Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1920)
- Date
- 1920-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 17 Berlin, 23. Hpril 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Nsddiner vr. Ludwig Pbitippfon Verlag; Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. llnftftlt* Der Antisemitismus der deutschen Jugend. Von H e r - mann Becker (Berlin). — D i e Wo-che. — Mischan abelim. Von Bureauvorsteher Nathan Cohn (Charlottenburg). — Moderne Religion. Von Dr. Otto Philipp Neu in a n n (Elberfeld). — Die KreuzZüge und die Juden. Von Dr. Willy Cohn (Breslau). — Interessante Lebenserinnerungerr. Von Regina N e i tz e r (Breslau). — Feui lle t o n: Esther.. Roman von C l e m e n -t i n e K r ä m e r. (3. Forts.). — L i t e r a r i s ch e M i t t u n g e n. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentuins): Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Leipzig, Nürnberg, Bonn, Wien, Budapest. — Von Nah u n d F e r n. Ser -ntilkmitismus der deutschen Tugend. Bon Hermann Becker (Berlin) I. ine schwere Sorge bedrückt gegenwärtig jeden demokratischen deutschen Mann, neben den vielen anderen Sorgen um die Wiedergeburt des deutschen Volkes. Während jeder Väterlandsliebende Deutsche — ohne Unterschied der Partei — in treuer Arbeit und strenger Pflichterfüllung den Platz auszufüllen sucht, wohin ihn die Republik und das Schicksal Deutschlands gestellt hat, um dieses Schicksal erträglich z>u machen und dem kommenden Geschlechte ein besseres Los zu verschaffen als dasjenige, das uns beschieden ist, arbeiten lichtscheue Elemente mit allen möglichen und uninöglichen Mitteln daran, die Zukunft Deutschlands ernstlich zu gefährden, unser Land aus der Reihe der Kulturländer zu streichen, die Gleichheit aller, welche Menschenantlitz tragen, aufzuheben und in die Herzen der Jugend Haß, Neid und Mißgunst zu säen. Einst hieß es: „Der preußische Schulmeister hat Sedan gewonnen." Wenn wir nicht ernstlich der antisemitischen Verseuchung der Jugend entgegentreten, dann wird man dereinst sagen: „Der deutsch^ Schulmeister, das heißt die deutsche Jugenderziehung nach dem Weltkriege, hat Deutschland in den Abgrund der Unkultur gestürzt und das Land eines Goethe, 'Kant und Herder den Ländern Halbasiens gleichgemacht!" Es ist die höchste Zeit, daß wir nach Mitteln und Wegen suchen, um diese Gefahr aufs schärfste zu bekämpfen. II. Fast täglich berichten die Zeitungen von antisemitischen Exzessen in den Mittelschulen, höheren Schulen und Universitäten, in Schüler- und Jugendvereinen, in studentischen Verbindungen und Sportverbänden. Hat unsere Jugend, haben unsere hoffnungsvollen Söhne und Brüder darum ihr Leben gelassen oder sind sie deshalb als Krüppel -vom Schlachtfelde und aus der Gefangenschaft heimgekehrt, haben unsere Töchter, unsere Schwestern die Sterbenden getröstet, die Verwundeten gepflegt, ohne Unterschied des Bekenntnisses, haben endlich unsere wohlhabenden Glaubensgenossen mit vollen Händen die Not und das Elend der Krieger, ihrer Hinterbliebenen und ihrer Familien während des Krieges gelindert, daß wir jetzt von der deutschen Jugend und von ihren Lehrern und Erziehern als minderwertige Rasse bezeichnet werden, mit denen kein guter Deutscher Verkehr Pflegen darf? Daß man uns Juden den dringenden Rat gibt, den Staub des deutschen Bodens von unseren Füßen zu schütteln, ja, daß man uns mit Pogromen droht, gleich denen des früheren zarischen Rußland? Es gilt also genauer festzustellen: Wie ist der Antisemitismus in der deutschen Jugend entstanden und wie können wir ihn bekämpfen? III. Es wäre ein ungerechtes, mindestens aber ein einseitiges Urteil, wollten wir für den Antisemitismus der deutschen Jugend nur die Lehrer verantwortlich inachen. Die Zeit, in welcher man den Lehrer für den allmächtigen Schöpfer der kindlichen Individualität hielt, ist längst vorüber. Die Lehrer selbst lehnen eine solche Aufgabe ab, denn nicht nur die Pädagogik, auch, die Psychologie und Philosophie haben schon lange erwiesen, daß kein Mensch dem anderen in seinen seelischen Eigenheiten gleicht und daß demgemäß auch die.Erziehungs- und Bildungsaufgabe nicht die Züchtung von Normalmenschen sein kann, weil es solche gar nicht gibt, sondern daß jedes Kind individuell erzogen, das heißt gemäß seinen seelischen Anlagen herangebildet werden muß. Die Ausbildung der Individualität ist freilich nicht immer in den großen Schulsystemen der Großstadt möglich. Die Folgen zeigen sich gerade in der großen Zahl der jugendlichen Verbrecher in den Großstädten, merkwürdigerweise aber auch in der großen Verbreitung des Antisemitismus in der Jugend der Großstädte. Verschiedene Ursachen haben zu dieser antisemitischen Verseuchung der deutschen Jugend beigetragen, deren Spuren wir in allen Unterrichts- und Bildungsanstalten, mit sehr wenigen Ausnahmen, von der Volksschule bis zur Universität hinaus, bemerken. Es. ist gewissermaßen eine Massenpsychose,) unter deren Bann die deutsche Jugend bedauerlicherweise steht. Freilich haben auch die Lehrer zu dieser Massenpsychose der Jugend beigetragen, wenn sie auch nicht allein .wie bereits oben bemerkt —- die Urheber sind. Die älteren Lehrer, die noch aus der monarchischen Zeit in die neue mit übernommen sind, haben sich noch immer nicht neuorientiert, sondern sie sind zum größten Teil genau so konfessionell und politisch unduldsam, wie sie vorher gewesen sind. Es wird freilich einem in der alten Weltanschauung und politisch, im alten Obrigkeitsstaat Erzogenen und. Denkenden außerordentlich schwer, umzudenken und umzulernen. Denn er soll den bisherigen „festen Pol in der Erscheinungen Flucht" aufgeben und einen neuen Stützpunkt für eine neue religiöse und politische Weltanschauung suchen. Diese geistige Unfreiheit wird noch vergrößert durch die nächsten Vorgesetzten Behörden, zu deren Mitgliedern mit sehr