Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1920)
- Date
- 1920-04-08
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229457--75658-3288178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Korolnik, Meier G r o ß ma n n und Dr. @ a l! i n b , beteiligten, eine Reihe wichtiger Resolutionen gefaßt. Es wird u. a. gefordert, daß Amerika seine Tore den Pogromwaisen und -witweN öffne, unter gleichzeitiger Verpflichtung, daß sie weder den Städten noch den einzelnen Staaten der Vereinigten Staaten zur Last fallen; man solle den bereits in Europa befindlichen Delegierten Katz nach Möglichkeit unterstützen und ehestens weitere Delegierte entsenden; man solle sich an der Agitation zur ehesten Einberufung des jüdischen Kongresses in Amerika beteiligten und dafür eintreten, daß schnellstens in Europa die jüdische Welthilsskonferenz zusammentrete. Alle Delegierten, die für die Ukraine bestimmt sind, sollen durch ein Referendum, das von den einzelnen Gesellschaften vorgenommen wird, bestimmt werden. J. P. Z. •* Das Problem der jüdischen Emigration xmb Kolonisation. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Herr Nathan Chawkin (München) in der März-Nummer der „Mitteilungen des Daniel-Bundes" (Gesellschaft für ethische Erneuerung des Judentums) einen dieses Problem objektiv behandelnden Artikel, der die Beachtung weiter Kreise verdient. Aus den instruktiven Ausführungen des Verfassers, die in sechs Abschnitte gegliedert sind, lassen wir die zwei ersten und den sechsten, die von besonderem Interesse sind, hier folgen: 1. D c r Wirt s ch a f t l i che A u fba u d e r o st j ü d i s che n Wohnstütt e. Einem Vulkan gleich haben Krieg und Pogrome ihre verzehrende Lava über die jüdische Masse ausgegossen. Unzählige Juden sind in dem wütenden Elemente umgekommen, noch mehr sind aus ihrem bisherigen Dasein heransgeriss-en und verelendet. Tie müaescheuchte Masse flüchtet ziellos vor der Vernichtung. Wenn sich die Zerstörungswut eines Feuerberges legt, dann beginnen die Leute an seinen Abhängen ihre Hütten wieder zu bauen, in der Hoffnung, daß der Ausbruch sich nicht so schnell wiederholen, ja, daß die Glut des Berges vielleicht aus immer verlöschen merbe. Werden die Juden die Hoffnung ans Eintritt besserer Zeiten in ihren Heimatländern ganz aufgeben? Wie dem auch sei, die Gefahr einer überstürzten Masseneinigration der Juden tritt immer näher heran; deshalb erscheint uns vor allem der sofortige Wiederaufbau der vvn dem Kriege und von Pogromen mehr oder weniger zerstörten jüdischen Wohnstätten unddie Schaffung wirtschaftlicher Lebensbedingungen für die vielen ruinierten Existenzen als das allerdringendste Gebot der Stunde. ^Jede Hilfsaktion, die auf die Linderung der gegenwärtigen Not der Juden in ihren Wohnländern, Beherbergung der jüdischen Waisen u. dgl. gerichtet ist, trügt zur Minderung der Gefahr einer ungeregelten Atassenauswauderung bei. Wir brauchen nicht im geringsten zu befürchten, daß die Juden sich schließlich mit ihrer Lage im Osten versöhnen, ihre Gedanken all die Auswanderung aufgeben und später neuen Pogromen und Drangsalierungen ansgeliesert würden; die Wunden, die der Krieg und die Pogrome in die Herzen vieler Juden geschlagen, lverden nicht so bald ausheilen, und die Mehrzahl der Heimgesuchten wird sicherlich danach trachten, bei jeder Gelegenheit in ein anderes, besseres, und freieres Land überzusiedeln. Trotz aller Bortehrungen und Anwendung beträchtlicher Geldmittel wären Mm doch nicht in der Lage, in kurzer Zeit in anderen Ländern gesicherte Existenzen für die Juden zu schaffen. Auch ist infolge der ungünstigen Berussfchichtung der Ostjuden, besonders der zu großen Zahl von Händlern, die Entstehung ungesunder Zustände und gespannter Bezieh im gen zwischen den Juden und der übrigen' Bevölkerung in den neuen Wohnländern nicht ausgeschlossen. Wir müssen daher danach trachten, durch Gründung jüdischer Arbeitsämter, technischer Bitdungsanstalten u. dgl. möglichst viele Juden den produktiven Berufen zuzuführen. Besonders ist es von größter Wichtigkeit, die jüdischen Industriellen, Gewerbetreibenden und Landwirte zi: veranlassen, möglichst viel jüdische junge Leute bei sich au.fzn nehmen, um diese in den produktiven Berufen auszubilden. Durch Gründung jüdischer Schrebergärten, Lchrfarnren für Gartenbau, Kurse -für Handfertigkeiten ufw. kann ebenfalls für die Besserung der Lage der Inden ill ihren jetzigen Wohnländern oder für die Schaffung einer gesicherten menschenwürdigen Existenz in den neuen Einwanderungslündern beigetragen lverden. 2. Die Geldfrage. Es besteht kein Zweifel, daß man in den nächsten paar Jahren für das Wiederausrichten des erschütterten jüdischen Wirtschaftslebens und noch mehr für die bevorstehende Massenemilgration beträchtliche €:itmmeu benötigen wird, -die - man auch mit den raffiniertesten Sammelulethoden, mit Spenden und Selbftbesteuerungen, mit Ballveranstaltungen unb Nüchfensalllinlilligell auch in Jahrzehnten nicht aufbringen wird. Für die meisten europäischen Länder kommt noch -als erschwerend-er Umstand das ungeheure Sinken des Geldwertes hinzu, so daß viele Juden, die früher als wohlhabend betrachtet und für wohltätige Zwecke in Anspruch genommen werden konnten, jetzt selbst verarmt und mm ihre zukünftige Existenz besorgt sind. Biele jüdische Gemeinden erschöpfen ihre ohnehin geringen Mittel zu der MDerung der gegenwärtigen jüdischen Not, Versorgung jüdischer Kriegswaisen, Kampf gegen den Antisemitismus n. dgl. und können daher für den Wiederaufbau der ostjüdisch.'u Wohnstätten und für die bevorstehende jüdische Alassenemigrativn lmd -kolvnisation sehr wenig tun. In dieser in Europa allgemein herrschenden Geldnot pflogt mau bei lins die Blicke nach Amerika zu richten, das durch den Krug am loenigsten gelitten und reiche Juden in ansehnlicher Zahl hat. Ueberdies bezeichnet man die Amerikaner -- die dortigen Juden natürlich nicht ausgenommen — als ein praktisches Volk, das in allen seinen Unternehmungen großzügig zu Werke geht. Wir sehen denn mtd), baß bei den amerikanischen Juden eine umfangreiche Aktion zur Behebung der jüdischen Not im Osten eingesetzt hat. Beträchtliche Geldspenden und Lebensmittel strömen von Amerika in die von Krieg und Pogromen heimgesuchten jüdischen Wohnlünder. In New Dork sind einige jüdische Hilfsorganisationen gebildet worden, die Vertreter in die verschiedenen Orte des jüdischen Ostens abgesandt haben, um zunächst die gegenwärtige jüdische Not zu lindern und dann auch die Aufrichtung des da nieder liegenden jüdischen Wirtschaftslebens zu betreiben. Auch die mit allen Mitteln der amerikanischen Reklame in Szene gesetzte Sammlung eines 10-A(illiouen-Dollar-Fondsfür den Aufbau Palästinas macht bereits gute Fortschritte. Aber alle diese Geldmittel, die von den Juden allein durch Spenden aufgebracht werden, können nicht im entferntesten dazu ausreichen, die vielen vernichteten jüdischen Eristenzen wieder anfznrichten und noch weniger der einsetzenden Alassenemigcation der Inden irgendwie gerecht zu werden. Hat doch Max Nordan in den „Jewish Times" vom 16. Januar geschrieben, daß man für den Aufbau Palästinas allein in den nächsten Jahren etwa 250 Millionen Pfund, also 1250 Millionen Dollar oder etwa 6 Milliarden Francs benötigt. Was bedeuten denn dieser Summe gegenüber die hy2 Millionen Francs, die der Nationalifonds im Jahre 1919 aufgebracht hat, wenn sie sogar, wie es angenommen wird, in den nächsten Jahren verfünffacht werden! Nordau verlangt, daß die nötige Geldsumme in Form einer Anleihe den Zionisten sofort oder in rasch anseinanderfolgenden Raten gegeben werde, und daß England die Garantie für diese Anleihe übernehmen soll. Eine Frage ist es, ob England, das ja selbst durch den Krieg in gewisse finanzielle Abhängigkeit von Amerika geraten ist, diese Garantie übernehmen kann und wird. Es ist aber nicht einzufehen, warum eine große Anleihe von den Juden nur für den Aufbau Palästinas und nicht auch für den der ruinierten ostjüdischen Wohnstätten oder für die Emigration der Juden in andere Länder aufgenommen lverden soll. Würde eine solche j ü d i s ch e Volksanlei h e nicht nur für zionistische, sondern auch für allgeni,ein-jüdische Zwecke verwendet werden, so könnte sie sicherlich leichter zustande kommen, weil für diese. Anleihe das ganze jüdische Volk Verantwörtlich sein und die Garantie nicht nur von England, sondern vor, allem auch von Amerika übernommen werden könnte. Allerdings müßte die Anleihe dann etwas größer als die von Nordan vorgeschlagene ausfallen. Sie würde schätzungsweise 4 0 0 M i ll i o neu Pfund — 2 Mi I l i a r d e n D o l l a x o d e r rund 10 Milliarden Francs betragen. Die jüdische Emigrations- und Kolonisationssrage darf nicht vom einseitigen zionistischen, sondern muß vom allgemeimjüdischen Standpunkt behandelt werden. Es müßte nach dem Vorschlag Birnbaums ein V o l k s a m t von jüdischen Menschen aller Richtungen geschaffen werden, das die Sache der in ihrer