Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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schulen verschwinden wird und, weil die jüdischen Gemeinden sür einen Ersatz nicht sorgen, unsere Kinder, bar aller sittlichreligiösen Hemmungen, den Lockungen der Sünde preisgegeben sein werden. Um den Uebergang sür das in seiner Mehrzahl katholisch empfindende Volk schmerzlos zu gestalten, wird die Religion als Pflichtgegenstand r-orerst noch aus der Unterstufe geduldet. Das Judentum der völlig indifferenten Schichten hat einen Tiefpunkt erreicht, von dem es nur deshalb nicht weiter sinkt, weil immer noch lose Fäden Haus und Schule miteinander verbinden. Schwindet die Religion aus der Schule — aus dem Hause ist sie längst schon geschwunden — was dann? Die Wächter werden die Augen offen halten, die Schäden erkennen und aus ihre Heilung sinnen müssen. Die besten Wächter der Stadt werden nach wie vor die besten Lehrer sein. Doch Sache aller, die sich berufen fühlen, das heilige Erbe der Väter zu hüten, wird es sein, dafür Sorge zu tragen, daß die Lehrer die Möglichkeit haben, ihres Amtes zu walten. Und das wird, wenn wir die Zeichen der Zeit richtig zu deuten verstehen, einzig und allein in der jüdischen Schule der Fall sein. In Budapest hat der Umsturz der politischen Verhältnisse mit einem Schlage ein Problem gelöst, an dem die edelsten Geister jahrzehntelang sich versucht hatten, ohne einen Schritt vorwärts zu kommen. Der wilde Taumel, in den der Judenhaß und die Judenhetze das edle Magyarenvolk nach dem Zusammenbruch der grausamen Bolschewistenherrschast gestürzt hatten, machte ein ruhiges Zusammenarbeiten von Lehrern und Schülern verschiedenen Glaubensbekenntnisses schlechterdings unmöglich. Zu Beginn des laufenden Schuljahres wurde der erste Jahrgang des jüdischen Gymnasiums eröffnet. In vier Parallelklassen — je zwei sür Knaben und Mädchen — werden rund 200 Schüler und Schülerinnen unterrichtet. An Schulgeldern sind in diesem Jahre sür das Gymnasium 60 000 Kronen, an Tempelspenden 124 000 Kronen eingelausen. Was in Budapest möglich war, das wird in Prag nicht unmöglich sein, wenn auch hier die jüdische Schule vorerst noch mehr Wunsch als Bedürfnis ist. Noch gibt es deutsche Mittelschulen in Prag, in denen die jüdischen Schüler nach wie vor unbehelligt bleiben. Fast in allen deutschen Mittelschulen Prags überwiegt die Zahl der jüdischen Schüler, was von den Schulleitungen und auch von den meisten Lehrern gebührend gewürdigt wird. Die Behandlung der jüdischen Schüler ist überall korrekt, ja liebevoll. Die jüdischen Feiertage tverden entsprechend berücksichtigt, die jüdischen Schüler sind vom Schulbesuch befreit, neuer Lehrstoff wird nach Tunlichkeit nicht V-orgetragen. Eine unrühmliche Ausnahme machen zurveilen die noch nicht getauften Lehrer; gegen die getauften rind auch gegen die christlichen Lehrer ist eine Kläge nicht laut geworden. Von den zionisttschen Herren, deren es jetzt in allen Lehrkörpern etliche gibt, ist in diesem Zusammenhangs nur Lobenswertes zu sagen. Aber wie lange wird es denn deutsche Mittelschulen in Prag geben, oder — weniger schwarz gesehen — wie lange denn werden jüdische Schüler die deutschen Mittelschulen in Prag besuchen! Von den städtischen Behörden wird ein unerhörter und unerlaubter Druck auf die Eltern ausgeübt, daß sie ihre Kinder in tschechische Volksschulen schicken. Kinder aber, die einmal durch eine tschechische Volksschule gegangen sind, kommen nicht mehr auf eine deutsche Mittelschule. Und das führt zu einem doppelten Nebel. Nicht nur, daß junge Juden in Ermangelung der deutschen Sprache, und der deutschen Bildung nur schlecht ausgerüstet ins Leben hinausziehen, auch das Judentum dieser jungen Menschen reicht nicht aus, um Schutz und Wehr im Kampfe zu sein, weil die tschechisch orientierten Glaubensgenossen in ihrer radikalen Angleichungssucht dem guten Geist unserer Ueberlieserung viel rascher verloren gehen als die deutschen. Da soll die jüdische Schule die drohende Gefahr vom Judentum abhalten und unsere Jugend vor Schaden bewahren. In 176 - die jüdische Mittelschule werden Eltern wohl ihre Kinder schicken, auch wenn diese eine ffchechische Volksschule werden absolviert haben, weil der nationale Dünkel, der in jedem deutschen Schulgebäude eine Herausforderung sieht und in seinem Ueberschwang mehr als einer deutschen Schule das frühe Grab schaufelte und sich noch manche zum Opfer auserküren wird, keinen Grund haben dürfte, sich auch gegen die jüdische Schule zu kehren. Hier sollen beide Landessprachen gelehrt und gleichberechtigt gepflegt werden, hier soll die Erziehung nicht vom tschechischen und nicht vom deutschen, sondern vom jüdischen Geiste gelenkt und geleitet sein- Und dieser erfreut sich, wenn man Worten glauben darf, der Sympathien der führenden Männer der tschechischen Nation. Die jüdische Nationalität ist von der Nationalversammlung anerkannt worden; die Errichtung jüdischer Schulen erwarten wir nicht von ihr, sondern von uns. Und wenn wir wollen, ist unsere Erwartung keine Utopie. In Budapest konnte ein jüdisches Gymnasium eröffnet werden, weil die bereits bestehende jüdische Volksschule, die einst auch der gewesene jüdische Minister Väzsonyi besuchte und die bis aus den heutigen Tag eine Zierde der Gemeinde bildet, als ein Reservoir gedacht ist, aus dem das Schülermaterial für die höheren Lehranstalten geschöpft werden soll. In Prag müßte eine jüdische Volksschule erst gegründet werden, woran vorerst nicht zu denken ist, weil es keine jüdischen Volksschullehrer gibt. Hingegen ist kein Mangel an jüdischen Mittelfchullehrern, unter denen insbesondere die jüngeren, die unwandelbare Zionisten sind, die Erfüllung ihrer Sehnsucht von der jüdischen Mittelschule erhoffen. So wird denn der Anfang mit der jüdischen Mittelschule zu machen sein, und die jüdische Volksschule wird folgen, bis die Liebe zu ihrem Volke unsere Jünglinge nicht zurückschrecken läßt vor dem Brot des jüdischen Volksschullehrers, oder bis der jüdische Volksschullehrer sein Brot nicht mehr mit Tränen ißt, weil es aufgehört hat, ein Gnadenbrot zu sein. Das Schülermaterial aber wird der jüdischen Mittelschule in Ermangelung einer jüdischen Volksschule von dort zugesührt werden, wo es noch jüdische Volksschulen gibt, aus der Slowakei; dort, wo die tschechische Unterrichtssprache eingesührt und die ungarischen Lehrer mit unsanfter Gewalt aus dem Amte entlassen wurden, ist es dem jüdischen Schüler, dem diese Unterrichtssprache fremd ist und noch lange, lange fremd bleiben wird, glatterdings unmöglich gemacht worden, eine heimatliche Mittelschule mit Erfolg zu besuchen. Wenn auch noch die erste zu errichtende jüdische Mittelschule, über deren Typ nach einer Umfrage bei den Interessenten bald entschieden werden kann, nach fünf scharfen Unterrichtstagen am Sonnabend geschlossen bleibt, so werden unsere glaubensstarken Landsleute in der Slowakei jedes Opfer bringen, um ihren Kindern den Besuch der jüdischen Mittelschule in Prag zu ermöglichen. Von dort werden auch die ersten Gründungsbeiträge eingehen sür die jüdische Schule, die nicht Eigentum einer Gemeinde, noch weniger Besitz einer Partei, sondern Gemeingut aller Juden in unserem Lande sein wird. Die jüdische Schule wird, eine gute Kapitalsanlage sein, der Klingelbeutel wird erst nicht lange herumzugehen brauchen. Sie soll nicht zum trennenden Schibolet der Eiferer, sondern züm einigenden Wahrzeichen des Judentums einer neuen Zeit werden, um das sich alle, bewußte und unbewußte Juden, Orthodoxe und Liberale, Zionisten, Nationale und Assimilanten in herzlicher Eintracht scharen. Ja, auch sür den, der nicht vom Volke Israel ist, sei Platz in der jüdischen Schule, wie einst in dem Tempel des weisen Königs Salomo. Auch christlichen Schülern werden die Pforten der jüdischen Lehrhallen geöffnet sein, auch christliche Lehrer sollen an der jüdischen Schule sich bewähren dürfen. Wir wollen kein neues Getto errichten, keine Judenschule. Wir wollen uns nicht absondern von unseren