Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Er Pflegt Beziehungen, bisweilen sogar innige Beziehungen zu den Juden. So bewegt er sich gern und viel in dem Kreise der Familie des Bankiers Abraham Mendelssohn, des zweiten Sohnes des Philosophen. Gern empfiehlt er dessen Frau, seinen Sohn und sein ältestes Töchterchen dem Freunde, da er an der ganzen Familie stets lebhaften Anteil genommen und von ihr hinwiederum die freundschaftlichsten und treuesten Gegenbezeuguttgen zu rühmen hat. Abraham gehört ja auch gewissermaßen zu seiner Familie. Von seinen ersten Jünglingsjahren an, nach dem Tode des Vaters, hat er sich „mein Haus mit dem, was drinne war, gefallen lassen". Zelter findet aber auch allezeit ein offenes Haus und eine offene Hand bei Abraham, „denn er ist in den Zeiten der allgemeinen Not ohne Schaden an seiner Seele reich worden". Frau Mendelssohn schildert er als eine höchst treffliche, verständige und liebenswürdige Frau, beichtet, daß er sie als Mädchen geliebt hat, streicht das Spiel des Töchterchens heraus und sagt dem Sohne nach, daß er ein braver, stiller, etwas in sich gekehrter, wohlunterrichteter junger Mann von gutem allgemeinen Geschmack ist, dessen schlichteres Wesen von der allgemeinen „Race" der jungen Leute wohltätig absticht und Aufmunterung seitens des Freundes verdient, ja ihrer geradezu dringend bedarf, wenn er nicht mit so vielen seinesgleichen zugrunde gehen soll. Er dankt ihm dann schönstens für die gute Aufnahme seiner „Mendelssohnianer" und fügt graziös hinzu: „Das Frauchen ist von der besten Güte und war vor zwanzig Jahren wirklich eine Rarität, ein rechtes Täubchen." Ein andermal charakterisiert er sie als eine Freundin seiner besten Jahre und das schönste weibliche Geschöpf, das ihm jemals vorgekommen ist, und er bedauert nur, daß sie gleich dem Töchterchen „verschniegelt" war und noch ist, wie alle, die früh zum Leben reifen. Ihren Sohn schlägt er Goethe auch als recht brauchbaren Korrespondenten in Paris für die Jenaische „Literaturzeitung" vor. Con amore spricht er auch von Mendelssohns jüngerer Schwester, welche einige zwanzig Jahre in Paris Erzieherin im Hause des Generals Sebastiani gewesen ist. Er kann nicht umhin, eine so anmutige Freiheit des Geistes, wie sie dieses Mädchen sich seit ihrer Kindheit „die Pariser Höllenfahrt hindurch" erhalten hat, zu loben und hervorzuheben, daß der alte gebrechliche Vater die Verheißung Abrahams an allen seinen Kindern erfüllt sieht. Er spielt die Vermittlerrolle zwischen dem Freunde und dem Antiquitätensammler David Friedländcr, einem „braven Juden", und leitet manchen für Goethe sehr wertvollen Tausch in die Wege. Goethe sieht sich wiederholt veranlaßt, dem Kunstbruder für die gegebene Anregung zu danken; er verabsäumt aber auch nicht, durch ihn Herrn Friedländer, dem „wackren Kunstfreund", wie er ihn nennt, den allcrverbindlichsten Dank abzustatten und seine besten Komplimente zu senden, wenn er ihn Nicht unmittelbar durch Briefe belehrenden Inhalts erfreut. In seiner drastischen, originellen Weise erzählt Zelter, wie er den alten Gesellen, der wie mancher andere seiner Lehrjahre wenig mehr als den „Werther" kannte, für Goethe erzieht, ihn zu ihm emporzüchtet: „Ich werfe ihm, da er stets krank ist und stillhalten muß, von Deinen Pillen eine nach der anderen zu; die bleiben auf seiner redlichen Seele sitzen, und nun nach so manchen Jahren sieht Dir der Kerl aus wie eine türkische Weizenschote, und sein Lessing ist ihm unverloren." Derselbe Friedländer hat den „Phädon" des jüdischen Weisen wieder auflegen lassen und Zelter ein Exemplar zugesandt. Diesem vermögen indes nur die Einleitung und der Anhang, wie auch das „Leben des Sokrates" Interesse abzugewinnen; mit den Gesprächen kann er sich als „Einpiriste" nicht befreunden, er kann vielmehr ein heimliches „Frissonnement" kaum bemeistern, als wenn cs nicht geraten wäre, an der Tür zu horchen oder durchs Schlüsselloch zu gucken. Das Liebste am Buche ist ihm der gute Wille des Gebers und ein Faksimile nach des Autors Hand: „In jenem Leben ein mehres. Moses Mendelssohn." Einen kleinen interessanten Beitrag zu Lessings „Nathan" enthält Zelters Brief vom 19. Januar 1826- Er erzählt darin von einem Juden namens Michel, der in allen Dingen bis auf zwei verrückt erschien. Wenn er Französisch sprach, kam kein unebenes Wort über seine Zunge, und dann spielte er vollkommen Schach. Eines Tages kommt dieser verrückte Michel, wie man ihn nannte, zn Moses Mendelssohn, der gerade mit dem Rechenmeister Abram Schach spielt. Michel verfolgt die Züge der Spielenden mit großem Interesse und verseht schließlich dem Rechenmeister, als dieser mit der Rechten eine Bewegung macht, um das Spiel als verloren umzuwerfen, einen derben Schlag auf den Kopf, so daß ihm die lose Perücke herunterfällt. Abram hebt sie ruhig auf und spricht: „Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehen sollen?" Lesfing hat den Vorfall im „Nathan" nachgebildet und auch Abram als Modell zum Alfafi benutzt. Er galt als der größte Rechenmeister und Sonderling, unterrichtete für wenige Groschen oder umsonst und bewohnte in Mendelssohns Hause umsonst ein Zimmer. Lessing hielt viel auf ihn. Als er nach Wolfenbüttel ging, bat ihn Abram um ein seltenes mathematisches Buch aus der dortigen Bibliothek. Lessing fand eine Dublette und schickte sie ihm als Andenken. Nach einiger Zeit kam Abram zu Mendelssohn, brachte das Buch und wollte es diesem schenken. — „Ihr werdet doch das Buch nicht von Euch lassen, es ist ja ein Freundesandenken!" —- „Jawohl, aber ich brauch' es nicht mehr, die Erempel sind gut, und ich verstehe kein Griechisch." — „Nun, ich merke, Ihr braucht Geld; sagt mir, wieviel Ihr braucht!" — „Nein, nein! Ich habe Geld und will kein Geld." - „Nun. so geht in Gottes Namen, und braucht Ihr was, so wißt Ihr, wo ich wohne!" Nach einer Zeit kam Abram zu Mendelssohn, stand still und sprach kein Wort. — „Nun, Abram, wie geht's? Ihr seid so still; Ihr seht mich bedeutend an; fehlt Ench was?" — „Meine Frau ist aus Hannover angekommen, ich habe nur einen Stuhl." — Und so ergriff er einen Stuhl und ging damit zur Tür hinaus. Die Frau wohnte nämlich in Hannover bei Verwandten, weil ihr Mann niemals Geld hatte. ' I. B. M ii » Mher. (1. Forts.) Bon (y ( e m e n t i n e K r ä m c r. ies verbrecherische Werk des Herrn Tugendblatt fand die höchste Bewunderung. Und ferner klopften die meisten Esthers rote Bäckchen, weil sie ihre Sache so gut gemacht habe. Frau Frommet meinte zu der glücklichen Mutter, das Estherchen habe einen königlichen Anstand. Frommet bemühte sich um« das Hochdeutsche und hatte es m'it der Bildung. Jüdische Wörter zum Beispiel brauchte sie nur im Zorn. Oder im allertrautesten Daheim. Sie tadelte auch, daß Tugendblatt „Chosen und Kalle" gesetzt habe, statt „Bräutigam und Braut", und sie habe schon immer gesagt, er wäre als Lehrer veraltet. Und dann mußte sie noch beifügen, daß Esther ganz ihr Bruder Veit sei. Ueberhaupt eine echte Stein. Fradel wußte wohl um diese kleine Bosheit. Die guten Eigenschaften ihrer Kinder reklamierte stets die Familie ihres Mannes für sich. Doch dem „königlichen Anstand" zu lieb, ließ sie den Hieb Passieren. Daß Schwägerinnen sticheln, ist von grauer Vorzeit her nicht anders. Man muß nur an Brunhild und Krimhild zurückdenken.