Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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'.175 .Dreijährigen. Ein dickest, Kmdergesicht, nur wulstiger Mund. Micher. Häng-ezops mrdirbss, Bandschleise; eine dicke Kinder- . patschhand wurde mir lachend gereicht. Es aß vergnügt sein Süppchenam Kindertischchen. Die Kleine stammt aus Mähren... Wäre eine „Sehenswürdigkeit".. : Ineinem.blütenweißen Bettchen ein hübscher zweijähriger Knabe; ■Mhgeschlossenen Augen liegt das Köpfchen ins Kissen gedrückt. .Die Schwester hebt es empor — die andere Gesichtshälste ist völlig schief. Es kann sich nicht rühren. Das Kind hat kein Empfinden, es nimmt Nahrung zu sich, das ist alles. Angesichts -Lessen und so viel anderer trauriger Dinge fragt man iMwillkürlich: „Wozu? Warum?" Niemand weis; es. Das Schicksal ist stumm. ... Die gar zu traurigen Fälle lasse ich unberührt. Hier sind's Abnorlnitäten, welche ich leicht skiMerte. - Unvergeßlich wird mir der erste Sederabend des vorjährigen Pessachfestes in der Erinnerung bleiben. IN dem großen Speiisesaal, der glänzend durch einen 'Lüster mit Kristallprismen erleuchtet war, stand eine mit Blumen- - girlanden, mit Silbertandslabern, mit herrlich gestickter Sederdecke.und mit Kristallgläsern und Schalen geschmückte Tafel. : Alle noch..bewegungsfähigen Kranken, Männer, Frauen, alt . und jung, füllten den Raum und nahmen die Plätze zu beiden Seiten der. Tafel ein. An einer Seite der Huseisenfovm standen Krankenwagen mit ihren Insassen. Sie konnten nicht heransgenvmmen werden. lieber allen Gesichtern war frohe Erwartung .ausgebreitet... . Und die Feier begann. . Der Verwalter mit seiner.Gattin, der Oberin, hatten, die Eckplätze eingenommen. Herr Seckbach hielt eine zu Herzen gehende Rede Wer die Bedeutung des Festes, über die gewaltige Zeit, in welche dieses Fest wiederum fiel. Die Hagada wurde von allen Anwesenden mitgesungen. Dann folgte das Abendessen; es war ausgezeichnet. Nach dem Mesum-menbenschen folgte der zweite Teil der Hagada. Die Kranken, als sie aufstanden, waren von heißem Dank erfüllt; sie" sprachen es aus. Einer setzte zu einer Rede an, verlor den Faden — die Rührung war zu groß! Auch, im Hause des Leides kann ungehenchelte Freude herrschen - man muß nur verstehen,-sie zu entfesseln. Auch der Geberigte richtet sich auf, wenn ihm die Gelegenheit zuteil wird. Herr Seckbach, als Leiter der beiden- Anstaltenplädierte für die Einrichtung eines Krüppelheims, welches den be-! stehenden beiden Häusern angegliedert werden sollte. Ein j Aufruf war seinerzeit in jüdischen Zeitungen erschienen. . Ohne Beihilfe läßt es sich nicht durchführen. F. Cohn-Neßler. Der Ruf nach der jüdilchrn Schule. Von Rabbiner Pros. Dr. Schwärtz in Prag, ier ist keine Judenschule! So hörte ich vor kurzem wieder einmal einen gemütlichen Sachsen am Schalter rufen, als einige Bürschchen zur Einlösung der Zinsscheine ihrer Kriegsanleihe — der reichsdeutschen natürlich — etwas vorlaut sich drängten. Dieses geflügelte Wort ist jedem Deutschen geläufig. Er gebraucht es skrupellos bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, in jedem möglichen und unmöglichen Zusammenhänge, NM damit ein würdeloses Berhalten an Respekt heischender Stätte zu geißeln, ohne zu ahnen, daß er ein leeres Wort im Munde führt. Die Judenschule ist nämlich schon lange nicht mehr, an ihre Stelle trat der Tempel. Und da ist alles von derselben Würde und Feierlichkeit, von derselben Helligen Scheu und lautlosen Stille - - weil vor leeren Bänkett — wie in der Kirche. Wenn aber unter Judenschule fälschlich nicht das alte Bethaus, in dem es wohl ein bißchen kunterbunt hergegangen sein mag, sondern eine jüdische -Unterrichtsanstalt verstanden werden soll, dann ist dem geflügelten Wort erst recht der Inhalt verloren gegangen, weil wir eine Judenschule in solchem Sinne in Böhmen leider nicht mehr oder noch nicht besitzen. Sie zu errichten ist ein Gebot der Stunde und ein Bedürfnis unserer so gründlich veränderten Zeitverhältnifse. . Wieder gilt das Wort jenes Talmudweisen, der die besten Lehrer für die besten Wächter der Stadt hielt. Wir haben keine Religionsschnlen wie in Deutschland. Bei uns wird der Religionsunterricht, der im Lehrplan vorgesehen ist und im Zeugnis an erster Stelle genannt wird, im Rahmen des staatlichen Schulbetriebes erteilt. Der Lehrer wird vom Staate bestellt und bezahlt; er hat Sitz und Stimme im Kollegium und ist der anerkannte Berater und Beschützer seiner Pflegebefohlenen, über die er in den Konferenzen wachend und schirmend seine Hand hält. Die Pflege der Religion in der Schule ist gewiß mangelhaft. In dem kärglich bewilligten Zeitausmaß von zwei Stunden die Woche ist weder aus der Unterstufe noch auf der Oberstufe der Lehrstoff mit Erfolg zu bewältigen. Doch der gewissenhafte Lehrer — und welcher Religionslehrer ist es nicht! — bemüht sich, redlich, den Tag zu nützen und jede Stunde so zu werten, daß sie zum Segen für den Schüler werde. Das soll nun mit einemmal anders werden; die politische Umwälzung hat auch in unserem Religionsunterricht eine Revolution hervorgernfen, die Nationalversammlung hat ein Gesetz angenommen, das den Religionsunterricht an den Mittelschulen nach wie vor als Pstichtgegenstand duldet, aber nur in den ersten fünf Jahrgängen, und auch da mit der Einschränkung, daß, während in den ersten drei Klassen das Zeitausmaß von zwei Stunden die Woche belassen wurde, im vierten und fünften Jahrgang nur e i n e Unterrichtsstunde die Woche zulässig ist. In den letzten zwei Klassen der Realschule und in den letzten drei Klassen des Gymnasiums äst Religion als obligates Lehrfach gestrichen worden. - Hingegen bestimmt die Durchführungsverordnung zu dem Gesetze, daß die letzten zwei, respektive drei Klassen zu einer Stufe kombiniert werden können, aus welcher der Religionsunterricht zwei Stunden die Woche unobligat zulässig ist, aber nur unter der Voraussetzung, daß mindestens zwanzig Schüler vorhanden sind. Man weiß nicht, was man an diesem Gesetze und dessen Durchführungsverordnung mehr bewundern soll. Ob die von -jeder Sachkenntnis ungetrübte Unschuld und Harmlosigkeit, die für die Unterweisung in Bibel, Liturgie, Sprachlehre, Geschichte, Glaubens- und Pflichtenlehre e i n e Wochenstunde für ausreichend hält, ob die religionsfeindliche Gesinnung, die mit den Habsburgern auch deren Religionssreundlichkeit. ans dem Lande verbannen möchte und die darum für den nnobligaten Religionsunterricht auf de; kombinierten Oberstufe zwei Wochenstunden ausgeheckt hat weil die Schüler Nicht dafür zu haben sind, nachdem sie zwe Jahre hindurch für den obligaten Religionsunterricht mi einer Wochenstunde ihr Auslangen gesunden hatten. Unk' wenn schon die Schüler es wollten, so wird ihr guter litt; zuschanden an der Falle, die ihnen mit der ominösen Zahl 20, an welche die Unterrichtsmöglichkeit geknüpft ist, gelegt wurde. Diese Zahl ist an Realschulen, wo nur zwei Klassen (sechste, siebente) in Betracht kommen, nie, an Gymnasien, wo mit drei Klassen (sechste, siebente, achte) operiert wird, fast nie zu erreichen. Und in der Tat sind die jüdischen Schüler der Oberstufen an fast allen deutschen Mittelschulen Prags ohne Religionsunterricht. Dort, wo er vom Lehrer freiwillig, ohne Vergütung, gegeben wurde, ist er von der Schulbehörde eingestellt worden. Das dicke Ende kommt aber nach. Die Einschränkung des Religionsunterrichts ist nur ein Vorspiel.. Dem Gesetzgeber schwebt als Ideal die religionslose Schule, vor. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist die Zeit picht mehr serp, wo die Religion ganz und gar aus dem Lehrplan der Mittel-