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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-16 · Heft 16 (16.4.1920) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 16 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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.178 Da ging Veit Stein — statt zur Post zw dem Altwirt, dem in besseren Tagen der Adler gehört hatte, und setzte sich hin und plauderte ein wenig mit ihm und seiner Frau. Und sagte beim Weggehen, wie nebenbei, daß er und der Adlerwirt immer gut Freund gewesen seien, und daß es allzeit so bleiben solle. In Freud und Leid, Und gab Leiden die Hand. - Ueber diese Versicherung so mitten drin im Alltag wunderten sich die beiden alten Leute erst den anderen Tag nicht Mhr. Denn als sie nämlich erfuhren, wo ihr Sohn geblieben. -"--Esther wuchs heran und war schon beinahe sechzehn. Und -man' sagte dem Veit Stein, er müsse bald die Mitgift bereitstellen. Doch der Vater blickte auf sein liebreizendes Mädchen, strich ihm gern über die braungelockten Haare und es schien, als denke er diesen Gedanken: sie, gerade sie, müsse sich einst einer heimholen um ihrer selbst willen. Aeußerte er jedoch solches zu seiner Hausfrau, so meinte die, diese Zeiten wären vorüber, und er möge sich nur derlei Ideen aus dem Kopf schlagen. Freitag nachmittag, im Dorf. Schon liegt der Sabbatanzug in der Schlafkammer auf dem Bett für den Hausvater bereit. Und das frifche Hemd. Und das schwarze Taffethalstuch. Daneben die silberne Schnupftabakdose. Und in der Wohnstube breitet die Mutter das grobleinene Tischtuch über den Tisch und legt darauf das Sabbatgebäck, den knusprigbraun gebackenen, mit .einem fünffach geflochtenen Teigzvps gekrönten, mohnbestreuten „Berches". 'Dann „entzündet" sie. Das will sagen, sie steckt die sieben, kleinen Oellichter an der Sabbatlampe aus Messing an, die über dem Eßtisch glänzt, und spricht mit ausgebreiteten Händen den Segensspruch über das Licht. Die Kinder, sauber angetan, frisch gewaschen und gekämmt, harren nun mit der Mutter des Vaters. Sv in jedem Hans in dem kleinen Jadendorf. Ueberall ungefähr so. Ueberall warten sie Freitagnachmittag, ehe der Sabbat „eingeht", des Hausvaters, der die Woche über draußen „gehandelt" hat. Mit Vieh oder mit altem Eisen, mit Lumpen, mit Knochen, mit Leder oder womit sonst immer. Davon hat der Dichter gesungen: Aber jeden Freitagabend In der Dämmrungsstunde Plötzlich Weicht der Zauber, und der Hund Wird aufs neu ein menschlich Wesen. Schon sind die letzten Männer einpassiert. Doch Veit Stein j kommt noch immer nicht. Schon geht der Rabbiner in seinem Ornat zum Gottesdienst. Ein Paar alte Männer, die immer die ersten sind, mit ihm. Schon hört man leisen Singsang aus der Synagoge hallen: L’echo Dodi Likras Kallo . . . „In dem Liede wird gefeiert — die Vermählung Israels — mit der Frau Prinzessin Sabbat". Doch Veit Steins Kinder stehen geängstet, die Mutter in Bestürzung. Nie in den achtzehn Jahren ihrer Ehe, nie war ihr Mann am Freitagabend fern gewesen. Den Zug versäumt? Ach nein! Er —- und am Vorabend des Sabbat den Zug versäumen! Wo es galt ins Gotteshaus zu gehen und dem Herrn zu danken, „der gegeben die liebliche Gabe des Sabbat". Wo es galt, den Seinen den Segen, den Frieden und die Freude ins Heim zu tragen! Und dennoch hatte Veit Stein in der Tat den Zug versäumt, der ihn bis zur Station hätte bringen sollen. Dies eine Wal nur. Und zum erstenmal in seinem- Leben. Aber " auch das letzte Mal. Denn er war tot. Tot umgefallen mitten auf der Landstraße. Sie sagen: Die der liebe Gott am Vorabend des Sabbat zu sich heimruft, seien ihm besonders liebe Kinder, und er lade sie sogleich zu Speise und Trank an der frisch gedeckten j Himmelstafel. — — Jetzt braucht Fradel Stein nicht mehr der ,Knh> das neue Leintuch unterzulegen.-Jetzt, da ihr der Mann 'alleschatte liegen und stehen lassen müssest und davongehen mittest drin! Wir alle müssen so gehen. Mitten -drin in unserer Arbeit. Das wissen wir wohl. " Dennoch tun wir so. als ob es Mg weiterginge. Ohne ein Anfhören. " Doch der Wittfrau erstand der Retter. Liepmann Schuhrinann. Er lieh ihr. seinen Rat ,md half ihr mit der Tat. Und sie lächelten bald im Dorf. Denn'es war deutlich, daß ein Geschäftsmann wie jener es nicht um Gottes Lohn tue. Fradel Stein hielt es für ein rechtes Glück, wie Liepmanst Schuhrmann kam und sie um ihrer Esther Hand bat. j?" Diese traut sich nicht sogleich mit einem ganzen .Nein heraus. Sie wäre noch zu jrmg und man möge warten.. Da gibt Frau Fradel die Geschichte ihrer eigenen Großmutter zum besten:. „Wie der Großvater um die kaum Sechzehnjährige angehalten habe, hätte deren Mutter ihm auch von der großen Jugend ihre^ Kindes gesagt. Aber da wäre auf einmal hinterm Ofen vor ein verächtliches „ach was zu jung" gekommen. .Und jene habe sich zur endlichen Freude aller sogleich verloben lassen. Freilich sei es dann noch hübsch lange hergegangen bis zur Hochzeit, denn der Bräutigam habe zuerst noch in die Stadt gemußt zu den Soldaten auf fünf lange Jahre." Fradel Stein konnte, wie alle Frauen, nicht gut Anekdoten wiedergeben. Allemal erzählte sie ein Stück weit über die Pointe hinaus. Und zuletzt, wenn sie gar nimmer heimzufinden wußte, fügte sie verlegen an, gerade diese Geschichte hätte män ihren seligen Vater erzählen hören'müssen. Denn sie fühlte selber, daß sie sich um die Wirkung brachte. Auch bei Esther, die der heiratsfrohen Ahnin Beispiel durchaus nicht zur Nacheiferung antrieb. Dennoch sahen bald alle im Dorf den Liepmann Schnhrmann als Esthers Verlobten an. Nur sie selber nicht, deren Grauen vor diesem Mann nicht geringer geworden wär seit damals auf der Hochzeit, da er' sie frech in seine Arme hatte nehmen wollen. Für sie war er der gleiche geblieben,/obgleich er min längst keine Schmierstiefel mehr trug. Sondern diese selbst an den Werktagen glanzvoll wichsen ließ. Eines Tages kommt 'Abraham Oppenheim ins Haus. Abraham Oppenheim, der Student. Noch immer Student. Sonst aber hat er sich inzwischen'recht verändert. Zunächst: cr läßt sich jetzt „Alfred" nennen. Ferner ist er — wie man sagt „aus der Kutte gesprungen" und studiert Medizin. Das heißt, wenn du den alten Oppenheim fragst, so behauptet er, sein Sohn studiere bloß,' wie er des Vaters Geld vertun könne. Und er"habe es darin bereits zur Meisterschaft gebracht. „ . . . Ja, schönes Väschen," erwidert Alfred Oppenheim, „wenn du mich um Rat fragst — ich Hab' nur einen: lauf davon! lauf ihm einfach davon." Und Esther: „Davonlaufen! Ich! Wohin? Mit wem?" „Wohin?" lacht der Mann, „zum Beispiel nach München. Mit wem? Zum'Beispiel mit mir." Esthers bräunliche Färben färben noch tiefer: „Und dann?"— Er macht halb im Rhythmus: „Wer nur den lieben Gott läßt walten, und Hoffet auf ihn alle Zeit, . .", wie sich, so ein lutherischer Choral ausnähme im Munde eines, der iechc- Semester jüdische Theologie studiert habe, hm? Ueberhaupt sonderbar im Munde eines Juden, nicht? Denn es wäre unjüdisch, den lieben Gott ganz allein walten zu lassen, da die Juden schon immer bis jus dritte und bierte Glied, und noch viel weiter hinaus sorgten. Was dies beträfe, so hielte es der Frömmste für angezeigt, dem lieben Gott ein klein wenig' nächzuhelfen. Er aber habe in zu vielerlsi Kreise

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