Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-08 · Heft 15 (8.4.1920) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 15 (8.4.1920)
Date
1920-04-08
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229457--75655-3288175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

158 dem zu erstrebenden Ziele sittlicher Vollkommenheit spricht, ist an zahlreichen Stellen der Bibel zu lesen. Und doch sind viele, die aus diese Weise einen Gott gefunden haben, noch weit entfernt vom jüdischen Väterglauben. Zwischen ihrer und der traditionellen Gottesauffassung besteht noch ein großer Wesensunterschied. Ihr Gott ist nur eine Kraft, die wir im All erkennend bewundern oder die uns emporgeführt zum Reiche der Sittlichkeit. Es ist aber nicht der seiner sebbst bewußte Gott des Judentums, auf den jeder einzelne für seine Schicksalsgestaltung hoffen und vertrauen kann. Ein Gott, der nicht nur in unserem Bewußtsein lebt, sondern auch der Gott der Väter war in dem Sinne, daß er unsere Vorfahren in ihren Nöten und Bedrängnissen beschützt und geleitet hat. Erst diese Erkenntnis ist der Höhepunkt des religiösen Glaubens. Auf dieser Stufe religiöser Denkungsart angelangt, können dann auch unsere modernen Gottsucher mit Mose ausrufen: „Dies ist mein Gott, und ich will ihn Preisen! Der Gott meines Vaters, ich will ihn erheben." Sir Mache. B e r l i n , 5. April. ie Männer, die sich Herr Kapp als Minister und sonstige Helfershelfer ausgesucht hatte, waren durchweg keine Geistesriesen, weder Herr Traub, noch Dr. Schiele, noch Herr v. Jagow, noch Herr Bredereck, noch! all die anderen. Kapp hatte sich auch an Helfserich geiwandt, bekam aber von diesem einen Korb. Es war gewiß undankbar von Helfserich, daß gerade er als der Mann, für den sich die gesamte konservativreaktionäre Clique so gewaltig ins Zeug gelegt hatte, in einer so entscheidenden Stunde die Kapp-Leute im Stich ließ; diese hätten aber schon aus einer solchen Absage entnehmen müssen, wie der Hase lief. Jetzt fühlt sich sogar die Deutschnationale Volkspartei veranlaßt, von den Herren Kapp, Traub und Dr. Schiele abzurücken; die offizielle Korrespondenz dieser Partei «schreibt: „Wir hatten bereits am 22. März rnitgeteilt, daß der Abgeordnete D. Traub schon am ersten Tage des Kappschen Unternehmens seinen Austritt aus der Deutschnationalen Volkspartei erklärt hat. Dasselbe trifft auf Kapp und Dr. Schiele (Naumburg) zu." Wir wollen es unterlassen, auf die einzelnen „Regierungshandlungen" der „Kappazitäten" näher einzugehen; als Kuriosum sei nur hervorgehoben, daß einer der ersten Erlasse dieser Männer, unter denen sich eiyige der größten Schieber aller Zeiten befanden, gegen das Schiebertum gerichtet war. Wer über diese Männer genau unterrichtet sein will, der lese die Nummer der „Mitteilungen aus dem Verein zur Ab-' wehr des Antisemitismus" vom 30. März, die Herrn Kapp und einige seiner hervorragenden Stützen vor uns Revue passieren läßt. Unsere Leser dürfte besonders die Charakteristik interessieren, die die genannte Korrespondenz von Herrn Pastor Traub entwirft, der, wie wir ergänzend hinzufügen möchten, während des Krieges es nicht verschmähte, für Geld und gute Worte in jüdischen Vereinen „wissenschaftliche" Vorträge zu halten. Die „Mitteilungen" schreiben: „Gegenüber Herrn Pastor Traub, den Herr Kapp zum Kultusminister ernannt hatte, ist ja ein Chamäleon ein Muster -an Farbonbeständigkeit zu nennen. Auch in der Hundertstundenregierring seines freundes Kapp fand Traub Gelegenheit, seine Proteusnatur in ausgiebigstem Maße zu bekunden. Er behielt das Amt des Kultusministers nur einige Stunden; dann sattelte er um und wurde Reichs- Pressechef, blieb aber auch in dieser Stelle nur einen Tag, um schließlich das hohe Amt eines Reichspropagandachefs zu übernehmen. In einer Agitationsrede bei den Wühlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 hatte der Major v. Ol'berg, die einstige Stütze und Säule des Kriegspresseamts, zum Beweise dafür, daß „die Deutschnationale ' Bolkspartei keine verkappte konservative Partei" sei, den „liberalen" Herrn Traub angeführt. Während des Krieges bekam dieser, es als Landtagsabgeordneter der Fortschrittlichen Volkspcätei fertig, sich'als Wanderredner für -die von seinem Freunde Kapp gegründete Vaterlandsparteizu verpflichten, behielt aber trotz wiederholter energischer Aufforderung seitens der Partei, sein Mandat niederzulegen, dieses bei. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung ließ er sich bekanntlich in Teltow-Beeskow von der Deutschnationalen Volkspartei wählen' und gründete mit Dr. Schiele eine Sonderabteilung dieser Partei, die sich „Abteilung für das liberale Bürgertum" nannte und selbstverständlich ein klägliches Fiasko erlebte. Als deutschnationaler Abgeordneter der Nationalversammlung Unterzeichnete er unter anderem eine einen scharfen antisemitischen Charakter tragende Anfra^, die sich mit der Rückkehr aus . Rußland flüchtender Männer und Frauen beschäftigte; er dachte Wohl nicht mehr daran, daß er noch i-m Jahre 1914 in Herford in einer gegen antisemitischen Hetzereien seiner jetzigen Parteifreunde einberufenen fortschrittlichen Versammlung den Anti-, sem'itismus aufs schärfste verdammt hat. Ob er es von seiner jetzigen Partei nicht auch recht bald verspüren wird, was er damals aussprach.: „Aus den vielen, die mit flatternden Fahnen gegen das Judentum auszogen, ist ein kleines Häuflein geworden"? Bei der Agitation für die Nativlmlversannnlungswahlen trat er zusammen mit dem Antisemiten Laverrenz als Redner auf. Als sein Parteifreund dabei erklärte: „Was uns am 9. November am meisten angeekelt hat, war, daß Hunderttausende auf das noch eben Angebetete gespuckt haben", ist Herr Traub dabei, wie glaubhaft berichtet wird, keineswegs errötet. Es ließe sich noch manches 'Interessante anführen zur Charakterisierung des Herausgebers' der „Eisernen Blätter" und Besitzers einer der eisernsten Stirnen, die es jemals auf Gottes Erdboden gegeben hat, -aber das oben Mitgeteilte genügt wohl hinlänglich." * Ueber die antisemitischen Kundgebungen, die am 8. vorigen Monats in München stattgefunden haben, evhalten wir nachstehenden, der „Bayerischen Staatszeitung" in München entnommenen Bericht, der infolge der Verkehrsstörung erst vor einigen Tagen bei uns eingetrosfen ist. Wir lassen ihn hier, wenn auch verspätet, folgen als einen Beitrag zur Zeitgeschichte, die sich leider immer trauriger gestaltet. Die antisemitischen Kundgebungen in München bildeten gewissermaßen den Auftakt zu den judenfeindlichen Demonstrationen, die während der Kapp-Lüttwitz-Regierungstage in Berlin stattfanden. Hier wie dort waren neben der deutsche-völkischen Jugend und dem sonstigen antisemitischen Pöbel zahlreiche Soldaten und Offiziere der Reichswehr zu bemerken, die „Nieder mit den Juden" brüllten, die Beschlagnahme des für die Juden bereitgestellten Ostermehls verlangten und in Schimpfereien gegen die Ostjnden sich ergingen, um desto ungestörter Pogrome gegen die einheimische jüdische Bevölkerung inszenieren zu können. Doch der Anschlag unserer Feinde ist mißlungen, und wir würdigen an diesem Passahfeste um so verständnisinniger das Wort: In jedem Zeitalter steht man wider uns auf, um uns zu vernichten; der Ewige aber rettet uns. — Der Bericht aus München lautet: Sonntag mittag fanden auf dem Lenbachplatze und sodann vor der Feldherrnhalle antisemitische Kundgebungen statt. Nachdem dort wie hier mehrere Ansprachen an die aus Demonstranten und Neugierigen bestehende Menge gehalten worden waren, die sich gegen die Ausbeutung der Bevölkerung durch Schieber und Wucherer und Ausländer, besonders durch Juden, richteten, sollte eine Kundgebung direkt vor dem in allernächster Nähe befindlichen Ministerium des Innern selbst stattfinden. Dem Minister Endres war ebenso wie dem Bürgermeister Schmid in den Ansprachen der Vorwurf zu schwächlicher Haltung in der Auständerfrage gemacht worden. Die Redner geißelten in ihren Ausführungen besonders, daß 'den Juden Weizen für das Osterbrot und Zucker bereitgestellt wurde. Das alles sollte den Juden genommen und den Krankenhäusern zugewiesen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.