Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-16 · Heft 16 (16.4.1920) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 16 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229458--75671-3288192
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

84. Jahrgang. Nt. 16 Sill^ctncinc »«»«. w. »pm i«o eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements »Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM.— Postscheckkonto 324. Begründet von Nsddiner Dt. Ludwig Pbillppfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin. Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin §W, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Der Vorsehungsglauben in der Religion. Von Vezirksrabbiner Dr. Beerrnann (Heilbronn). — Die Woche. — Zur Fürsorge für unsere Geistesschwachen. Von Direktor Bein (Beelitz). — Das Frankfurter Srechenyaus. Von U. C o h n - Netz l er — Der Nus nach de» jüdischen Schule. Von Rabbiner Prok. Dr. S ch w a r tz in Prag. — Paul de Lagarde, Von Dr. M. Spanier (Magdeburg). — Feuilleton: Esther. Roman von Clement ine Krämer. [2. Fortsetzung.) — Literarische Mitteilungen. — Spre chsa al. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Briefen (Wpr.), Aus der Provinz Posen, Gleiwitz, Breslau, Hamburg, Leipzig. Budapest. — Von Nah und Fern. Der Vorsrhungsglaubm in der Religion. Bon Bezirksrabbiner Dr. Beer mann (Heilbronn). 3ede Weltanschauung hat als Ergebnis eine bestimmte Richtung der Lebensweisheit- Die Ansicht über den Lauf der Welt, die sich in einer Menschenseele bildet, soll sich im Zusammenstöße mit der Wirklichkeit bewähren. Sie soll uns den Wert der Dinge richtig abschätzen lehren und. tritt so in Wettbewerb mit der Religion, die von einer ganz bestimmten We'rtbetonung der Lebensgüter aus Richtlinien für das menschliche Handeln gibt. Auch dem Judentum ist cs von Haus aus darum zu tun, den ganzen Menschen in Beschlag zu nehmen. Wenn das bekannte Bekenntniswort aus dem Deuteronomium eine Gottesliebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzer Kraft verlangt, so sollen oben alle Seelenmächte fühlen. Wollen und Denken mit aller Energie in den Dienst des Göttlichen gestellt werden. Darum mußte sich die jüdische Frömmigkeit zu jeder Zeit mit der Weltweisheit auseinandersetzen, von der ersten Berührung der griechischen Philosophie des genußpredigenden Epikurs bis zu den Tagen HaeckelS, der mit seinen oberflächlichen, aber leidenschaftlichen Volksbüchern auch in unseren Reihen Verwirrung angerichtet hat. Das Weltbild, das die neue Wissenschaft entwarf, war ja so ganz anders als das, das den Frommen der Bibel und des Talmuds grundlegend wurde für ihre Lebensansicht. Nicht mehr steht die Erde im Mittelpunkt des Weltalls, nicht mehr scheinen die Gestirne wie Himmelsleuchten, die den Menschen das nächtliche Dunkel erhellen sollen: die Unendlichkeit des Weltraums hat sich dem staunenden Auge aufgetan und wo einst die Phantasie in Himmelshöhen den göttlichen Weltenthron wähnte, da ist ein Meer von Aether und Sternen, und der billige Witz hat von einer Wohnungsnot Gottes gesprochen, als ob das Göttliche nicht wie alles Geistige jenseits des Raumes, erhaben über die örtlichen Begriffe, webe und walte. Ebenso hat man die Seele mit ihrer königlichen Freiheit zu wollen in Frage gestellt und alles Geistige als Nebenerscheinung und als Begleitvorgang körperlicher Veränderungen und Bewegungen erklären wollen. Aber weder die Entwicklung der Welt und der Wesen um uns noch die Tatsachen des Bewußtseins und des Gewissens in uns lassen sich restlos ohne Annahme eines Weltengottes erklären. Unser Geist findet nur Ruhe in der Ruhe eines Unendlichen, und die Zweckmäßigkeit und die Zielstrebigkeit in der Natur weisen auf ein göttliches Prinzip, ebenso wie ihn unser Gewissen mit der ganzen sittlichen Weltordnung als Bürge für die Wirklichkeit des .Sittengesetzes bezeugt. Von hier aus hat der israelitische Prophetismus, dieses Wunderkind der Religionsgeschichte, den lebendigen Gott als weltüberlegene Wirklichkeit zwar nicht durch Vevstandesschlüsse bewiesen, sondern als bewegende Kraft erlebt und in dem Problem der T h e o d i c e e in tiefster Seelennot all die Schwierigkeiten dieses kühnen Glaubens an einen gerechten und liebreichen Gott gespürt, mit dessen Wesen sich der Weltlauf in der Tatsache der Uebel, Sünde, Kriege und Naturkatastrophen so ganz und gar nicht vertrage. Wenn die späteren jüdischen Religionsphilosophen daraus hinwiesen: diese Autonomie, dieser Widerspruch der Weltereignisse mit der Gottesgerechtigkeit sei nötig, weil nur so der Glaube als freie sittliche Entschließung möglich, andernfalls bei Uebereinstimmung der Beschlüsse mit den Forderungen der Gerechtigkeit wir gleichsam mit den ehernen Ketten bündiger Beweise vor Gottes Dhron uns geschleppt fühlten und aus reiner Selbstsucht das Gute täten. Wir wüßten ja dann, daß naturnotwendig dem Guten der Lohn und dem Bösen die Strafe folge. Die Frömmigkeit der Propheten und Schriftgelehrten sah in den Leiden die Erziehungsmittel zur Geduld. Sie wurden die Leidgezeichneten, die Ausgezeichneten, die erwählten Vorbilder der Gottergebenheit; ihnen ward so das Leid nicht nur die Gelegenheit zur Liebestat, sondern eine Aufgabe, zur höchsten sittlichen Vollendung durch das Leid hevanzureifen. Hier wird wirklich die Religion zur heldenmäßigen Form des Lebens. Daß aber Gott auch den Naturverlaus in den Dienst seiner sittlichen Zwecke stellt, ist der Kern des Vorsehungsglaubens, den unsere RÄigionsschriften predigen. Da wo der Mensch eine solche Gotteswaltung spürt, da erlebt er ein Wunder. Da öffnen sich seine Augen und er sieht, was er vorher nicht sah, der Hagar gleich, die dann die Brunnen schaut, die sie vorher nicht erblickte. Im Wunder erfüllt sich das Gebet des Dichters: „Oefsne den umwölkten Blick über die tausend Quellen neben den Dürstenden in der Wüste!" Da Religion nichts von Naturgesetzen weiß, so können Wunder auch den Naturgesetzen nicht widersprechen. Beide liegen aus verschiedenen Flächen. Ein Naturgesetz ist der wissenschaftliche Ausdruck, in dem man eine Reihe von Erscheinungen zusammensaßt, und das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, ist ein unmittelbares Ergrisfensein von dem Göttlichen in einem Ereignisse. . Oefsnet sich im Gebete die Seele dem Göttlichen, um ihre Sehnsucht auszu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.