Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
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173. letzten Endes Erfolg zu erreichen. Wie überall, so ist hier ganz besonders die Liebe zum Kinde das große Zauberwort, das die Herzen erschließt, die Sinne zur Uebung und Betätig gung weckt und empfänglich «nacht und die gehemmten Nervenbahnen von ihren Faseln zu läsen sucht. So ist mit der Anstalt Beelitz ein Institut ins Leben gerufen worden, das, den Bestrebungen der beiden Gründungskörperfchasten entsprechend-, als ein Haus der Humanität, ein Heim der Liebe und Güte, eine Stätte des Segens und der Hoffnung wirkt und schafft. Schon das Vorhandensein dieser Anstalt bedeutet einen Segen Mr die vielen ihr anvertranten Kinder und einen Segen für ihre Angehörigen. Nicht selten ist ein solches Kind im elterlichen Hause ein kleiner Haustyrann, ein Hemmschuh der Familie, ein rechtes Sorgen- und Schmerzenskind. Mit der Ueberwersung des Kindes nach Beelitz werden der Eltern Sorgen gemindert, ihre Schmerzen und Leiden, gelindert und neue Hoffnung ihnen erschlossen. Mit der Aufnahme des Kindes in Beelitz, mit dev erziehlichen und untevrichtlichen Einwirkung auf dieses und mit der eintretenden Entlassung darf das Liebeswerk aber nicht arifhören. Jetzt nun muß die weitere Fürsorge für die der Schulanstalt entwachsenen schwachsinnigen Zöglinge eingreisen und sich betätigen. Hier kommt es nun wesentlich darauf an. festzuftellen, ob das Bildungswerk der Schule und die vorhandene körperliche Konstitution iw Schwachsinnigen für einen Beruf geeignet erscheinen lassen. Schon die Beobachtung und die Erfahrung in der Schulanstalt haben den Weg gezeigt, der für jedes einzelne Kind zu wählen ist. Wer nun von den zur Entlassung kommenden Kindern für die freie Lehre geeignet und somit als völlig erwerbsfähig anzusprechen ist, soll bei -einem Meister außerhalb der Anstalt seinen Beruf erlernen. Diejenigen Kinder aber, die in der freien Lehre nicht vorwärts kommen, die von einer Lehrstelle zur anderen wandern, nirgends auslernen, ohne Halt und Ausdauer sind, es bald mit diesem, bald mit jenem Fach versuchen, niemals festen Fuß zu fassen in der Lage sind, oder die von dem Meister direkt zurückgewiesen werden oder infolge ihrer psychischen Eigenarten einer verständigen und mehr individuellen Behandlung entbehren müssen, für sie sind besondere, an die Schulanstalt sich anschließende Lehvkolonien notwendig. Es wird sich also darum Handeln, diese Kinder, nachdem sie die Anstaltsschule verlassen haben, in die an die Erziehungsanstalt sich anschließende Lehrlingsabteilung oder Arbeitslehrkolonie hinüberzusühren, hier ihre Erwerbssähigkeit durch Einführung in einen praktischen Beruf anMilbahnen und sie dann bei befriedigender Eignung als Menschen der Arbeit der Gesellschaft zuzuführen. Das Wertvolle dieser Arbeitslehrkolonie besteht nun darin, daß sie diejenigen Kinder, die nach Entlassung aus der Anstaltsschule infolge ihrer geistigen Unfähigkeit eine passende Lehrstelle nicht finden können, selbst auf einen geeigneten Lebensberuf vorbereitet und sie so zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft herangebildet. Ilm dieses Ziel zu erreichen, ist die Schaffung einer Arbeitslehrkolonie notwendig, worin die Zöglinge von tüchtigen Lehrmeistern in einen angemessenen Beruf eingeführt werden. Als Bernfe der Arbeitslehrkolonie wären zu empfehlen: Gärtnerei und Landwirtschaft, Korbflechterei, Schneiderei, Schuhmacherei,. Tischlerei, Buchbinderei. Wenn auch nicht immer die Möglichkeit gegeben fein wird, diese Kinder zu, vollwertigen und völlig erwerbsfähigen Menschen heranzubilden, so werden sie doch immerhin in den Stand gesetzt, durch ihrer Hände Arbeit ein gut Teil zu ihrem Lebensunterhalte beizutragen, und sie fallen dann nicht mehr der Allgemeinheit zur Last und erweisen sich so als nützliche und Nutzen schaffende Menschen. Es wird uns aber niemals getingen, alle unsere Schwachsinnigen zu brauchbaren Menschen zu erziehen. Es wird noch immer ein erheblicher Teil vorhanden fein, deren Kräfte ungenützt bleiben, und für diese Gruppe von Geistesschwachen müssen neue geeignete Einrichtungen geschaffen werden. Mit der Errichtung der Erziehungsanstalt und der sich daran anschließenden Arbeitslehrkolonie haben wir somit unsere Pflichten diesen Kindern gegenüber noch nicht völlig erfüllt. Die Erfahrung hat gelehrt, daß nicht alle für das Leben geeignet sind und nicht alle völlig oder nur teilweise erwerbsfähig gemacht werden können. Ihre handliche Fertigkeit wird sich stets nur in bescheidenen Grenzen halten, und sie werden niemals in der Lage sein, sich selbst zu erhalten, und nur geringwertige Leistungen hervorbringen. Sollen nun diese Kinder im Strome des Lebens nicht untergehen, sollen sie vor Bettelei und Verwahrlosung, vor Gefängnis und Irrenanstalt geschützt und bewahrt werden, fo muß zeitig für sie gesorgt werden, und die Gesellschaft muß ihr soziales Wirken auch auf diese Art von Kindern ausdehnen. Dieses geschieht am besten und zweckmäßigsten in einem eigens für sie zu errichtenden Heime, worin sie ihre bescheidenen Kräfte in Betätigung einfacher, sich stets gleich bleibender Verrichtungen zu üben hätten. Während ohne soziale Fürsorge diese lebensarmen Menschen ein für sich und ihre Umgebung nutzloses Dasein hätten, sind sie in einem besonderen Heime nicht mehr nutzlos; denn hier können sie noch eine ihrer Veranlagung und ihren Kräften entsprechende Tätigkeit ausüben und so mit an einem kleinen- Teile zu ihrem und der Anstalt Unterhalt beitragen. Mt der Errichtung dieses Heimes, des sogenannten D a u e r h e i m e s oder der Arbeitsk ö l o n i e, würde dann die Fürsorge für unsere Geistesschwachen bis zum letzten Ende fortlaufend durchgeführt sein. Wir hätten danndas Schüler heim oder d i e S ch u l - anstalt, das Lehrling sh e im oder die Arbeitslehrkolonie und das Dauerheim oder die Arbeit skol o ni e. Die letzte Gründung würde dann den Schlußstein in den gesamten Fürsorgebestrebungen für unsere Schwachsinnigen bilden. In dem Dauerheime fänden die Insassen dauernde Unterkunft und Versorgung. Die baldige Errichtung eines solchen Heimes wäre für viele Eltern und Angehörige schwachsinniger Kinder eine seelische Erleichterung, und die Gewißheit, ihr Kind in einem solchen Heime zu wissen, wäre für sie eine außerordentliche Beruhigung über das spätere Schicksal ihres unglücklichen KindeS, und sie werden gern dem Heime das zuweisen, was für das Kind bestimmt ist. Dieses Heim würde aber auch gleichzeitig Asyl und Zufluchtsstätte für alle ehemaligen Zöglinge sein, die entweder vorübergehend arbeitslos oder ohne anderes Unterkommen sind oder draußen Schisfbruch gelitten haben. Sie sollen wissen, daß hier für sie ein Heim vorhanden ist, in dem sie jederzeit Schutz und Zuflucht finden!. Das Heim wird auch für alle diejenigen zur Aufnahme bereit sein, die nicht durch die Schulanstalt gegangen. Bei vermehrten Aufnahmegesuchen wären von der Mutteranstalt Zweiganstalten zu schaffen Ein solches Heim wird sich ganz besonders als Arbeiterkolonie bewähren, woselbst die hier Asyl suchenden Insassen mit Arbeiten des Hauses oder ihres Berufes zu beschäftigen wären. So wird sich diese Institution als eine segensreiche Einrichtung erweisen und dem sozialen Elend nach Kräften steuern. Möchten sich doch für dieses mit der Erziehungsanstalt Beelitz begonnene Werk noch weiter Menschenfreunde und Volkswohltäter finden, die der Entwicklung und Fortführung der Anstalt im angegebenen Sinne ihr Interesse, ihr Wohlwollen und auch ihre Unterstützung in reichem Maße gewähren. An alle Männer und Frauen, die im Dienste der werktätigen Nächstenliebe stehen, ergeht auch von dieser Stelle aus