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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-16 · Heft 16 (16.4.1920) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 16 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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# 170 \ sprechen, so fühlt die Seele im Wunder die Herablassung des" ' Göttlichen zur Menschenseele. , Ist Religion. Gottesgemeinschaft und Judentum bewußtes Leben in Gott, dann hat manim. Unsterblichkeitsglauben nicht bloß eine weitere Antwort aus die Frage nach) der göttlichen Gerechtigkeit, die in einem Leben nach dem Tode sich erst recht auswirkt, sondern den Ausdruck unverlierbarer Gottesgemeinschaft, die es der Seele er-möglicht, in einer geistigen Welt höchster Vollendung nachzustreben. Wie Michel Angelo als: Neunzigjähriger klagt, daß er nun sterben müsse, wo er erst die Anfänge seiner Kunst gelernt habe, so erleben wir hienieden nie den Beginn unseres sittlichen Werdens und dürfen darauf rechnen, daß nach dem Erhaltungsgesetz der Energie, das auch fürs Geistige gilt, unsere sittlichen Anlagen sich in der geistigen Welt bei Gott völlig entfalten. Das ist das „ewige Leben", das durch die Lehre Gottes aber schon hienieden in dem Reiche des Guten sich verwirklichen soll. Das Ziel aller menschheitsgeschichtlichen Entwicklung liegt im Messianismus, im Gottesreiche der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens auf Erden. So berührt sich' die geschlossene jüdische Weltanschauung mit dem Bekenntnisse Goethes: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschbare zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren." Die Woche. Berlin, 12, April 1920. neben den Nachrichten über die in der vorigen Woche erfolgte Besetzung von Städten des Maingaues, durch die Franzosen und die Vorgänge im Rnhrrevier bilden noch immer die Mitteilungen über das Abenteuer der Kappisten, die ihren Putsch durch eine wüste antisemitische Hetze im ganzen Lande vorbereitet hatten, den Gegenstand allgemeiner Erörterung, einen ergiebigen Unterhaltungsstoff für die Tagespreise aller Parteien. Die deutsche Arbeiterschaft wiußte, was hinter dieser Hetze steckt, und bereitete dem verbrecherischen Treiben des Herrn Kapp und Genossen ein jähes Ende. Um so größer aber, bemerkt die -.Freiheit", ist die Blamage der Deutschnationalen, da sich wiederholt herausstellt, wie wenig siidenrein ihre Vorkämpfer sind, deren Idealismus sie eben erst gerühmt -haben. Der „ingcndliche, shmpathisch«, vaterlandsliebende" Graf A reo entpuppte sich, trotz seines deutschnationalen Mörderheroismus, als der Sohn einer Börsenjüdin, und jetzt stellt sich heraus, daß die Kappisten in ihrer 4-Tage-Regierung als Pressechef einen gewissen Trebitsch-Lincoln beschäftigt haben, der, wie die „Frankfurter Zeitung" erzählt, nicht ein Nachkomme des großen amerikanischen Sklavenbefreiers ist, sondern ein gewöhnlicher ungarischer Jude, der, mit allen Tauswassern gewaschen, zuerst das einfache Kreuz und zuletzt das Hakenkreuz der Baltikumer auf sich genommen hat. Wenn man nun noch bedenkt, wie viele Juden und JudenstämMlinge bei den Deutschnationälen führende Rollen gespielt haben und weiter spicken, dann erkennt man die ganze Borniertheit der antisemitischen Hetze, die alle Juden zu Bolschewisten macht, damit die äufgehetzte Masse die Juden und die Bolschewisten zusammen totschlägt. * Der Antisemitismus an den deutsche« Hochschuten. . Eine kleine Extratour leistet sich ein Teil der Studierenden an der Technischen Hochschule in Dresden. Die Studierenden haben beschlossen, die Staatsangehörigen fremder Staaten nur zur Immatrikulation zuzulassen, wenn sie durch Ehren-' wort bekräftigen, von.Vater- und Mntkerseite bis zu den Großeltern kein jüdisches Blut in sich zu haben, und dies ist auf Verlangen nachzuweisen. Im -übrigen aber sind die Staatsangehörigen fremder Staaten wie deutsche Staatsangehörige , zu betrachten, also eine Beschränkung ist de^ Zahl findet bei, der Zulassung nicht statt. Nicht so bei deutschen Studierenden jüdischer Konfession. Diese sollest zwar zngckasien werden, jedoch/werden sie als einer nationalen Ätinderhckt sstnckchälp" des Deutschen Reiches zugehörig angesehen und dürfestdähM in der Studentenschaft nur zu einem Prozentsatz zugelassen werden, der der Kopfzahl der gesäurten Judenschaft im Deutschen Reiche entspricht. Dies würde also nicht mehr und nicht minder bedeuten, als daß Deutsche )jüdffcher Kons fession nicht mehr als Äent'sche an g e s e h e n würden. * Antisemitisches Treiben von Reichswehrsoldaten. Ein unangenehmes und kaum verständliches Erlebnis hatte ein Kaufmann K. aus Berlin, der in der Nacht zum-30. März irst v-Zuge von Köln, nach Berlin zstrücksuhx. . Auf der Leinen 'Station Ahlen, in Westfalen hielt der Zug plötzlich, mnd die itn Abteil sitzenden sechs Herren, .darunter Ki.'wurden von Reichswehrsoldaten per Brigade Epp aufgefordert, sich zu legitimieren. Während die anderen Herren unbehelligt gelassen wurden, rief bei K. ein Soldat dem Leutnant zu: „Herr Leutnant, hier ist ein Jud'!" K. wurde ohne Angäbe von Gründen verhaftet und war von diesem Augenblick an verschwunden. Seine von einem Coupe-Genossen benachrichtigten Angehörigen ließen Ermittelungen anstellen, die schließlich ergaben, daß K., von 16 Reichswehpsoldaten eskortiert, nach Münster in Westfalen geschafft worden war. Ws Grund der Verhaftung wurde angegeben, K. habe im Coupe aufrührerische Reden geführt und sich als Freund Radeks bezeichnet. Die Anzeige sei von einer Frau erstattet worden, die im Abteil gesessen habe. Tatsächlich haben sich, wie eidlich bekundet worden ist, nur sechs Herren und keine Frau im Abteil befunden. K. wurde sofort auf freien Fuß gesetzt; gegen die beteiligten Soldaten wird ein Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung eingeleitet werden. ’ r * Offener Brief an Die Regierung des Freistaates Bayern. Seit vielen Monaten ist München der Stammsitz einer unglaublichen Judenhetze — dasselbe. München, in dem alteingesessene Familien jüdischen Glaubens durch ehrliche Arbeit mit zum kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungsgang der Stadt München beigetragen haben. In Parteiorganen von einseitigster und aufdringlichster Tendenz werden, ohne den Schatten einer wahrhaften Begründung zu erbringen, die ungeheuerlichsten Behauptungen erhoben, in welchen die Juden schlechthin als eine Art Verschwörergesellschaft zum Unheil und Verderben des deutschen Volkes- und als .die Alleinschuldigen an dem Elend und der gesunkenen Moral unseres Vaterlandes gezeigt werden. Diese mit allen Mitteln arbeitende Verhetzung hat in den Tagen des Kappschen Umsturzversuches ihre Auswirkung darin gefunden, daß unbescholtene Söhne angesehener Münchener Familien in der Türkenkaserne von Reichswehrsoldaten auf Befehl beschimpft, ihrer Freiheit beraubt «und blutig mißhandMwurden, weil sie Hetzblätter mit wahnwitzigen Verleumdungen gegen die Juden entfernt hatten. Wir erkennen nur einen Kampf als> berechtigt an: den Kamps gegen Schieber- und Wuchertum und jegliche Verhetzung und.. Verleumdung, die den Wiederaufbau unserer Ordnung aufs schlimmste gefährden. Auch wir verlangen von der Regierung, daß alle unser deutsches Heimatland schädigenden Personen, woher sie auch kommen mögen, rücksichtslos entfernt werden. Aber in diesem Kamps darf nicht unter dem Schlagwort „fremdstämmig" alles das, was uns in jahrhundertelanger Tradition-durch Geburt, Muttersprache und Kultur teuer geworden ist, in den, Schmutz gezogen werden.! . Bei dem Andenken der Tausende unserer für das Vaterland gefallenen jüdischen Kameraden erheben wir heute feierlichen Protest gegen die unerhörten Versuche des Deutschpvölkischen Schutz- und

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