Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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R. N. Breslau, 30. März. Am 21. d. M. starb in Breslau in fast vollendetem 76. Lebensjahre Frau Charlotte Freudenthal g-eb. Nothmann. Ausgezeichnet durch Frömmigkeit, Wohltätigkeitssinn und Herzensgute, eine Patriarchin ihrer Familie, legte die große Trauerkundgebung einer ungewöhnlich zahlreichen Versammlung beredtes Zeugnis von der Wertschätzung, der sich die Heimgegangene allenthalben erfreute, ab. Im Trauerhause würdigte Rabbiner Dr. S imon sohn, auf dem Friedhofe Rabbiner Dr. Rosen th a l und Rabbiner Dr. Löwen thal aus Berlin die seltenen Vorzüge der Verewigten in warmen Worten. er. Breslau, 31. März. Ihr 80. Lebensjahr vollendete am 13. d. M. in selten harmonischer^Frische und Rüstigkeit von Körper und Geist, umgeben von ihrem Familienkreise und unter warmer Anteilnahme zahlreicher Freunde, Frau Marie Cohn geb. Lisser. Die Jubilarin hat zwei Jahrzehnte dem „Israelitischen Frauenvereiu zu Breslau" als wertvolles Mitglied angehört. Dieser Verein blickt auf ein Jahrhundert segensvollster Wirksamkeit zurück. 1814 unter dem Namen „Israelitischer Frauenverein zur Unterstützung armer Wöchnerinnen" ins Leben gerufen, nahm er in der Hauptversammlung vom 24. Juni 1904 den Namen „Israelitischer Fran-enverein zu Breslau" an. Ursprünglich hatte der Verein nur die Unterstützung ortsangehör!- ger hilfsbedürftiger jüdischer Wöchnerinnen im Auge. In den letzten Jahrzehnten hat er stine Fürsorge um die bedürftig,? jüdische Frauenwelt dahin ausgedehnt, daß er Unterstützungen zur Ausbildung im Berufe, bei Erkrankungen, bei mit Er wer bsu rt fähig feit verbundenen Krankheiten, Stipendien, Geldunterstützungen, Haus- und Krankenpflege durch Zuweisung von Haus- und Krankenpflegerinnen, Zuschüsse zu Badereisen gewährt, und seit dem Jub'läumsjahr erstreckt sch die Fürsorge des Vereins auch auf lungenkranke jüdische Frauen des Mittelstandes. Frau Marie Cohn gebührt das Verdienst, an dein modernen Ausbau des Vereins auf sozialem Gebiet her vorrage noen Anteil durch ihre tatkräftige, weise und gütige, Mitarbeit zu haben, ja man kann sie getrost als geistige Führerin der großen umfassenden Liebestätigkeit, die der Verein gegenwärtig entfaltet, bezeichnen. Als Frau Cohn vor einiger Zeit aus dem Vorstande schied, wurde sie in dankbarer Anerkennung ihrer großen Verdienste zur Ehrenvorsitzenden des Vereins ernannt. In beredten Worten gab der Vorsitzende^ des Vereins der hochverehrten Jubilarin an ihrem Fest- und Ehrentage dieser Dankbarkeit Ausdruck, und tiefbewegt sprach Frau Cohn ihre unentwegt gütige Gesinnung für die Ziele des Vereins, ihre Wünsche für dessen fernere gesegnete Wirksamkeit aus. Möge Frau Cohn ein freundlicher Lebensabend beschieden sein und sie sich noch lange der echt menschenfreundlichen Leistungen des Vereins, dem sie freudig und hingebungsvoll ihre Mithilfe widmete, erfreuen dürfen! — Leipzig, 31. März. „Die Pogrombewegung" und andere Artikel in der antisemitischen Zeitschrift des hiesigen Schriftstellers Dr. Heinrich Pudor, wie „Wahrheit trotz allem". „Wo steht der Feind?", „Ausstoßung des Giftes", „Kultur und Antisemitismus", „Rückkehr zur, Monarchie", „Hinaus mit den Juden" und so weiter, die im Lause des vorigen Jahres im „Deutschen Volks rat" erschienen, waren die Grundlage einer Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß, . die vor der 7. Strafkammer des hiesigen Landgerichts gegen Dr. Pudor verhandelt wurde. Die Anzeige war erstattet worden von dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der Angeklagte bestritt, daß durch seine Veröffentlichungen der Frieden zwischen den einzelnen Bevölkerungskreisen gestört worden sei. Das ganze Jahr habe im Revolutionszustande gestanden, von Frieden könne überhaupt keine Rede sein. Auf die Frage des Vorsitzenden über die Bedeutung des Pogrombegriffes, und ob er, der Angeklagte, etwas gegen die Anwendung gewalttätiger Mittel einzuwenden habe, meinte Dr. Pudor: „Wenn sie den gewünschten Erfolg bringen würden, könnte ich sie willkommen heißen." Die Strafkammer erkannte gegen den Angeklagten Dr. Pudor auf eine Geldstrafe von 2 00 Mark, an deren Stelle im Falle der Nichteinbringlichkeit zwanzig Tage Gefängnisstrafe zu treten haben. — Wilhelmshaven, 31. März. Zur Wahl eines Elternbeirates für die hiesige Königin-Luise-Schule wühlte man durch Zurufe in den Wahlvorbereitungsausschuß drei protestantische Väter, eine katholische und eine jüdische Mutter. Als die Wahl erledigt war, trat eine Dame auf und protestierte dagegen, indem sie ansührte, da doch nun alle Konfessionen in dem Ausschuß vertreten seien, verlange sie vom antisemitischen Standpunkte aus auch eine Stimme, die ihr auch zugebilligt wurde. Seit wann ist Antisemitismus eine Konfession? Der Ausschuß setzte nun' eine Liste zusammen — der Elternbeirat der Königin-Luise-Schule besteht aus zwölf Mitgliedern — und führte dabei auch die Namen einer katholischen und einer jüdischen Mutter mit auf. In der nächsten Versammlung wurde den Anwesenden die Liste, die diese Namen enthielt, bekanntgegeben. Von dem Wahlleiter wurden die Namen der katholischen und der jüdischen Dame hervorgehoben und gebeten, sie aus Gründen der Toleranz — der Prozentsatz der katholischen und jüdischen Kinder ist vollkommen gleich — mit auf die Liste zu setzen. Von dem Vorsitzenden der hiesigen Deutschnationalen Partei wurde aber in. empörender Weise den Juden deutsches Empfinden und Fühlen abgesprochen und sie somit auch nicht für fähig gehalten, im Elternbeirat mitzuwirken. Ein anderer Redner — es war ein Bildner der Jugend — wollte den Katholiken trotz der gleichen Kinderzahl selbstverständlich eine Stimme zubilligen, da sie ja auch Christen seien, den Juden aber nicht. Um nun den Antisemiten den Grund zu weiteren Pöbeleien und Wühlereien zu nehmen, haben die jüdischen Eltern v o l l ft ä n d i g auf eine Vertretung verzichtet. er. Karlsruhe, 31. Apcil. Bei der Beratung des Unterrichtswesens erwähnte Abgeordneter Stock in ge r (Soz.) in der letzten Landtagssttzung, daß Schüler des Pfor z h e i m e r Gymnasiums, die dem Schutz- und Trutzbund angehören, Handzettel antisemitischen Inhalts angeklebt hätten. Die Staatsanwaltschaft habe eine Untersuchung eingeleitet. Unterrichtsminifter Hummel führte aus, daß man nach der Revolution 'den Schülern, die im wahlpflichtigen Alter oder kucz davor standen, eine etwas größere Freiheit zugebilligt habe. Schon damalssei jedoch angeordnet worden, daß politische Bestrebungen in der Schule keine Stätte hätten. Mittlerweile habe sich gezeigt, daß es da -und dort während des Unterrichts zu politischen Erörterungen gekommen fei und daß man mit der Jugend in politischer Hinsicht Mißbrauch treiben wolle. Es feien Plakate und Schriften politischen Inhalts an verschiedenen Schuten verteilt worden. Diese Mißstände habe das Unterrichtsministerium zur Herausgabe eines Erlasses veranlaßt, der darauf aufmerksam mache, daß den Schülern eine Beteiligung an Vereinigungen jeder Art nach wie vor verboten ist. Durch diesen Erlaß soll namentlich die immer offener auftretende antisemitische Hetze verhindert werden. Seutsch-Msterrrich. Z. Wien, 30. März. Mit dem am 19. d. M. im 71. Lebensjahre verstorbenen Moritz Benedikt ist einer unserer hervorragenden Glaubensgenossen dahingegangen, eine Persönlichkeit, die, freilich weniger für das jüdische, aber um so mehr für das geistige und politische Leben des vergangenen Deutsch-Oesterreichs gestrebt und gewirkt hat. Benedikt war in den letzten Jahrzehnten gleichbedeutend mit der- „Neuen Freien Presse", deren Herausgeber er seit 1881, zuerst gemeinsam mit dem Deutschböhmen Eduard Bacher, nachher feit dem Anfang des 20. Jahrhunderts allein gewesen ist. Seit 1872 war er Mitarbeiter, seit 1879 volksloirtschaftlicher Redakteur des Blattes. Wenn in den letzten Jahren und in gesteigertem Maße seit der Revolution die „Neue Freie Presse" weder den nationalen noch den sozialen Ausgaben des neuen Staatswesens das rechte Verständnis entgegenbrachte, so darf man darüber nicht vergessen, daß sie die Jahrzehnte hindurch die Fahnenträgerin des nationalen und liberalen Deutschtums in Oesterreich gewesen ist, daß sie namentlich im Kampfe gegen das Regime Taaffe tapfer ihren Mann gestanden hat, auch unter Opfern und Bedrückungen der Zensur und einer rücksichtslosen Bureautratie. An dieser großen Vergangenheit des Blattes, das auch stets für die Rechte des Judentums eintrat, hat Benedikt einen vollen Anteil. Man kann sich die „Neue Freie Presse" aus der Geschichte -des liberalen Deutschtums in Oesterreich nicht hinweg denken, und was an Verdiensten auf der einen, an Fehlern und Schwächen auf der anderen Seite dem deutsch-österreichischen Liberalismus angerechnet werden muß, das trifft gleichfalls die liberale Presse und in erster Reihe ihre bedeutendste Vertreterin, das Blatt, das seit vierzig Jahren von Moritz Benedikt das Gepräge erhalten hat. Mrt einer ganz einzigen, von sehr wenigen Menschen erreichten Arbeitskraft und einer gewaltigen Beweglichkeit und Vielseitigkeit des Geistes hat Benedikt seine Zeitung gestaltet und ihr Inhalt und Form gegeben. Die täglichen politischen Leitartikel, die fast alle aus Benedikts Feder stammten, waren im ganzen genommen eine imponierende publizistische Leistung. Ein weitreichendes und stets parates pollitisches und historisches Wissen, das immer neue Parallelen zu den Zeitereignissen heranzog, und ein reiches Spiel der Gedanken machten diese Artikel fast immer zu einer Quelle von Anregungen