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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
Seite 166 (sequence 10)
Language
German
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166 Bald wurden die Tische znsammengeschoben und die jungen Leute, voran das Brautpaar, tanzten den ersten Schottisch. Die Alten lind die Kinder saßen Plaudernd und beobachtend. Nach einer Weile faßte Esther ihren Bruder Jsak um und wollte es den Großen nachtun. Aber der Kleine stand steif wie ein hölzerner Grabstein. Da probierte es Estherchen in einer Ecke für sich allein. Einige stießen sich an und schauten ihr gern zu. Bald ward eine Extratour für das junge Paar ausgerufen. Kaum hatte die Musik begonnen, da schritt das Kind nach dem Takt mit Maß dem Paar entgegen und umtanzte es bald in engerem Kreis, bald in weitenr Bogen. War sie fern, so streckte sie die Arme weit von sich. Wenn sie näher kam, hielt sie mit spitzen Fingerchen den Saum des weißen Mullkleidchens, das sich taktmäßig bauschte und bog. Aus dem Gesichtchen sprachen ernsthaft und entrückt die dunklen Augen. Alle blickten nun mit Entzücken auf die Tanzende, und viele sagten, über dieses Kind wäre der „Chein" gegossen. Selbst Tante Frommet verschmähte in der Oeffentlichkeit diesmal nicht das jüdische Wort. Denn die Juden meinen, man könne es nicht übersetzen. Und die große, tiefe, reiche deutsche Sprache sei dafür nicht reich genug. Es bedeute die Liebenswürdigkeit des Leibes und der Seele, und Anmut und Grazie und noch vieles mehr. Da aber - wie sie alle sich wundernd stehen — tritt einer aus dem Kreis der Schauenden vor, umfaßt das Kind und zerrt es mit sich in der Runde, schwingt es über den Boden hin frei in die Lust lind will ihm eben einen Kuß aufdrücken, als die Musik noch zur rechten Zeit verstummt. Die Kleine schlägt ohne einen Laut nach diesem frechen Mann und flieht dann hinter den Stlchl des Vaters. Der zieht sie sogleich auf seine Knie, streichelt ihr in seiner liebereichen Art die heißen Bäckchen und fragt sie laut vor allen, wo sie Tanzstunde genommen habe und ob sie einmal Vortänzerin werden wolle. Die Mutter indessen findet es angezeigt, der Kleinen zu bedeuten, daß sie es für ersprießlicher hielte, wenn Fräulein Esther ihren Verstand mehr auf das Putzen und Waschen und Strümpfestopfen verlegen wollte. Lachend macht sich derweil Esthers Tänzer an Frau Fradel. Einer bemerkt: dies sei ein alter Brauch, daß man sich an die Mutter halte, wenn man die Tochter wolle freien. Und Estherchen hört dies auf des Vaters Knien. Und versteht. Und erschauert. Ueberhaupt — solange Esther Stein ein Auge offen stand, dachte sie mit Grauen an diese Hochzeit. Zunächst hatte ihr schönes, neues, weißes Mullkleidchen Schmierflecken bekommen, die sich gar nicht mehr entfernen lassen wollten. Esther wußte wohl woher: nämlich von ihres Tänzers geschmierten Stiefeln. Mit Schmierstiefeln aus eine Hochzeit gehen! Nicht mal der Vater, der doch kein Junger mehr war, trug geschmierte Stiesel. Außer natürlich in seinem „Gäu", wenn er handeln ging. Ferner kam gleich nach der Hochzeit die schreckliche Geschichte mit dem Jsäkle. Hatte man ihm zu viel Essen zugesteckt oder hatte er sich aus der Heimfahrt bei dem eingetretenen Regenwetter erkältet — man wußte es nicht. Sicher war nur, daß der Kleine tagelang nicht aufftehen mochte. Und nicht reden und nicht deuten. Und die Hitze im Kopf und eine belegte Zunge. Die Mutter dachte, das Beste wäre die Wärme, und deckte den Kleinen in seinem Bett bis über die Ohren hinaus zu, und gab ihm Milch und Himbeersaft zu trinken. Und Brusttee und Kamillentee. Abwechslungsweise. Doch da es nicht besser werden wollte, schickte man nach einigen Tagen nach dem Kreisphysikus, der zufällig im Ort gesehen wurde. Der sagte ziemlich rasch, der Kleine habe die sogenannte „Verreckdiphtherie", und die Hauptsache wäre jetzt die Arznei. Aber die nächste Apotheke lag über, zwei Stunden entfernt im Kreisstädtchen, dort wo der Physikus wohnte. Der hatte unterwegs Schweine gekauft und erbot sich, denjenigen, der die Medizin holen wolle, aus dem Sauwagen mitzunehmen. Da war Esther rasch bei der Hand. Für den Heimweg würde sich schon Rat finden. Vielleicht erreichte sie die Post noch oder eine „Gelegenheit". Im schlimmsten Fall mußte sie zu Fuß wiederkommen. In zwei Stunden würde sie es immerhin schaffen. Wie nun aber Esther in der Apotheke sitzt und aus die Arznei wartet, wer kommt da herein? — Ihr Vetter Abraham Oppenheim.. Das ist ein junger Student und soll Rabbiner werden. Wie kommt in die Familie Stein-Oppenheim in Haiderstadt ein Studierter? — Frau Oppenheim gebar nämlich nacheinander vier Töchter, „die gehn aus dem Gelächter". Da verspricht die Frau, wie sie wieder ein Kind erwarten darf, dem lieben Gott, daß — wenn er ihr einen Knaben schenke — dieser sein Diener werden und sein Lob verkünden solle. Bis jetzt aber — um der Wahrheit die Ehre zu geben — hat der Abraham noch nicht sonderlich viel zum Lobe des Herrn getan. Dieser, wie er nun die Geschichte von dem kranken Jsäkle hört, läßt sogleich beim Wirt anspannen und kutschiert das Estherchen selber heim. In einem kleinen Galopp geht's dahin. Die Kleine hält krampfhaft die Arzneiflasche fest und sitzt voller Unruhe. Denn sie ängstigt sich wie eine kleine Mutter um das Brüderchen. Wir sie eben langsam über die Brücke rollen, kurz ehe mao das Dorf erreicht, begegnet chnen der Adler-Schorsch. Was es Neues gäbe, fragt der Abraham und läßt sich gern sehen aus seinem hohen Sitz. Aber der Angeredete erscheint nicht gesprächsbereit. Es brenne,'gibt er — wie es den beiden im Wagen scheint, fast unwirsch — zurück. Weshalb er denn dann davonlanfe, anstatt löschen zu helfen, fragt der Student noch Der andere aber entschwindet ohne Antwort rasch in den sinkenden Abend. Der Schorsch sei immer ein Unglücksrabe gewesen, es werde schon nicht so schlimm sein, meint der Abraham. Wiesie aber näher kommen, sehen sie, daß alles mit Eimern rennt und Wasser zuträgt aus dem Brunnen vor der Synagoge. Und wahrhaftig, das Feuer ist in Esthers Elternhaus zu löschen. Freilich nicht oben in deren Wohnung, sondern unten zu ebener Erde. Bei dem Jeanettle. Das ist eine ledige Frauensperson, Spezereilparenhändlerin ihres Zeichens, die sich mit ihrem Gewerbe mit der Zeit einen schönen Batzen erspart hat, den sie unterm Strohsack ihres Bettes in einem Strumpf verwahrt hält. Esther will mit ihrer Arzneiflasche die Treppe hinaufrennen, doch die Leute bedeuten ihr, die Mutter wäre mit dem Jsäkle schon im Unterdorf bei ihrem Geschwisterkind untergebracht. Und wie die Kleine hinkommt, liegt auch das Jsäkle dort ganz behaglich im Bett. Und die Mutter ist zufrieden, mit dem Schrecken davongekommen zu sein und nun ihre lieben Kinder beieinander zu haben. Und überlegt, ob sie dem Knaben, der ganz munter ist, noch von der Arznei geben soll. Doch schließlich mag das viele Geld nicht umsonst hingegeben sein. Das Feuer ist bald gelöscht. Aber das Jeanettle fehlt. Man sucht — und sucht — und endlich — findet man das alte Mädchen. Am Fußboden liegend in dem kleinen Kramlädchen. . Tot. Aber nicht verbrannt. Sondern erstickt. Mit einem Knebel im Munde. Auch der Laden und die Kammer sind bloß ein wenig angeräuchert. Jedoch nichts verbrannt. Nicht einmal der Strohsack im Bett. Bloß fehlt darunter der Strumpf mit dem Geld.

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