Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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.177 Mitbürgern und unsere Kinder nicht ausschalten aus der Kultur der Völker. Was wir anstreben, das ist ein neues Jabne, eine jüdische Schule zur Pflege des jüdischen Geistes, von dem der Prophet verheißen hat, daß er nicht weichen wird von unseren Kindern und Kindeskindern in aller Ewigkeit. Kau! de LsggrLr'). Von Dr. M. Spanier (Magdeburg). en neuen Biographen verband mit dem berühmten Orientalisten innige Freundschaft, treue, hingebungsvolle Liebe. Wenn auch mit großer Wärme geschrieben und im allgemeinen Lagardes Standpunkt vertretend, ist der Verfasser nicht blind gegen dessen Fehler und Schwächen. Obwohl Lagarde als Protestant geboren, befehdet -er den Protestantismus und wälzt alles Unheil der Staatskirchen auf Luthers Schultern, den er in jeder Beziehung bekämpft. Luther war ihm „ungenießbar". Für ihn kommt nur ein Christentum in Betracht, wie es die katholische Kirche der ersten 14 Jahrhunderte ausgebildet hat, zu deren wirklichem Besitz der Protestantismus nicht ein neues Stück hinzugefügt habe. Aus ihren Dogmen sei vor allem das jüdische Gift zu entfernen. Nach Lagarde kann von einer Erfüllung des Alten Bundes im Neuen keine Rede sein. Das Alte Testament komme für unser heimisches religiöses Leben nicht mehr in Betracht. Anderseits lag und liege die Bedeutung des Alten Testaments in den großen Erwerbungen der frommen Gemüter, welche in den Worten heilig, gerecht, demütig und ähnlichen ihren Ausdruck gefunden haben. In einem Briese an den Verfasser bemerkt er ausdrücklich: „Sie wissen, daß ich das Alte Testament nicht liebe. Und doch steht auch in ihm manches tiefe Wort (Anhang' S. 399). Wenn wir uns seine tiefe Abneigung gegen Juden und Judentum vergegenwärtigen, so müssen wir uns dabei die sicherlich zutreffende Charakteristik vor Augen halten, die Schemann über ihn zeichnet: die eigenartige Mischung von Selbstgefühl und von Mangel an solchem, die göttliche Grobheit, die leidenschaftliche Einseitigkeit, die krankhafte Reizbarkeit in der Bissigkeit des unverbesserlichen Klerikers (S. 182). So bemängelt Schemann Lagardes Stellungnahme zu Schopenhauer mit den Worten: „Es bleibt dabei, er kannte Schopenhauer nicht, lehnte ihn aber ab." Auch mit Bismarck konnte er sich nicht befreunden. „Sein schlechthin unideales Gebaren ist ein Hohn aus alles, was deutsch ist," schreibt Lagarde, „alles Wesentliche zertritt -er." Uns interessiert hier besonders, daß Lagarde den Kamps gegen das Judentum in allen Formen, im politischen wie im sozialen Leben, mündlich und schriftlich, wissenschaftlich und literarisch sozusagen bis zum letzten Atemzuge geführt hat. Sein Biograph muß zugestehen (S, 232): „Vielleicht hat er sich nicht in allen Stadien des Kampfes aus gleicher Höhe zu halten vermocht — insbesondere in seinen Fachstreitigkoiten mit Spezialisten der jüdischen Wissenschaft soll er sich zu weit vorgewagt und Blößen gegeben haben." Als Kronzeugen werden hierfür nur die beiden christlichen Gelehrten C. Siegfried und Paul Haupt angegeben. Wir könntennoch aus die jüdischen Gelehrten D. Kaufmann und Berliner Hinweisen, die es sich zur Aufgabe stellten, die von Lagarde gegen den Altmeister jüdischer Wissenschaft, Leopold Zunz, gerichteten schmachvollen Angriffe abzuwehven. Es wird auch darüber berichtet, daß Lagarde in einem gegen die Volksschullehrer wegen Beschimpfung der jüdischen Relgion eingeleiteten Prozesse, zu ') „Paul de Lagarde." Ein Lebens- und Erinnerungsbild von Ludwig Schemann. 1919. Verlegt bei Erich Matches, Leipzig. einem Gutachten über den Talmud anfgefvrdert, auf Gründ desselben von dem Staatsanwalt Bertram des Mangels an Würde, des Dünkels und anderer Dinge geziehen worden ist. In einer Eingabe an den Justizminister führte er hierüber Beschwerde und verlangte Genugtuung. Die Absendung aber unterblieb, als Lagarde die Nachricht von dem Tode des Staatsanwalts Bertram zuging. Zartfühlende Rücksichtnahme. Aber auf den verstorbenen Zunz häufte er die schimpflichsten Beleidigungen, mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß sich sein Aufsatz nicht früher schreiben ließ. Kaufmann verweist bei der Gelegenheit auf das Wort: „Den toten Löwen an der Mähne zausen, ist kein Heldenstück.^ (Siehe David Kaufmanns Gesammelte Schriften Band 1, S. 220. Frankfurt a. M. 1908.) — Gewiß könne man, meint Schemann, Lagardes erbarmungslose Charakteristik ihrer (der Juden) ethischen Verarmung, ihrer Lieblosigkeit, ihrer Schauspielerei, ihres Händlergeistes, ihrer Selbstbespiegelung nicht ohne eine peinliche Empfindung, fast ohne einen gewissen Schauder lesen und man finde es begreiflich, wie berechtigt, wenn manche Juden auch Lagarde gegenüber keine Schonung geübt haben, daß aber „Das heilige Müssen" ihn in den Kampf getrieben und daß er in einzelnen Momenten desselben „vielleicht" (!!) einmal sich selbst vergessen habe. Gewunden muß also der begeisterte Freund selbst ein solches Zugeständnis machen. — Eine Schmach bedeutet es, wenn Männer wie Theodor Fritsch zu den Jüngern Lagardes gezählt und dessen „lichtvolle Volksaufklärung" gerühmt wird (S. 93 Anm.). Mit aller Entschiedenheit bekämpfen wir den Schlußsatz der Vorrede (S. XI): „Je mehr Menschen in Deutschland recht ernstlich um Lagarde wissen, desto besser wird es auch um jenes unselig-selige deutsche Vaterland,, das nur allzu viele sich heute verloren glauben, bestellt sein." Nein und abermals nein! Wann werden die um Lagarde aus der Geschichte lernen? Engherziges Denken, vorurteilsvoller Sinn, liebloses Handeln — all das zeigt uns nicht den Weg zu höherem Aufstieg, sondern zu den Tiefen des Abgrundes. Wenn der nationale Gedanke sich nicht mit humaner Gesinnung paart, treiben wir einem Chaos zu, das lehrt die Weltgeschichte, und die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Llthrr. (2. Forts.) Roman von Clem entine Kr ä m er. ies war am Sabbat vormittag. Wie nun der Vater aus der Synagoge heimkam, da hielt es das Kind nicht länger, und sie erzählte alles, was sie dachte und wußte. Jener machte ein tiefbekümmertes Gesicht und wollte, daß Esther zunächst zu keinem Menschen davon spreche. Er aber werde sogleich nach Sabbatausgang an den Abraham nach Breslau schreiben. Ins Rabbinerseminar, wohin dieser den Tag nach dem Brand abgeveist war. Wie Veit Stein im Begriff ist, den anderen Morgen den Brief zur Post hinunterzutragen, da trifft er aus den Landjäger. Der -erzählt, vor einer Stunde hätten sie den Adlerschorsch „geholt". Er wäre verdächtig, das Jeanettle . . . zwar dürfe er gar nichts aussagen — fügte der Gesetzesdiener sogleich hinzu. Nicht das geringste — nicht eine Silbe dürfe über seine Lippen kommen — Herr Stein solle bloß nicht fragen —. Nur dies noch: Es sei ein eiliger Brief gekommen von ganz weit her, beinahe bis aus dem Russischen — aus Bernau oder Bretzlau oder so — und daraufhin hätten sie, wie gesagt, den Schorsch verhaftet.