Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
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- 182 wenigen Ausnahmen die alten monarchischen, deutschnational orientierten alten Beamten nach wie vor gehören. Auch Hie Lese-. und Lehrbücher, besonders diejenigen für den GesinnuhgSunterricht, sind fast überall dieselben. Denn was nützen' die bestgemeinten Ministerialerlasse, welche den Gebrauch her alten Lehrbücher und ihre Umarbeitung nach neuzeitlichen Verhältnissen anordnen, wenn nicht unausgesetzt von den Nachgeordneten Behörden die Ausführung der Ministerial- . erlasse aufs schärfste kontrolliert wird! Und die jungen Lehrer, die trotz ihrer gegenteiligen eigenen Kriegserfahrungen sich von geschickten deutschnationalen Rednern, Flugschriften, Zeitungen und Broschüren die Meinung einhämmern lassen, daß einzig und allein die neue Regierung die Schuld an dem Zusammenbruche unseres deutschen Volkes und Vaterlandes trägt, daß „das Land von hinten erdolcht worden ist" und daß das gegenwärtige Staatsregiment nichts weiter als harte, unausgesetzte, freudlose und strengste, pflichtmäßige Arbeit kennt, keine wilhelminischen patriotischen Feste, keine glänzenden militärischen Schauspiele, keine schmucke, ordenbeladene, schneidige Reserveleutnantsunisorm, keine strammen, ehrfurchterfüllten militärischen Grußbezeugungen, keine Phantasieerfüllten Kadetten, keine militärischen Kasinos und andere zivilistenreine Vereinigungen? — Soll ein mit jugendlicher Begeisterung und mit Phantasieerfülltem Gemüt ausgestatteter Lehrer, der den inneren Wert eines ausgeglichenen Charakters noch nicht kennt, sich plötzlich für Einfachheit, für Adel der Gesinnung, die an äußeren Ehren so arm ist, begeistern und verbrennen, was er bisher angebetet, anbeten, was er bisher verbrannt hat? — Darf es uns also wundern, daß die alten ebenso wie die jüngeren Lehrer ihre Gesinnung auf die Jugend übertragen, die doch so leicht und so gern sich begeistern läßt? — Deutschnational ist die Lehrerschaft also und wird sie leider noch eine geraume Zeit bleiben; von der deutschnationalen Gesinnung ist aber der Antisemitismus untrennbar, und deshalb muß es unser eifrigstes Bestreben sein, zunächst auf die Lehrer einzuwirken, ihnen neue Ideale aufzuweisen, damit sie die ihnen anvertraute Jugend mit diesen Idealen erfüllen. Dazu ist aber nicht allein eine ganz energische Mitarbeit der staatlichen Behörden, sondern auch die eigene unablässige Arbeit an uns selbst dringend nötig, die sich freilich nicht auf Religionsunterredungen im Stile des Mittelalters, auf gelehrte historische Vorträge unpraktischer Akademiker, mögen sie noch so geistreich fein, beschränken dürfen. Ueber diese Mitarbeit der Staatsbehörden und die Arbeit an uns selbst im folgenden einige Vorschläge. IV. Adolf v. Harnack sagt einmal: „Wenn es wirtlich eine doppelte Geschichte gibt, eine Geschichte der Tatsachen und eine Geschichte der Gedanken über die Tatsachen, so ist es offenbar, daß wir alle an dieser zweiten Geschichte Mitarbeiten. Wie groß ist die Verantwortung, die wir damit tragen! Wie wir urteilen und was wir sprechen, das schlägt sich nieder. Ein Sandkorn kommt zum anderen, und so bilden sich Ueberlieserungen, öffentliche Meinungen, die selbst wieder zu Elementen der Geschichte werden. Deshalb müssen wir Rechenschaft geben über jedes unnütze Wort, weil auch die unnützen Worte nicht unwirksam sind." - Gibt es eine erschöpfendere und treffendere Charakterisierung des Gebarens der heutigen deutschen Jugend und des größten Teiles ihrer Lehrer und Erzieher als die Worte des berühmten Kirchenlehrers Harnack? — Nicht an der Geschichte der Tatsachen arbeiten unsere Gegner — denn diese Tatsachengeschichte ist ein vernichtendes Urteil all der Vorurteile und Verleumdungen von Rassenhaß, sondern ihre Hauptarbeit ist eine Geschichte der Gedanken über die Tatsachen, „Ein Sandkorn kommt zum anderen, und so bilden sich Ueberliefe- * rungen, öffentliche Meinungen, die selbst wieder zu Elementen der Geschichte werden. Deshalb m ü s s e n w i r R ech e n - schaft geben über jedes! unnütze-Wort, cheil^ auch die unnützen Worte chichk unwirksam^ sin d." Ist es nicht, als ob uns die Mahnung aus den Mrke Aboth wideEingt: „Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten!" — Wir wünschen von Herzen, daß diese goldenen Worte Harnacks, der ja auch in kirchlich und politisch positiven Kreisen außerordentliches Ansehen, genießt, in jeder Volks-, Mittel- und höheren Schule, in jedem. Auditorium und.in jedex klinischen und seminarischen Universitätseinrichtung über dem Katheder der Lehrer und Dozenten als Wandschmuck und in den Hörsälen und Bibliotheken prangten! Es würde die Arbeit an der zweiten Geschichte, das ist die Geschichte der Gedanken über die Tatsachen, ganz andere Resultate ergeben als die gegenwärtige. — Doch Harnack lehrt, daß wir alle an dieser zweiten Geschichte Mitarbeiten, er lädt uns alle n eine große Verantwortung für die Mitarbeit auf, also nicht allein unseren Gegnern, und so müssen wir künftig alle zionistischen Sonderbestrebungen anfgeben und alles zu vermeiden suchen, was vielleicht besonders in den höheren Schulen und Universitäten zum Antisemitismus in der deutschen Jugend, natürlich neben anderen schweren Verse h l u n g e n u n s e r e r G e g n e r, beiqetraqen hat. Eine gewisse Schuld, die besonders einen Teil der jüdischen Studenten trifft, ist die so häufige unnötige Betonung des Politischen Radikalismus. Darüber werden von jüdischen Studenten selbst oft Klagen laut. Eine dieser Mitteilungen, die wir hier wiedergeben, ist besonders charakteristisch. In einer Studentenversammlung, die einer Gedächtnisfeier eines nicht im Kriege gefallenen christlichen Kommilitonen galt, wurden von dem Festredner die hervorragenden Charaktereigenschaften des Verblichenen gerühmt, und im jugendlichen Eifer mag der Redner wohl im Ueberschwang seiner Gefühle des Guten zuviel getan haben. Da -erhebt sich ein jüdischer Student und sagt: „Der Kommilitone rühmt den Verblichenen, als gelte es, einen der Kriegsverlängerer wie 1914 zu einem nationalen Helden zu machen!" — Ein allgemeiner Sturm der Entrüstung, dem sich auch ein Teil der jüdischen Studenten anschloß, erhob sich über diese vollkommen unnötige, geradezu vom Zaune gebrochene Betonung des politischen Radikalismus. Daß aber trotz des immer schärfer austretenden Antisemitismus der deutschen Studenten sich gerade in Liesen Kreisen ein gewisses Gefühl für Gerechtigkeit und Objektivität erhalten hat, beweist folgender Vorfall: Eine wirtschaftliche Vereinigung an der hiesigen Universität suchte bei ihrer Gründung nach einer zweckentsprechenden Leitung, die allerdings eine Unmenge Mühe und Arbeit — selbstverständlich im unbesoldeten Ehrenamt — erfordert. Niemand aus der Studentenversammlung mochte die arbeite und mühevolle Leitung übernehmen. Da meldeten sich freiwillig zwei jüdische Kommilitonen und wurden einstimmig gewählt. Zwei Jahre hatten sie zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber die Würde und Bürde des Amtes getragen, als die neueste antisemitische Bewegung in der Studentenschaft einsetzte. Bei einer Generalversammlung dieser wirtschaftlichen Vereinigung sprach ein Führer des Vereins deutscher Studenten seinen lebhaften Unwillen darüber aus, daß eine wirtschaftliche Vereinigung deutscher Studenten von Juden geleitet werde, und beantragte sofortige Neuwahl. Mt würdigen Worten wiesen die jüdischen Studenten darauf hin, daß sie seinerzeit sich nicht zur Uebernahme der Leitung gedrängt hätten, sondern nur, weil sich niemand dazu bereit erklärt habe, die Arbeit auf sich genommen hätten, daß sie aber selbstverständlich sofort die Leitung niederlegten. Da aber fand der Leiter der Versammlung warme, anerkennende Worte für die pflichttreue und