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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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-159 Am Lenbachplatz bereits kaan es zu einem Zwischenfall. Ein Reichswehvsold.at verteilte Zettel folgenden Inhalts: „Unerhörte Bevorzugung der Juden. Die Reichste treidestelle stellt Heuer wieder 42 000 Sack feinstes Weizenmehl für die Herstellung des jüdischen Osterbrotes zur Verfügung. Aus jeden Juden treffen 8 Pfund. Ferner erhaltendie Juden 4600 -Sack Zucker. Das deutsche Volk hungert, Schlverkranke bekommen nicht das nötige Weizenbrot, weil jüdische Schmarotzer es ihnen entziehen. Deutsche, nehmt dagegen Stellung!" Der Soldat, der diese Zettel verteilte, wurde von Schutzleuten festgenonrmen, die ihm den Revolver entrissen. Die Demonstranten, die schon am Wegzichen waren, sammelten sich daraufhin nochmals und «gingen gegen die Schutzleute vor. Diesen wurde der schon Verhaftete entrissen und die Schutzleute mußten, wollten sie sich weiteren Angüssen entziehen, verschwinden. 1 / Die Menge zog dann zur Feldherrnhalle. Von der Halle herunter wurden Ansprachen an die Menge gehalten, bei denen stets die Ausweisung der Ostjuden verlangt wurde. Verschiedentlich wurden Herren, die jüdischen Typus hatten, insultiert. Der letzte Redner forderte zu ruhigem Uuseinandergehen aus. Als 'die Demonstranten durch die Theatinerstraße abziehen wollten, kamen aus dem Ministerium des Innern Truppen der Polizeiwehr und die abziehenden Massen gerieten dadurch ins Stocken. Vor dem Ministerium wurde >dre Menge von Abteilungen der Polizeiwache, Schutzmannschaft und Reichswehr, die die Straße äbsperrten, ausgehalten. Auch ein Maschinengewehr war in Stellung gebracht. Dadurch wurden die Demonstranten aufs höchste erregt. Rufe wie: „Ihr wollt aus Brüder schießen, um die Juden zu schützen! Schämt euch!" usw. wurden laut. Fast schien es, als ob die Menge gegen die Polizeiwehrtruppen Vorgehen wollte. Im letzten Augenblick kam von der Ludw'igstraße Sicherh-eitswehr im Stahlhelm und dadurch wurde die heikle Situation in der Theatinerstraße gerettet. 'Eine Deputation aus Vorstandsmitgliedern vom deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, die zu dieser Zeit beim Minister Endres vorsprach, kam nun zurück. , Justizrat v. Zezschwitz machte von der Terrasse der Feldherrnhalle aus der Menge Mitteilung von der Unterredung mit dem Minister und von den Forderungen, die diesem vorgelegt worden seien und die er nach Möglichkeit zu erfüllen versprochen habe. Diese Forderungen verlangen sofortiges Einreiseverbot für Ausländer, namentlich Ostjuden, Ausweisung von Juden, die nicht schon vor dem Juli 1918 ansässig waren, ferner solle den Juden in Deutschland das für ihre Ostern in zu weit gehendem Maße zugewiesene Mehl wieder entzogen und der übrigen Bevölkerung zugewiesen werden; bei den Metzgern solle Umfrage veranstaltet werden, welche Juden und wieviel sie Schweinefleisch bezögen, was eine Sonderzuweisung von Mehl an sie überflüssig machen würde, usw. Justizrat v. Zezschwitz forderte schließlich auch zu ruhigem Auseinandergehen auf. Der Platz wurde geräumt und damit endete die Kundgebung. Der Verlauf 'dieser Demonstration zeigte, daß es nur dem Zufall zu danken war, wenn die Kundgebung ohne ernstliche Folgen äbgelaufen ist. Die Veranstalter derartiger Menschenansammlungen können, wenn es darauf ankommt, die Massen nicht mehr halten. Man sollte deshalb endlich aufhören, die Straße zum Tribunal zu machen. Solche Kundgebungen tragen stets den Keim schwerer Ausschreitungen in sich, für die dann niemand verantwortlich sein will. * Zu den in der vergangenen Woche auf Anordnung des Oberbefehlshabers vorgenommenen Verhaftungen von Ausländern angeblich ohne Unterschied der Religion, über die auch wir in der vorigen Nummer unter „Nah und Fern" kurz berichteten, schreibt der „Vorwärts" vom 1. April unter dem Titel: Girr militärischer Mißgriff. Die zwangsweise Uebersührung von etwa 250 am Sonnabend, -den 27. März, wahllos auf «der Straße festgenommenen Ostjuden stellt sich als ein schwerer Mißgriff heraus, der von einer militärischen Stelle ohne jedes M-itwiffen und gegen den Willen der Zivilstellen vorgenommen worden ist. Der Vertreter des Polizeipräsidiums, der am 30. März 1920 im Beisein einer besonderen Kommission des Arlbeiterfürsorgeamts sämtlicher jüdischen Organisationen Deutschlands die Festgenommenen auf ihre Personalien und Papiere hin geprüft hat, konnte sofort die Entlassung von 80 Internierten erwirken, die, obwohl sie sich im Besitz genügender Legitimationen befunden hatten, dem Zugriff der Militärorgane zum Opfer gefallen waren. Wie wahllos dabei verfahren wurde, zeigt die Tatsache, daß viele der Inhaftierten seit langen Jahren in Berlin wohnen und angesehene Bürger sind, daß sich Jugendliche, die in Deutschland geboren find und die Schule besuchen, unter ihnen befinden, und hochschwangeren Frauen ihre Männer weggeholt wurden. Der Vertreter des Polizeipräsidiums faßte sein Urteil über die im Norden Berlins Verhaft eien dahin zusammen, daß es sich bei ihnen um ordentliche und rechtschaffene Personen handelt, die weder der Schieberei noch irgendwelcher politischer Unzuverlässigkeit verdächtig sind. Eine sofortige Freilassung der iminer noch dem merkwürdigen Erlaß des Generals v. Seeckt unterworfenen Inhaftierten ist dringend zu fordern. Man mag über die östlichen Einwanderer denken, wie man will, und irgendeine gesetzliche Regelung wünschen, keinesfalls aber ist es zulässig, diese Ausländer -ihren gesetzlichen Richtern zu entziehen und diese verwickelte Frage durch militärische Ausnahmebestimmungen noch mehr zu verwirren. Dieser „militärische Mißgriff" — der wievielte? — ist nicht nur wegen seiner Ungesetzlichkeit zu verurteilen, er ist auch politisch blödsinnig, weil er im Ausland neue Mißstimmung gegen Deutschland schafft. Die Militärs müßten doch, nach so vielen Erfahrungen schon einsehen, daß sie aus politischem Gebiet gemeingeisährlichsind, und sollten sich ruhig der Führung durch politisch Berufene anvertrauen, die in einem vernünftigen Staatswesen sowieso eine Selbstverständlichkeit ist. Am Dienstagnachmittag, also 48 Stunden -später, als es General v. Oldershausen am Sonnabendabend einem Mitglied unserer Redaktion ausdrücklich versprochen hatte, schreibt der „Vorwärts", wurde im Z'ossener Lager mit der Sichtung der verhafteten „lästigen Ausländer" begonnen. Unter den ersten, Entlassenen befindet sich der von uns bereits erwähnte Oberrealschüler, der, als er sich bei der Kommission meldete, seinen Lauspaß mit den Worten erhielt: „Ach, das ist der, von dem im „Vorwärts" die Rede ist. Der muß weg!" Derselbe Leutnant, der sich den, Eltern dieses jungen Mannes gegenüber am Anhalter Bahnhof den niederträchtigen Ausspruch geleistet statte: „Von Ihrem Sohn werden Sie erst Nachricht erhalten, wenn er tot sein wird!", kam währendder Fahrt in das Abteil, in dem mehrere der Verhafteten saßen, und beschimpfte sie mit den Worten: „Verfluchtes Mosesvolk! Euch werden wir's schon, zeigen!" Von -einem anderen der Freigelassenen erfahren wir über die Art der Behandlung in Zossen folgende empörende Einzelheiten: Nach ihrer Ankunft im Zossener Lager wurde den Verschickten mitgeteilt, daß, wer einen Fluchtversuch unternehmen oder sich nur dem Drahtverhau nähern, oder gar nur mit den Posten sprechen würde, sofort erschossen würde. Am nächsten Morgen kam ein anscheinend betrunkener Feldwebel (oder Leutnant?) mit vorgehaltenem Revolver in eine Baracke und drohte, alle Insassen über den Hausen zu schießen. Als Verpflegung erhielten die Häftlinge morgens Kaffee und für fünf Mann je ein Brot, mittags eine Suppe und abends wieder Kaffee, aber kein Brot. Den hungrigen Verhafteten w.ur'de der Besuch der Kantine untersagt, und sie mußtensich von den Solidaten etwas Brot erbetteln, d. h. die Soldaten verlangten für ein K-ömmißbrot 50 Mark, die sie auch von den etwas Begüterten erhielten. Für dne größere Scheibe wurden „nur" 20 Mark verlangt. Das tollste -dabei ist, daß die Freigelassenen der Lagerverwaltung vor ihrem Abgang 4 Mark 50 Pfennig für die erhaltene „Verpflegung bezahlen mußten; den Unbemittelten mußte dabei von den

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