Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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168 meine Vorschläge in diesen Blättern, 29. August 1919). Daß es sich um Millionenobjekte handelt, geht z. B. auch aus dem Vorschlag des Herrn Lehrers Abraham in Essen (Hamburger „Israelitisches Familienblatt", 4. März 1920) hervor, der für jede Provinz die Sammlung von mehreren Millionen Mark empfiehlt, deren Zinsen zur Unterstützung der Lehrer verwandt werden sollen. Der Zusammenhang Mischen Gemeinde und Verband ist durch das Fehlen jedes Bindegliedes zu lose. Wo bleibt Bezirksverband, wo Provinzialverband? Zu den wichtigsten Aufgaben des Bundes sollte es wohl gehören, das ganze Reich in Bezirke zu teilen und nach süddeutschem Vorbild Bezirksgemeinden und Bezirksrabbinate zu schaffen. Erst wenn diese strasfe Organisation durchgeführt ist, können andere wichtige Probleme gelöst werden. Zu den wichtigsten würden die kürzlich von mir behandelten Fragen des Normallehrplans und der einheitlichen Gebetbücher gehören. Man darf gewiß nicht zu viel aus einmal verlangen; wenn man den Entwurf mit zu vielen Dingen bepackt, könnte er gerade daran scheitern; aber vielleicht ließe sich doch einiges, vor allem die Bezirkseinteilung, schon jetzt erreichen. Jetzt ist die Gelegenheit günstig; verpaßt man sie, dann könnten wieder zehn Jahre und mehr vergehen. Hoffentlich läßt sich allmählich im Rahmen des vorliegenden Entwurfes alles Nötige erreichen, damit der Hauptzweck erfüllt wird: das Wohl der Judenheit. Rabbiner Dr. N e u f e l d (Briefen). Msrsos IudenpoliliK. Sozialpolitische Betrachtung zum Passahfeste. Von Professor Dr. med. Rainer (Kopenhagen), erstand ein neuer König über Mizrajim, der Joseph / nicht kannte. Wie war es denn möglich, daß der neue König den Joseph nicht kannte, dessen beispiellose Verdienste als Lebensretter, als Reichskanzler Aegyptens, dessen geniale Methode der Lebensmittelverstaatlichung als Muster') im jüngsten Weltkrieg sich so sehr bewährt haben? Die Staatsarchive Aegyptens, die Annalen, enthielten wohl ausführliche Berichte über diesen Wundermann, von dem der Vorgänger des neuerstandenen Pharao so begeistert ausgerufen Hatte (Genesis 41, 38): Wo findet man einen Mann wie diesen, in dem göttlicher Geist ist! Dies erklärt aber tieffinnig der Amürate Samuel (berühmter Arzt und Astronom) im Traktat Megillah folgendermaßen: rnnU IttHnniW LNN d. h. er, derselbe Pharao, welcher Joseph so hoch zu Ehren kommen ließ und ihn geradezu vergötterte, veränderte nur seine Politik den Juden gegenüber, gab neue Gesetze nach dem Tode Josephs heraus, welche alle früher freiwillig zugestandenen Privilegien (Genesis 47, 6:. Das Land Aegypten ist vor dir offen; setze deinen Vater und deine Brüder in die beste Gegend des Landes) aushoben, null und nichtig machten. „Er kannte nicht Joseph", bedeutet wohl demnach: „er wollte absichtlich ihn nicht mehr anerkennen, er ignorierte brutal seine gewaltigen Verdienste als Lebensretter in der Not Aegyptens — ohne Joseph wäre das> Land verhungert — und hielt nicht mehr die früheren schönen Versprechungen den Nachkommen Josephs und seinen Brüdern gegenüber aufrecht ... Er sagte sich wohl - wie dies so oft geschah und auch in unserer, „erleuchteten" Zeit den Inden gegenüber so üblich!ist: „Joseph war halt eine Ausnahme, ein „w e i ß e r R a b c" . . „ hat er denn überhaupt i) Vgl. meine Arbeit in der „Hygienischen Rundschau" 1915: „Die Brotmarken in der Bibel nsw."; 1916: „Das Nährmittelamt nebst Oberbefehlshaber desselben in der Bibel." „als Jude" etwa die Großtaten vollbracht?" „Er war scholl als Jüngling nach Aegypten — seine Brüder hatten ihn ja selbst dorthin verkauft! — gekommen, hat Dienste bei Potiphar getan . . ., kurz, hat ägyptische Sitte und Anstand gelernt, ist geradezu „ägyptisiert", hat sogar eine Aegypterin zur Ehefrau genommen . . . er gehörte so Aegypten . . . nicht den Judenbengeln" . . . Gewöhnliche Redensarten allermodernster Antisemiten . . . Hat nun ein Jude eine große Entdeckung gemacht, hat er sich sonstwie ausgezeichnet, dann ist er „unser berühmter deutscher Gelehrter, Politiker" nsw. Hat aber irgendein armer Teufel von Jude irgendeine Missetat begangen, dann natürlich sind alle Juden schuld daran. . . . „Sie halten eben alle zusammen, inspirieren einander" — und wie die stereotypen Phrasen: alle heißen . . . Also Pharao war ein ganz „moderner Judophobe" . . . „Gummiknüppel" anwenden, dazu war er allerdings zu v o r n e h m, alle Juden totschlagen, nein, das überließ er den „Alldeutschen" der Gegenwart . . . „Ausweisen", das ging auch nicht gut (vielleicht war es ihm auch schade lim die Steuern der rührigen Semiten, ebenso wie Haman Ahasveros zehntausend Kikar Silber als Entschädigung für den' etwaigen Steneraussall zu leisten sich, anbot). Nein, eine schlaue Staatspolitik ersann er, welche von selbst, ohne pöbelhafte, rohe Gewalt, sozusagen „von Staats wegen" den zu zahlreich ‘ angewachsenen Nachkommen des von ihm so verehrten Patriarchen Jakob und des so verdienstvollen, von ihm geradezu vergötterten ehemaligen Reichskanzlers Joseph „den Garaus" machen sollte ... Ein Patent hätte Pharao auf diese teufliche Erfindung nehmen sollen, wenn es damals ein Patentamt gegeben hätte . . . Aber die „Priorität" dieses „genialen" Gedankens gehört ihm für alle Zeiten ohnedies unstreitig . . . „Die neugeborenen Judenjungen beseitigen", so lautete kurz der strikte Befehl an die „weisen Frauen": Wenn es ein Knabe ist, so tötet ihn (Genesis 1, 15). Als dieses nichts nutzte (Genesis 1, 19), da befahl er „dem ganzen Volke"/ alle neugeborenen Jungen ins Meer zu werfen . . . Kurz, eine neue Art der Fruchtbarkeitsbeschränkung, ein „Naltlnisiainsmus netivus": die Jungen, die „Zukunft" im Keime ersticken . . . Als dieses nicht genügte und trotzdem die Vermehrung der verhaßten Juden immer stieg, da kamen Zwangsarbeit, Frondienst, körperliche und geistige Martern noch hinzu . . . Daher: Sie hörten nicht auf'Mose, vor geistiger Beschränkung, Mißmut und Verzweiflung... Aber trotz alledem nützte Pharao seine teufliche Politik als Vorläufer des späteren Malthus nicht. Die Juden beobachteten die Traditionen von Abraham, Isaak und Jakob und waren unzerstörbar, ja, wie man sie auch unterdrückte, sie vermehrten sich und breiteten sich immer mehr aus. Wie schön, geistreich und t i e f s i n n i g erklären dies die Welsen im Midrasch rabba zu Exodus: „Die Israeliten in Aegypten hatten ihre Namen, ihre Sprache nur ihre Tracht nicht verändert, und dies führte zu ihrer Erlösung." TD Kleid, bedeutet Sitte, Moral. So singt der rodegewLltige Jesaia izvV' npiJC : Ein Gewand der Tugend hat er mir angelegt, d. h. das, was eben den echten Menschen auszeichnet, ihn zum Menschen stempelt. Die von den welterleuchtenden Vorfahren überkommenen ihre Namen, ihre Sprache, bewahrten sie trotz aller Bedrückung und Verfolgung — und dies vevhals ihnen, ihren „v ö l k i s ch e n" Fortbestand zu sichern, endlich, aus ägyptischem Joche erlöst zu werden . . „ Da zeigt sich schon die Größe der Thora als Sozialpolitikerin. Schon von Abraham heißt es: Weil er aus meine Stimme gehört und alle meine Gesetze und Lehren beobachtet. Das Wort: Den Juden ward Licht, erklären die Weisen feinsinnig: Licht Ist Thora.