Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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* drei tung derartiger Flugblätter beteiligen sollten, -mit den strengsten Schulstrafen vorzugehen. lieber Verstöße gegen die Anordnung ist uns in jedem Einzelsalle vor Verhängung d-er Schulstrafe schleunigst zu berichten." gez. tön n eburg. er. Dresden, 26. März. Die sächsischen Handelskammern wiesen in einer gemeinsamen Eingabe an das Ministerium des Innern aus die Erscheinung hin, daß infolge der politischen und wirtschaftlichen Wirren im Osten, von Posen anfangend bis nach Rußland hinein, ein großer Teil der dortigen Bevölkerung ansange, sich unsicher zu fühlen, und deshalb nach Westen dränge, neuerdings insbesondere auch nach Sachsen und seinen Großstädten. Wegen der daraus erwachsenden Unzuträglichkeiten aus den Gebieten der Arbeitslosigkeit, Erwerbslosenunterstützung, Wohnungsnot, des Schieber-, Schleichhändler- und Ramschertums regten sie Maßnahmen an, diese Zuwanderung einzudämmen, und befürworteten zu diesem Zwecke die Schaffung ausreichender gesetzlicher Handhaben, da die bisherigen unzulänglich seien. — München, 26. März. In der letzten Stadt ratssihung bedauerte Bürgermeister S ch m i d die antisemitischen Kundgebungen, da sie geeignet wären, den Ruf und das Ansehen unserer Stadt schwer zu schädigen. Es sei unverantwortlich, daß die in Betracht kommenden- Kreise die Verfechtung ihrer Anschauung auf die Straße tragen und sich nicht scheuten, von unreifen Leuten und Personen mit niederen Instinkten sich unterstützen zu lassen. Der Stad trat erhob gegen diese jeder Kultur hohnsprechenden Vorgänge nnchdrücklichst Verwahrung und sprach hierüber seine tiefe Empörung aus. Er erwartet von der Negierung, daß sie entschieden dagegen Stellring nimmt und eine Wiederholung solcher unverantwortlichen Treibereien mit allem Nachdruck verhindert. Der Stadtrat appellierte ferner an den gesunden Sinn der Bevölkerung, sich nicht wieder zu solchen verrverslichen Demonstrationen mißbrauchen zu lassen, und er.wartet, daß sie sich hiervon künftig fern hält. Bürgermeister Schmid stellte ausdrücklich fest, daß die Kundgebungen des Stadtrates auf Grund einstimmigen Einverständnisses aller Fraktionen und Mitglieder erfolgten. Frankfurt a. M., 26. März. Die u e b e r l e i t u n g d c s „P h ilan t h r o p i n s" in städtische Verwaltung ist von den Gemeindebehörden beschlossen 'worden. Diese über hundert Jahre zählende Unterrich'.s'anstält war bisher rein jüdisch; bei ihrer Ue'bernahme durch die Stadt mußte sie natürlich in eine Paritätische Anstalt nmgewande'lt werden. Zu den Anregern der Schule gehört der am Ausgangspunkt so vieler hiesiger Wohlfahrtsein richtungen stehende Meyer Amlschel Rothschild. Als dieser 1803 bei einer Reise nach Marburg einen armen talentierten Judenkn'aben kennen lernte, nahm er ihn mit nach Frankfurt und übergab ihn zur Erziehung seinem Buchhalter Siegmnnd G e i s e n h e i m e r, aus Bingen stammend. Dieser, damals schon ein bekannter Philantrop, der auch Hervorragend in der Krankenversorgung tätig war, veranlaßte noch drei gleichgesinnte Mitglieder, nämlich Jsaac Michael Reis, Jsaac Hirsch Stiebel und Daniel. Hirsch K u-lp, mit ihm zusammen eine Schule zu gründen, und so entstand im Januar 1804 die Schule, aus -der sich das bekannte „Philanthropin" entwickelt hatte. Da eine Volksschule für die ersten Schüler, deren es nur -drei waren, nämlich den erwähnten Rothschildschen Findling und noch zwei -hiesige Waisenknaben, zu weitläufig gewesen wäre, wurden ans Geisenheimers Anregung die drei Zöglinge in der von G ü n d e r o d e und Hufnagel kurze Zeit vorher gegründeten „Musterschule" untecgebracht. Um den drei Knaben aber auch die nötigen Kenntnisse der hebräischen Sprache sowie deutsche Schönschreibkunst beizubringen, schuf man eine kleine Hilfsschule in dem Hanse Wollgraben 14. Später, als die Schüler- und Schülerinnenzahl anwuchs, verlegte inan die Unterrichtsstunden nach 'dem Kompostel, doch fanden schon vorher mehrere Lokalwanderungen statt., Im Kompostel verblieb die Schule bis zürn 13. November 1845. An diesem Tage wurde das von dem Mainzer Architekten Oppermann erbaute Schulhaus Rechneigraben 14/16 bezogen, das inzwischen als „Anna-Schule" an die Stadt überging, nachdem das „Philanthropin" seine Unter richksräume in den Prachtbau an der Hebelstraße verlegt hatte, um hier, wenn es zu einer Einigung mit der Stadt kommen sollte, seine mehr als hundertjährige Geschichte abzuschließen. Zmn Schlüsse seien noch die Namen der einzelnen Direktoren erwähnt: Dr. Molitor, gemeinsam mit Michael Heß, dessen Denkmal sich im Schulhofe befindet, dann folgten Sigismund Stern, Hermann Baerwald und Salomvn Adler. Schwei?» Z. Zürich, im Mürz. Eine Interpellation des Kantonrats Lehrer Höhn (Dem.) gab Anlaß zu einer interessanten Aussprache oder zu einem „Relig-ionsgespräch", wie einige Ratsherren die Erörterung nannten.' Höhn erbat vom Rat folgende Erklärung: „Ter Regierungsrat wird eingeladen, zu prüfen und dem Kantonsrate Bericht zu erstatten, ob nicht die veränderten Verhältnisse die Aushebung seines Vefchlusses vom 31. Dezember 1914 betreffend Dispensation der israelitischen Dolksschüler von den manuellen Tätigkeiten am Sabbat und anderen jüdischen Festtagen rechtfertigen." Zur Begründung fährt der Redner aus: Seitdem der Negierungsrat die jüdischen Schüler von den Schreibarbeiten mit Sabbat befreit hat, herrscht in der Lehrerschaft ein gewisses Mißbehagen, weil dadurch ein Teil der Schülerschaft an 43 Sabbaten und 11 weiteren Feiertagen einen geringeren Anteil am Schu lunterricht hat. Es kann nicht zu gestanden werden, daß der einzelne nach seinem Gewissen handelt. Früher galt der Grundsatz: „Cujus regio eius religio.“ Heute ist die Gewissensfreiheit Allgemeingut der Menschheit geworden. Religion inöchte der Redner als eine private Liebhaberei bezeichnen, aber wenn sie den Gang des Staates stört, so steht das Gemeinwohl höher. Früher machten nur wenige Schüler von der Dispensation Gebrauch. In der letzten Zeit seien viele Juden aus Galizien zugewa-ndert, die sehr fanatisch sind. Negierungsrat Dr. M o u s s on ergreift das Wort und erklärt, es 'sei ihm unverständlich. warum die Interpellation gestellt wurde. Eine richtige Begründung wäre, eines von diesen Judenkindern habe das gewünschte Lehrziel nicht erreicht. Das wurde aber nicht gesagt. Ter Redner bestreitet, daß die Eiuwände stichhaltig sind. Man sagt heute, daß auf die Individualitäten Rücksicht genommen werden muß. Nach der Bundesverfassung hat der Vorredner recht. Es könnten die Kinder gezwungen werden. Das ivußte der Regieruugsrat. Aber seine Absicht war, daß inan schöner handelt, wenn man über die Grundsätze hinaus geht, den Grundsatz der Toleranz weiter ausdehnt. Tolerant zu sein, solange es bequem ist, ist keine Kunst. Was man nicht versteht, das ist einem unbequem, das möchte mau beseitigen. Möge man die einen oder die anderen Gründe der Orthodoxen als unvernünftig bezeichnen, aber manches, was heute als unvernünftig erscheint, kann sich später als vernünftig erweisen. Ob es so fein wird, weiß der Redner nicht. Aber die Einhaltung der Speisegesetze hat sich heute als physiologisch berechtigt gezeigt. Daß ein gesetzlicher Zwang eine Absolution erwirkt, wie Höhn bemerkt, ist sehr zweifelhaft. Die Samstagsruhe wird von den Juden sehr streng beobachtet. Es sollten die Lehrer lieber den anderen Schülern Aufklärung geben, das wäre viel besser, als sich darüber zu ärgern, daß einige Jndenkinder die Hände im Sack halten. Herr Höhn hat hingewiesen aus den starken Zufluß der jüdischen Bevölkerung in den letzten Jahren. Es ist zuzugeben, daß er nicht erwünscht ist, aber die „jüdische Ueberflutung" ei uzt'dämmen, ist die Sache der Behörden. Man möge ja nicht meinen, daß die Toleranz einen Magnet bildet, der die Juden nach Zürich zieht. Es gibt deren andere. Ter Negierungsrat wird prüfen, ob sich die Verhältnisse geändert haben. Es ist wichtig, daß die Toleranz hochgehalten wird, selbst wenn es gegenüber armen Juden geschieht und vor allem dann, wenn mit gutem Willen die Schwierigkeiten zu überwindensind. Nach dem Regierungsvertreter ergriffen ein Sozialdemokrat und ein Ehristlichsozialer das Wort. Sodann nahm das einzige jüdische-Natsmitglied Dr. Färbst ein in längeren Ausführungen, die von dem ganzen Hause mit gespannter Aufmerksamkeit nngehört wurden, Stellung zu dem Antrag Höhn. Nach Dr. Farbstein ergreift das Wort Regierungspräsident Dr. Ernst. Der Redner fas; als Schüler neben Inden in der Schule, hat auch später als Lehrer Judenkinder unterrichtet, es ist ihm aber nie eingefallen, einzuschreiten, tute es Höhn tat. Es war einmal interessant, einen Juden im Kantonsrat über diese Frage sprechen zu hören. Interessant war zu hören, daß der Begriff des kategorischen Imperativs, der von den größten Philosophen seit Jahrhunderten geprägt wurde, auch in der jüdischen Denkart seinen Ausdruck fand. Man darf auch nicht in den Kantonsrat eine antiseuntische Note hineintragen, die nicht zu Ehren des Rates gereichen kann. Die jüdische Nasse hak der Welt die großen Geisteskämpfer, Philosophen und Künstler geliefert. Die Juden gehören zu den intelligentesten Menschen, und wir haben nicht das Recht, die kleinen Intelligenzen zu schädigen. Diese kle/nliche Art des Denkens gegenüber einem uns rassenfremden Volke sollte nicht zur