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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-16 · Heft 16 (16.4.1920) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 16 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 kungen eintreten, doch wird das so vielfach besprochene Problem, vorausgesetzt, daß wir es auf menschenwürdige, einem Kulturstaate entsprechende Weise lösen wollen, auch fernerhin ein Problem bleiben. * Der ungarische Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" berichtet: „Täglich werden neue Schandtaten der Brachialgewalt und namentlich der berüchtigten Offiziersdetachements gemeldet. Die Exzesse nehmen täglich an Wildheit zu. Neulich wurde ein Jude namens Samuel K o h n auf Befehl des Offiziers Z o m b o r y - T o t h von Soldaten auf das Dach der Budapester Basilika geschleppt udd hinabgestürzt. Das Kommando meldete dann, der Unglückliche habe S'Mstmord verübt. Die 'Staatspolizei von Budapest hat eine Untersuchung eingeleitet, bei der jedoch infolge der gegenwärtig in Ungarn herrschenden Methoden nt'd&t viel herauskommen dürfte. In den Bahnhöfen wird auf durchreisende Juden Razzia gemacht und diese werden, wenngleich sie Ausländer sind, geschlagen, beraubt und eingesperrt. Besonders krasse Fälle ereigneten sich in den letzten Tagen in Szolnok und Szekesfehervar, wo ein im Kriege invalid gewordener jüdischer Reserveoffizier halb totgeschlagen und erst nach achttägiger Schutzhaft entlassen wurde. In Vesprem, Papa, Ghor und Kaposvur geht es ebenso zu. Die jüdischen Universitätshörer von Budapest werden andauernd von der „Universitätswache" an der Fortsetzung ihrer Studien verhindert. Den Prügeleien an der Universität sind zwei jüdische Studenten zum Opfer gefallen. Wie das in Wien erscheinende ungarische Blatt „Az Cmber" meldet, verübten die in Mako nach dem Abzüge der Rumänen einzieh-enden ungarischen Truppen einen gräßlichen Pogrom. Die Zahl der Opfer beträgt etwa dreihundert. Auf Wunsch der Einwohnerschaft mußten die Rumänen wieder zurückkehren, um Ordnung zu stiften. Nach derselben Quelle hat 'b-a§ Ministerium des Innern verordnet, daß der christliche Glaube bei Angeklagten als Milderungsgrund zu gelten habe. Wieviel Juden der -entmenschten Soldateska in verschiedenen Teilen Ungarns täglich erliegen und wieviel ohne Grund in den Kerkern schmachten, läßt sich gar nicht sest-stellen." * Eine Dokumentensammlung über die Lage der Inden in der Ukraine. In dem Vertage des Ukrainischen -Pressedienstes ist in der Bearbeitung von Dr. Wladimir Lewi'tzkhj und Gustav Specht eine Dokumentensammlung -erschienen, die die Stellung der ukrainischen Volksrepublik mit ihrer Regierung und ihrer Armee zum Judentum beleuchten soll. Es herrsche eine vollständige Verwirrung in der Beurteilung der schrecklichen Ausschreitungen gegen die. jüdische Bevölkerung auf dem Territorium der Ukraine, und dürfe man nicht außer acht lassen, daß die Ukraine in der betreffenden Zeit der Schauplatz heftigen Ringens verschiedener sozialer und politischer Kräfte war. Der Wortlaut einer Reihe authentischer Dokumente soll das Verhalten der ukrainischen Regierung gegenüber dem Judenproblem charakterisieren. Die Sammlung enthält das am 17. April 1919 bestätigte interessante Gesetz, betreffend die jüdische Gemeindeselbstverwaltung, und die verschiedenen Anlagen zu diesem Gesetze, das Gesetz, betreffend Einsetzung einer Sonderkommission zur Untersuchung der antijüdifchen Pogrome, eine Verordnung des Ministerrates vom 18. August 1919 gegen die Pogromagitation und die Verordnung über die Anweisung von 113^ Millionen Hrhwni zur Unterstützung der jüdischen Po-grom'beschäidigten, außerdem eine Reihe von Mgierungskundgebungen, Armeebefehlen und Ausrusen. Es folgen verschiedene Erklärungen jüdischer Parteigruppen und Einzelpersonen wie auch Aeußerungen bekannter ukrainischer Juden, wie Margolin, Wischnitzer und Zarchh. Zum Schlüsse wird eine Denkschrift des Zentralkomitees zur Unterstützung der jüdischen Pogromopfer in Rußland über die im Denikinfchen Okkupationsgebiet der Ukraine stattgesundenen Judenpogrome wiedergegeben. J. P. Z. * Aus London wird berichtet: Bei der Parlainentsdebatte über die Organisierung der neuen englischen Friedensarmee forderte Major Ormsbh Gore in einer Rede die Trennung der Ausgaben der Besatzungen von Palästina und Mesopotamien upd verlangte die Festfetzung eines besonderen Budgets -für Palästina. Er sei sicher, erklärte er, daß -daK Volk, was 'Palästina' -ün'b'tz'lantze, sehr gut begreife, daß man von ihm die Unterstützung für ein großes Werk der Zivilisation verlange. Lur Fürsorge kür unlereGelltrslrhumchen. Von Direktor Bern (Beelitz). as weite Gebiet der Schwachsinnigenfürsorge tritt auch unter den heutigen veränderten Zeitvevhältniffen sehr in den Vordergrund. Handelt es sich doch darum, jede, wenn auch nur bescheidenen Nutzen schaffende Kraft für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes heranzuziehen ürnd auszubilden. Der Aufstieg der Begabten wird sich um vieles leichter er- . möglichen lassen, wenn die Schule von dem Ballast der : Schwachen und Minderbegabten befreit wird. Wird hiernach verfahren, so ergibt sich die Notwendigkeit besonderer Einrichtungen zur Erziehung und Abbildung der geistig j Schwachen. Diese haben, ebenso wie die geistig Regsamen, die Begabten und Hochbegabten, denen nunmehr jede Bildungsmöglichkeit erschlossen werden soll, ebenfalls ein Anj recht aus eine Ausbildungsmöglichkeit, die ihrer Eigenart entspricht und gerecht wird. Solch eine Ausbildungsstätte für die geistig Schwachen stellt sich uns dar als ein Werk sozialer . Gerechtigkeit, -daß auch dem geistig armen Kinde das chm zu-; stehende Maß an Bildung unverkürzt zuteil werde. Die Er-!: ziehung und Ausbildung des schwachsinnigen Kindes wird aber nur -dann von Wert und Nutzen sein, wenn sie planmäßig durchgeführt wird und immer die geistige und körperliche Ertüchtigung aller Schwachsinnigen zum Wohle der Ge- - samtheit int Auge behält. Das außerordentliche Verdienst,, die Notwendigkeit der Errichtung eines -besonderen Erziehungsinstitutes für die gesamte geistig schwache jüdische Jugend rechtzeitig erkannt zu haben, gebührt den beiden großen Körperschaften, dem , Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und der Großloge für Deutschland U. O. B. B. Diese beiden Gvündungskörperschaften haben mit der Errichtung der Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebFne Kinder in Beelitz ein Wohlfahrtsinstitut geschaffen, das ihnen lind der leidenden Menschheit zum Segen geworden. Die Anstalt Beelitz, an deren Illjährigss Bestehen wir tm Oktober 1918 erinnern konnten, soll geistig zurückgebliebenen, aber noch bildungsfähigen Kindern, Knaben und Mädchen, eine ihrer Veranlagung entsprechende Ausbildung und Erziehung angedeihen lassen. Hier sollen die geistig schwachen Kinder, die mangels einer geeigneten, ihrer individuellen Eigenart angepaßten Behandlungsweise verkommen und verkümmern müßten, zu Menschen herangebildet und für Menschen nützlich gemacht werden. Es soll hier die Möglichkeit geschassen werden, soweit wie nur irgend erreichbar, geistige Förderung ihnen zu gewähren, handliche Fertigkeit ihnen zu verschaffen und sittlich-religiöse Bildung ihnen.zu übermitteln. Der auch in ihnen, wenn auch nur verkümmert, vorhandene Gottessunke soll zur Entzündung und' die bescheidenen und oft nur ganz gering vorhandenen geistigen. Anlagen zur möglichsten Entfaltung gebracht werden. Das schwachsinnige Kind soll aus dem Zustande der geistigen und körperlichen Unselbständigkeit zum ordentlichen Gebrauche seiner Glieder und seiner Sinneswerkzeuige erzogen werden. Das Stiefkind -der Natur soll hier von Liebe und Güte umgeben sein, und' Liebe und Güte müssen die Fundamente aller Behandlung sein und bleiben. Denn nur durch die Bindemittel der Liebe und Güte, durch Geduld und Ausdauer für die Schwachen und Hilflosen ist

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