Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- Seite 162 (sequence 6)
- Language
- German
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162 Heimat zurückbleibenden wie auch der auswandernden Juden vor den Regierungen vertreten und auch über die Wahl der geeigneten Länder für die jüdische Einwanderung Entscheidung treffen könnte. Zwei-feltos würden für viele jüdische Auswanderer aus gewissen familiären und anderen Gründen nicht Palästina, sondern andere Eimvanderungständer in Betracht kommen. 6. Die Wunder der jüdische n G e s chicht e. „Wir modernen Menschen", sagt Tr. med. Wilhelm Winsch in einer seiner exegetischen Schriften, „haben den Wunderglauben nicht verloren, sondern er hat sich nur vertieft und erweitert und das Kindliche der früheren Denkweise abgestreift; und so ist unser moderner Wunder-- glaube zu einem Teil einer höheren Gotteserkenntnis geworden." Hätten unsere Diplomaten und Organisatoren wenigstens diesen modernen Wunderglauben, so lvürden sie die jüdische Frage von anderen Gesichtspunkten aus betrachten und dementsprechend auch nach anderen Lösungen als den bisherigen Umfchau halten. Wir inüssen mehr Vertrauen -auf Gottes Führung, aus die sittliche Kraft des jüdischen Volkes setzen, und als moderne Menschen müssen lvir auch Verständnis für alle neuzeitigen humanen Bestrebungen und technischen Fortschritte besitzen, um der gegenwärtigen materiellen und geistigen Not der Juden zu steuern. Unserem Volke sind stets zur rechten Zeit auch die richtigen Führer und Retter in der Not erstanden. Wäre dem nicht so, die Juden lvären schon längst untergegangen. Wollen wir unter diesem Gesichtspunkt die bevorstehende Massenemigration und -kolonisation betrachten, so müssen wir zunächst einen Blick aus die Vergangenheit richten. Als vor ein Paar Jahrzehnten die Lage der Juden im Osten sich empfindlich verschlechterte und eine Massenauswanderung nach Amerika einsetzte, da fand sich ein Alaun, der fast sein ganzes königliches Vermögen für die jüdische Kolonisation zur Verfügung gestellt hat. Gehört es nicht zu den größten Wundern der jüdischen Geschichte, daß V a r o n H i r s ch ntit der von ihm geschaffenen JCA-Organisation den Anforderungen der jüdischen Auswanderung vor dem Kriege in hohem Maße entsprochen hat? Schreiber dieses hatte im Jahre 1913 Gelegenheit, in einer mittleren Stadt Weißrußlands ein Auslvanderungsamt der JEA, dem ein Verwandter von ihm Vorstand, öfters zu besuchen und erfuhr, daß in dieser Stadt Dutzende jüdischer Familien wöchentlich mit Auskunft, Belehrung und Geldmitteln für die Auswanderung nach Amerika von der Gesellschaft versorgt wurden. Ein in seinen Händen befindlicher umfangreicher Bericht vom Jahre 1912 über die Tätigkeit der Gesellschaft legt beredtes Zeugnis ab für ihre segensnnd erfolgreiche Arbeit im früheren Russischen Reiche. Auch die Gründung und Förderung der. ersten jüdischen Kolonien in Palästina durch Baron Rothschild kann zu den Wundern der jüdischen Geschichte gezählt werden. Wohl war das Nothschildsche Kolonisationsshstem sehr mangelhast, aber ohne die von ihm geschaffenen und längere Zeit unterhaltenen Kolonien hätte die jetzige jüdische Siedlung in Palästina sehr ärmlich ausgeschaut. Selbst die von Rothschild begangenen Fehler kamen den neuen Ansiedlern zugute, da diese durch den Schaden der ersten Kolonisten manches Lernten (leider nicht in dem Maße, wie es hätte sein können). Wenn bisher noch keine anderen jüdischen Millionäre ihre Äittel für die Besiedlung Palästinas zur Verfügung stellen und die zionistische Organisation noch immer aus, Sammlungen kleiner und kleinster Beträge bei den jüdischen Volksmassen angewiesen ist, so liegt es unseres Erachtens in der vorwiegend materialistischen oderrein politischen Richtung, die der Zionismus seit Herzl angenommen hak. Mag Herzl selbst ein großer Idealist gewesen sein, er war infolge seiner mangelhaften Kenntnis des Judentums seines Idealismus nicht bewußt, wie es auch nianche seiner Nachfolger waren und noch jetzt sind. Erst wenn sich der zionistischen Leitung hervorragende, selbstbewußte, sittliche Kräfte, an denen das Judentum so reich ist, bemächtigen werden und der Zionismus von einem gewaltigen ethisch-religiösen Zug durchdrungen sein wird, werden auch große Kapitalien dem Ausbau Palästinas und der Erneuerung des Judentums zufließen. Dennoch werden diese Geldmittel allein nicht ausreichen, um den gegenwärtigen Anforderungen der jüdischen Restauration, Emigration und Kolonisation gerecht zu werden. Ein Faktor, der jetzt wunderwirkend für die Lgge des jüdischen Volkes sein könnte, dürfte nicht allein bei den Juden, sondern auch in der Hilfe der Großmächte zum Zustandekommen einer allgemeinen jüdischen Anleihe gesucht werden. Liim Irrunülchni Verkakkungsrntwurk. ein Aufsatz: „Organisation, Normallehrplan, Einheitsfibtmr" (Leitartikel in Nr. 11 vom 12. März 1920) war bereits der Redaktion dieser Zeitschrift zugegangen, als der Verfassungsentwurf für eine Gesamtorganisation des deutschen Judentums von Dr. Jsmar Freund (Berlin) veröffentlicht wurde; in meinem Aufsatz konnte daher nicht darauf Bezug genommen werden. Es sei mir gestattet, einige Bemerkungen zu der für die deutschen Juden so bedeutungsvollen Arbeit meines hochverehrten Lehrers, Herrn Dr. Freund, zu machen. Man wird wohl allgemein der Freude darüber Ausdruck geben, daß endlich einmal von offizieller Seite die seit einem Jahrzehnt ruhende Arbeit mit Energie wieder ausgenommen wird. Daß die Organisation Wirklichkeit werden wird, kann wohl bei dem geschickten Entwurf, der vorsichtig alle Klippen (z. B. Vetorecht, der Rabbiner) umgeht, nicht bezweifelt werden. Denn es wird ja nach 8 2 des Entwurfs keine Gemeinde zum Anschluß gezwungen, der Beitritt ist vielmehr ein freiwilliger und kann widerrufen werden (8 3). Es wird also zunächst nur ein Teil der deutschen Judengemeinden sich anschließen, im wesentlichen wohl diejenigen, die bisher Mitglieder des Deutsch-Israelitischen.Gemeindebundes waren (8 2a), die übrigen werden erst allmählich folgen. Ein Teil hat sich bereits aus prinzipiellen Gründen ausgeschlossen und unter Führung von Halberstadt und Altona einen „Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands" gegründet. Bei dem Fehlen jedes Zwanges ist solch Ausschluß und Trennung möglich. Die auf Freiwilligkeit aufgebaute Organisation kann natürlich niemals das gleiche wie eine Zwangsorganisation leisten, weil der gute Willen allein nicht den Zwang ersetzen und nicht die Schwierigkeiten, die der Organisation absichtlich bereitet werden können, überwinden kann. Wie nach dem. alten preußischen Judengesetz jeder Jude durch Geburt Mitglied einer Gemeinde ist und nur die Möglichkeit hat, aus prinzipiellen Gründen auszufcheiden uneventuell einer Austrittsgemeinde beizutreten, so müßte auch durch Gesetz jede Gemeinde eo ipso Mitglied des Bundes sein und nur die Möglichkeit haben, sich aus prinzipiellen Gründen einer Gegenovganisation anzuschliehen. Im Rahmen des vorliegenden Entwurfes lassen sich auch die Ziele, die der Bund' sich gesteckt, nur schwer erreich'n. Wünschenswert wäre die Anlehnung an das Vorbild Badens .oder Württembergs, wo sich der Zwang seit bereits hundert Jahren im großen und ganzen bewährt hat, wenn natürlich auch einige Unzufriedene niemals zufrieden gestellt werden können. Die. Staaten und Provinzen, welche bereits eine Organisation besitzen, werden gewiß dem neuen Entwurf im Interesse der anderen nichts in den Weg legen, aber sie selber haben bei ihrer weiter gehenden Organisation keinen Vorteil, und viel ist es auch nicht, was der neue Entwurf den alten preußischen Provinzen bringt. Wie sollen die hohen Ziele des Bundesdei so losem Zusammenschluß verwirklicht werden können! Nur die Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden (8 Id) und der in ihnen wirkenden Beamten (8 1«) wird sich durchführen lassen, vorausgesetzt, daß man großzügig vorgeht und sich nicht mit den bescheidenen Leistungen begnügt, die bisher der Deutsch-Israelitische Gemeindebund und die .Provinzialverbände bei ihren sehr beschrankten Mitteln vollbringen konnten. Will man, wie bisher, kleinen Gemeinden nur 200 bis 300 Mark jährlich geben, dann kann man sich die ganze mühselige Arbeit sparen; es muß vielmehr ein weitgehender Ausgleich zwischen Groß- und Kleingemeinde stattfinden, der vielleicht durch eine einheitlich für das ganze Reich durchzusührende Judensteuer erreicht werden könnte (siche