen Revolution als seine Folge haben jedem, der sehen kann, zeigen müssen, daß diese Mehrheit die einzig regierungsfühi>ge war. Die Mehrheitsbildung auf demokratischer Grundlage wird auch fernerhin allein Deutschland vor dem Bürgerkrieg schlitzen lind das Werk des Ausbaues fortführen können. In einer solchen Mehrheit ihren Einfluß zu stärken, ist das Ziel der Deutschen demokratischen Partei bei den kommenden Wahlen. Denn Nur loollen über der Notwendigkeit der Zusammenarbeit die tiefgreifenden Unterschiede nicht vergessen und verwischen, die uns von den beiden anderen Koalitionsparteien trennen. Der Sozialdemokratie gegenüber, verstehen wir ib-ir: Republik nicht als Hoffnung auf die Vorherrschaft einer Klasse, sondern als grundsätzlich und für immer klaffenfreie Vertretung des ganzen Volkes unter gleicher Teilnahme aller Berufe, nicht als parteipolitische Durchdringung der ganzen Staatsverwaltung, 'sondern als Festlegung der. politischen Grundrichtung der Regierung und im übrigen als Auslese der fähigsten Fachleute. Die Arbeitnehmer müssen ihr volles soziales, politisches und wirtschaftliches Recht erhalten, nicht weniger, .aber auch nicht mehr. Wir wollen und dulden keine kapitalistische Ausbeutung, aber wir loollen auch keine Diktatur oder Reben reg.ierung einer Berufsschicht, fei sie noch so bedeutmd. Unsere Partei steht und fällt mit dem reinen demokratischen Gedanken. Alle wirtschaftliche Hebung des Arbeiterstandes durch Löhne oder Staatshilfe ist abhängig von der Ertragfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Diese Ertragsfähigkeit beruht auf der freien Entfaltung persönlicher Tüchtigkeit und schöpferischen Unternehmungsgeistes. Im Interesse des wirtschaftlichen Gedeihens des ganzen Volkes lehnen loir jode Wirtschaftsform ab, die diese wesentlichen Kräfte des Ausstiegs bureaukratisch einengt. Die Wirtschaft kann nur gesund bleiben, wenn für Unternehmer, Angestellte und Arbeiter im Ertrag und wirtschaftlichen Erfolg der Arbeit Tüchtigkeit, Fleiß und überlegene Fähigkeiten sich belohnt sehen. Dem Zentrum gegenüber werden wir zugunsten der kirchlichen und aller religiösen Gemeinschaften auch unsererseits die Freiheit der Religion und die Selbstverwaltungder religiösen Gemeinschaften anerkennen. Aber wir müssen ans dem Gebiet der Schul- und Bildungspolitik die geistige Einheit unseres Volkes nach Möglichkeit behaupten, die nicht durch religiöse Machtkämpfe noch mehr gefährdet wenden darf. Wir loollen daher eine Auseinandersetzung mit den moralisch und religiös so wertvollen kirchlichen Gemeinschaften auf dein Wege des Friedens und der Verständigung, nicht des Machtkampfes und der geistigen Entzweiung. Wir wollen insbesondere auch den ewigen, nnzerstörten und unzerst-örbaren Besitz unserer geistigen und wissenschaftlichen Bildung überkonsessioneller Art allen erhalten und zugänglich wissen, die davon leben und danach begehren! Wir betrachten die Schule als eine Angelegenheit des Staates, der aus dem Gebiete des Religionsunterrichts die religiösen Bedürfnisse des Volkes erfüllen soll. So halten loir auch in der Zusammenarbeit mit anderen Parteien unsere eigenen politischen, sozialen und kulturellen Ideen und Aufgaben fest. Politisch: Kein zentralistisches, aber ein einheitliches Deutsches Reich mit demokratischer Selbstverwaltung der Länder und Stämme, die Durchführung' der reinen Demokratie in-der Verwaltung unter strenger Bekämpfung voll Krippenjägerei und Korruption, Verminderung der Steuerlast durch äußerste Sparsamkeit in der Verwaltung. Die Erhaltung der Reichswehr und ihr Schutz gegen Verlmglilupfung und Mißbrauch durch staatsfeindliche Elemente. Soz'ia'l: Entfaltung aller -gesunden lvirtschaftlichen Kräfte, Schutz aller anständigeir Arbeit, Bekämpfung des Wuchers und des Schiebertums — auch durch Abbau der Zloangslvirtschast, Ersatz der Erlverbslosellunterstützung durch eine gesunde und zweckmäßige Erlverbslosenversicherung, energische Durchführung des Siedlungsgesetzes, Durchdringung der ganzen Wirtschaftspolitik mit dem sozialen Gedanken der Solidarität aller Volksgenossen und der Arbeit. Kulturell: Schnelle .und energische Durchführung des verfassungsmäßigen Ausbaues des -deutschen Bildungslvesens nach dem Grundsatz der Befreiung der Bildungsaustese von den Zufälligkeiten * des Standes und der loirtschastlichen Stellung, Achtung der religiösen Ueberzeugung und der gültigen Freiheit. Erziehung des Volkes zur richtigen Wertung geistiger Arbeit als der Kraft der kulturellen, lvirtschaftlichen und politischen Führung. Tatkräftige und sachkundige Außenpolitik, die national und international gleich zuverlässig ist, den wahren Völkerbund, der Deutschland nicht erdrosselt, sondern in seinem ganzen nationalen Verband einigt, der uns die Erfüllung unserer internationalen Verpflichtungen durch Gesundung und Festigung loie durch wirklichen Frieden mit allen Völkern ermöglicht, Revision des Friedens von Versailles und St. Germain, eine gegenseitig sich stützende VölkerordnlMg. Erhaltung und Stärkung alles bedrohten Deukschtums auch außerhalb des Reiches. So sehen loir das Geloordene, so loollen loir das Werdende gestalten. Wer mit uns eins ist im Willen auswärts und vorwärts, in der Klarheit über die Wege, die dahin führen, wer unerschütterlich au das deutsche. Volk glaubt, wer die Verfassung in Treue halten will, der schließe sich an unsere Reihen, der verschwende nicht die Macht seiner Stimme an Parteien, die Unmögliches loollen und uns dadurch lveiter in unfruchtbare, zerstörende, innere Kämpfe stürzen. Deutsches Volk! Jetzt gilt es! Recht oder Gewalt, Freiheit oder Knechtung, Gleichheit oder Diktatur, Frieden oder Krieg! Bei dir liegt die Entscheidung! Wenn du den Aufstieg willst, und nicht beit Niedergang, dann stimme für die Deutsche demokratische Partei! D e r V o r st a n d d e r D e it t s ch c n d e m o k r a t i s ch e lr PäMei. Senator Tr. Pe'tersen, Vorsitzender. * Lehrgänge Berliner Univerfitätslehver für Ausländer. Ans Grund der Tatsache, daß in Berlin eine große W^ahl „Ausländer" zum Studium nicht zugelaffen wird, hahen sich die Professoren Landau und E i n st e i n an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in einer Eingabe mit dem Vorschläge