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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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167 Die Aufregung im Dorf ist nicht zu sagen. Wer konnte nur das arme Jeanettle — das rechtschaffen gehaust und gespart und keinem ein Leid getan fein Leben lang — wer konnte. ..? Gewiß ein ortsfremder Landstreicher. Arbeiteten da nicht unten an der Quelle Schlawiener oder Zigeuner, oder was immer für ein unheimliches Pack? Frau Fradel wollte mit dem Heimgehen bis morgen warten, da sie den Hausvater zurückerhoffte. Denn das Haus ist ihr unheimlich, darin ein Mensch umgebracht worden ist. So liegt Estherchen zitternd die lange stockdunkle Nacht auf dem Kanapee in der guten Stube der Verwandten. In tiefem Grauen. Denn ihr dünkt, sie wisse um den Mörder. Sie allein. Das war kein anderer als der Adler-Schorsch. der, wie auf der Flucht, das brennende Dorf verließ. Was sollte sie tun? Zwar wurde das arme Jeanettle aus keinen Fall mehr lebendig; wenn nun aber auf einen anderen, z. B. aus einen der armen Arbeiter der Verdacht fiele, was dann? Dem war so. Einer-der Straßenarbeiter war kurz vor Ausbruch des Feuers im Laden bei der Spezereihändlerin bemerkt worden. Freilich hatte man ihn auch wieder Weggehen sehen. Aber wer weiß, ob er nicht noch einmal zurückgekommen war? Die Gendarmen kamen, verhörten den Zechany und sperrten ihn ein. Einer erzählte, jener habe, wie er abgeführt wurde, gesagt, so gut die Juden den Heiland gekreuzigt hätten, so leicht würden sie Wohl auch ihn aufhängen lassen, ihn, der unschuldig wäre wie das Lamm Gottes. Und habe dabei das Zeichen des Kreuzes gemacht. Im Dorfe aber atmete nmn auf: Gott Lob und Dank, daß es wenigstens ein Landfremder gewesen. Nur Esther trug schwer an ihrem Wissen. Hatte der Zigeuner nicht recht? Ließ sie — ein Judenkind — es nicht in der Tat zu, daß einer unschuldig leiden und wohl auch sterben mußte. . .? Wie das kleine Mädchen den zweiten Tag nach dem Brand dem Adler-Schorsch begegnete, da bog der rasch in das Gäßchen ein und verschwand hinten beim Gumpen. Gerade als ob er direkt ins Wasser gehen wollte. Doch dem war nicht so. Er turnte — sich mit den Armen im Gleichgewicht haltend — den schmalen Balken entlang quer über das Wasser und verschwand in den Wiesen der sogenannten Hotzelreuth. Esther war voll des Eindrucks, er habe das Ganze nur bewerkstelligt, um ihr nicht den Tag bieten zu müssen. (Fortsetzung folgt.) Mirjams Lird. (Zum 7. Paffahtage.) andelt mit Pauken das Schilfmeer entlang! Der Herr hat gesiegt, unsre Kette zersprang! Singt, denn des Mächtigen Stolz ist gebrochen; Sein funkelnder Heerzug, sein kriegerischer Troß — Wie eitel ihr Rühmen! Der Herr hat gesprochen — Und unter im Schilfmeer ging Reiter und Roß. Wandelt mit Pauken das Schilfmeer entlang! Der Herr hat gesiegt, bie Kette zersprang! Ehre dem Herrn! dem Eroberer Ehr'! Sein Hauch unser Sckiwert und sein Wort unser Speer! Siehe, wer meldet dem harrenden Volke Den Fall seiner Tausende? Keiner entrann! Der Herr sah hervor aus der feur'gen Wolke, Und warf in die Fluten sie, Wagen und Mann! Wandelt mit Pauken das Schilfmeer entlang! Der Herr hat gesiegt, die Kette zersprang! (T h o m a s M v o r e.) Literarische Mitteilungen. Antisemitismus. Ursachen — Ziele. Bon Dr. Georg Hirsch, Augenarzt in Hatberstadt. 2. .bis 11. Tausend. Druck von Max Arnold (Halberstadt). Selbstverlag des Verfassers. Preis 40 Pfennig. Eine recht lesenswerte Broschüre! Sie setzt sich hauptsächlich mit den antisemitischen Flugblättern auseinander und zeigt, daß in allen dasselbe Prinzip wiederkehrt: Verallgemeineru'Ng, der Fehler einzelner Juden, Verantwortlichmachung für idie Untaten längst verstorlnuer Juden, Entstellung der Wahrheit mit dein Zwecke, alles Böse in unseren heutigen Zuständen den Inden aufzubürden, nur die Schuld von sich selbst abzulenken. Tie Ausführungen des Verfassers enthalten vieles Richtige und Wahre, und nmn kann ihm nur zustimmen, wenn er erklärt, daß die Jüden vermöge des -ethischen, sozialen- und hygienischen Wertes der jüdischen Religion über alle Angriffe und Anfeindungen schließlich triumphieren werden- Wir glauben aber, daß man manche Seiten des Antisemitismus mehr -noch als bisher dom Gesichtspunkte des Krankhaften aus betrachten muß. Auch Nervös-Hysterische machen für jedes Mißgeschick, das sie betroffen hat, alle Welt verantwortlich, nur sich selbst nicht. Und die Flirgblätterepirdemie wird, wie jede Epidemie, vorübergehen, wenn man sich ernstlich bemüht und nicht nachläßt, die Politische Atnwsphäre durch Aufklärung und Belehrung zu reinigen, und den Kampf gegen den Antisemitismus, bei aller Energie, mit ruhiger Sachlichkeit und in vornehmer Haltung führt. Das wird den krauten Bolkskörper am ehesten zur Gesundheit zurückführen. ‘ Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa). * — R ahel V a r n h a g c n. Ein Frauenleben in Briefen. Mit sieben Bildnissen. Ausgewählt m:b mit einer Einleitung versehen von Dr. Augustn Meldler-Steinberg. Zweite, dnrchgesehene Auflage. Verlag Gustav Kiepenhauer, Potsdam-Berlin, 1917. Seitdem Nahet nach ihrem Heimgänge 1833 in ihrem Gatten ihren ersten Biographen fand, der .ihr mit dem Buche „Rahel, ein Buch des' Andenkens für ihre Freunde", ein Dentmal der Liebe und Pietät -errichtete, das europäische Berühmtheit erlangte, ist eure reiche Literatur über diese größte deutsche und jüdische Frau zu verzeichnen. Wird es uns auch zu allen Zeiten schmerzlich berühren, daß Rahel den angestammten Glauben verließ, sie hat durch unzählige Proben bewiesen, daß sie diesem in: Herzen für ihr -ganzes Leben die treueste Anhänglichkeit bewahrte und stets für die Juden lebhaft eintrat. Mit höchsten: Interesse begrüßen wir die uns in zweiter Auflage vorliegende Briess-ammlung. Unter allen Korrespondenzen Rahels bietet der in der zweiten Hälfte ihres Daseins geführte Briefwechsel mit Varn Hagen die beste Uebersicht über ihr Leben und stellt mit Varnhagens Antworten dem Leser die lebendigste Wechselwirkung vor Augen. Rahel stellt -in ihrer Person die Emanzipation des deutschen! Weibes dar, beim sie hat offenbart, was die Frau als denkendes Wesen-, durch einsame Gesondertheit und überlegene Geisteskraft erreichen kann. Zugleich besaß diese Deuters rau die weiblichste «eele, voll von jener mitfühlenden Zärtlichkeit, durch die sie in erster Linie und immer und überall die Herrscherin war. Die Briese setzen 1808 ein und gewähren bis zun: Jahre 1817 nicht nur einen tiefen Einblick in das innere und äußere Leben des Paares, das in Freundschaft und Liebe verbunden -ist, sondern nicht minder in das politisch und -geistig so reich bewegte Leben jener Zeit. Nach zehnjähriger Pausefinde::- wir Briefe aus den: Jahre 1827 und zmn Schluß -aus den: Jahre 1829. Eine Reihe bekannter und berühmter Namen grüßt uns vertraut aus dem Kreise des Paares, Künstler und Gelehrte, Fürsten und Diplomaten, Dichter und Denker, hohe Militärs, Frauen, die der Zeit -ihr Gepräge -gaben. Mit besonders regem Interesse begleiten wir die Persönlichkeiten jener Tage, die dem Judentuu: -angehörten. Neben Heine und den Töchtern Moses Mendelssohns, Dorothea und Henriette, deren Freundinnen und Gesinnungsgenossinnen, die insgesamt den Väterglauben verließen, ebenso wie die Familienmitglieder Rahels, die sich statt Levin nunmehr Robert n-annten. 11m so freudiger verweilen wir bei dem Treigestirn -edler Frauen: Fanny v. Arnstein, ihrer einzigen Tochter Henriette v. Pereira und ihrer Schwester Frau v. Eskeles, die vielbesuchte

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