Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Le so irnb Rezitationsabend. Fräulein H a l b e v st äd t e r trug aus der Bibel Jakob am Brunnen und Jakob bei Laban vor, ferner Sulamith von Zuckermann, Herr Freund vom hiesigen Stadttheater aus dem Hohenliede und den „Diamant" von I. L. Perez, Fräulein Ochs den „Zauberkünstler" von I. L. Perez, und den „Sturm" von Morris Rosenfeld, Herr Dr. Lev y aus der Gedichtsammlung des Freiherrn' Börries v. Münchhausen. Wie Herr Rabbiner Dr. A u e r b a ch in seinen Schlußworten mit Recht feststellen durste, konnte der Abend als durchaus gelungen gelten. Die Darbietungen wurden freundlich, zum Teil begeistert ausgenommen. Es ist für die nächste Zeit wieder ein Lese- und Nezitationsabend geplant. An ihn: sollen hauptsächlich Erzählungen des unvergeßlichen I. L. Perez in der meisterhaften Uebersetzung von Alexander Eliasberg! zum Vortrag gebracht werden. W. Posen, 26. März. Hier verschied plötzlich der Kaufmann Herr Abraham N c u m a r k im 76. Lebensjahre. Unsere Gemeinde erleidet durch den Tod dieses Mannes einen schweren Verlust. Während feiner sünfundzwanzigjährigen Zugehörigkeit zur Gemeindevertretung hat der Dahingeschiedene stets mit großem Eifer und bewundernswerter, bis in die letzten Tage seines Daseins bekundeter Regsamkeit seines Amtes gewaltet und durch seinen klugen Rat und sein klares Urteil der Gemeinde in allen ihren Angelegenheiten wertvolle Dienste geleistet. Sein hoher Gerechtigkeitssinn, gepaart mit Duldsamkeit und Menschenfreundlichkeit, haben ihm die Herzen aller derer gewonnen, mit denen zusammenzuwirken er berufen war. lieber zehn Jahre gehörte er dein Vorstände der Israelitischen Krankenverpflegungs!- und Beerdigungsgesellschaft an und hat die Interessen derselben mit regem Eifer gefördert. Eine lange Reihe von Jahren stand der Verstorbene an der Spitze des Vereins zur Förderung der Erlverbsfähigkeit unbemittelter jüdischer Mädchen. Ein Greis an Jahren, ein Jüngling an Schaffensfreude und Schaffenseifer förderte er'mit großem Eifer tatkräftig die Bestrebungen dieses Vereins. Herr Neumark hatte das Alter des Psalmisten überschritten, als er in den Kreis der Mitarbeiter des jüdischen Volksrats trat. Mit belounderungswürdigem Verständnis hat er, der ergraut war, als bewährter Vertreter und erfolgreicher Förderer jüdischer Traditionen und Interessen, sich in den Sinn und Geist dieser neuen Organisation sehr schnell gefunden. Mit dem Feuereifer eines Jünglings hat er an den Beratungen teilgenommen; er war der eifrigste Besucher der Sitzungen. Dem Schatze seiner reichen Erfahrungen hat' der Volksrat viel weise Belehrung entnommen. Er selbst schien verjüngt, lvenn er mit den anderen arbeiten konnte zum Wohle der jüdischen Gemeinschaft. In achtjähriger eifriger Mitarbeit hat der Verstorbene jederzeit die Bestrebungen der Genossenschaft der Posener Kreditbank gefördert, seine Pflichttreue, sein aufrichtiger Charakter und sein ireundliches Wesen sichern ihm ein dauerndes Andenken. Dem Personal der Firuna I. Neumark stand er in jeder Hinsicht als Berater zur Seite. Die Beerdigung fand unter überaus großer Anteilnahme von der Halle des Friedhofs aus statt. Leichenreden hielten Herr Gemeinderabbiner Dr. Frei mann und der Schwiegersohn des Dahingeschiedenen, Herr Dr. Joseph F e i l ch e n f e l d. — Kolberg, 26. März. Der Staatsbankerott und seine Folgen bildete den Gegenstand eines Vortrages des Generalsekretärs Richard Kunze in einer vor kurzem vom Alldeutschen Verband einberufenen Versammlung im Schützenhause, die, wie die „Kolberger Zeitung" für Pommern schreibt, - für den Redner wohl nicht ganz den erwarteten Erfolg brachte. Generalsekretär Kunze versuchte — nach seiner Meinung sachlich — über die obige Frage zu sprechen. Wir gehen also — nach Kunze — unrettbar — dem Staatsbank-erott entgegen, wenn diese Regierung am Ruder bleibt. In schrecklichen Farben wird uns dann unsere Zukunft geschildert. Der Bolschewismus kommt. An der Elbe werden sich die Heere der Bolschewisten und der Verbündeten treffen, und Deutschland wird verwüstet. Und wer ist nun schuld an all dem furchtbaren Unglück? Airs diese Frage gibt Herr Kunze eine klare Antwort nicht, zweifellos ist aber für ihn, daß einen großen Teil der Schuld natürlich die bösen Juden tragen. Sie sind — immer nach Kunze — die schlimmsten Auswucherer und der Redner steigerte seine Ausführungen sogar zu deur sehr geschmackvollen Vergleiche die Juden wären wie Tiere, die sich durch Farbenveränderung usw. ihrer Umgebung anpassen. — Mit diesen antisemitischen Ausfällen wurde der eigentliche Zweck der Kunzeschen Redeübung völlig klar. Schließlich verriet der Redner noch, daß er während des Krieges Dolmetscher gewesen sei, was ihn aber nicht hinderte, die verlogene Behauptung aufzustellen,' daß die deutsche Front durch die Verhetzung der Juden und Sozialdemokraten von hinten erdolcht sei. Von der ungeheuren Not der Front, von der wahnsinnigen Uebermacht an Menschen und Material aus der feindlichen Seite, von tagelang ein, nervenzerrnttendem Trommelfeuer und anderen Dingen kann der Herr Dolmetscher natürlich keine Ahnung haben, ebenso von denk Jammer und dem weihen Hungertod, an. dem die Heimat dahinsiechte. Aber die Arbeitskraft und -lust des Herrn Kunze verdient Bewunderung. In fünf Jahren hat er sich keinen freien Tag gegönnt. Es sei nun dahingestellt, ob er! dem Vaterlande nicht nützlichere Dienste leistete, wenn er jeden Tag acht Stunden sich als Landarbeiter betätigte, als daß er durch Deutschland reist und das zerrissene, deutsche Volk noch mehr verhetzt. Dadurch, daß man immer wieder und überall das Gespenst des Staatsbaukerotts an die Wand uralt, untergräbt man den Kredit des. Deutschen Reiches; dadurch nützt man seinem Vaterlande nicht, sondern man treibt offen Vaterlandsverrat, Herr Kunze! — Aehnliches wurde dein Redner in der Aussprache von sozialdemokratischer und demokratischer Seite auch zu Gemüte geführt. Aus den Stühlen im Saal lagen Flugschriften, in denen Herr Kunze für sein „Deutsches Wochenblatt" wirbt und in denen unverblümt dem Judentum vorgeworfen wird, es hätte uns vernichtet. Diese unendlich klägliche und lächerliche Behauptung ist natürlich einer ernsten Widerlegung nicht wert. Dann werden die „größten Söhne unseres Volkes", Luther, Goethe, Fichte, Bismarck zu Antisemiten gestempelt. Also selbst vor dem Größten und Schönsten, das wir in allem Elend noch besitzen, vor der deutschen Geisteskultur, macht diese elende Hetze nicht halt, und sie kennzeichnet dadurch ihren sittlichen und kulturellen Tiefstand. Eine Kulturschande ist dieser Antisemitismus, der das deutsche Volk nur in aller Welt herabsetzen kann. Nicht durch Jndenhetze wird das deutsche Rcationalgefühl gehoben, sondern durch tätige, soziale Arbeit, durch Durchdringung aller Volkskreise mit dem Staatsgedanken und schließlich auch dadurch, daß die Klassen, die durch die Revolution ihre politische Vormachtstellung verloren haben, ihre gewaltigen politischen und sozialen Fehler einsehen, uneigennützig für das Vaterland Mitarbeiten und nicht nur um ihre verlorene Macht schreien. — Hamburg, 26.März. Hamburg war bisher in der Welt bekannt wegm seines großen Hafens, seiner guten Küche, vielleicht auch wegen der Anziehungspunkte von St. Pauli. Jetzt aber wird es wegen einer anderen Eigentüinlichkeit einen Namen bekommen. Rom ist die Stadt der 100 Kirchen, Hamburg die der 200 Konsessioner-; fraglos eine ziemlich schöne Leistung auf den: Gebiet des Sektenwesens. Kenner aus diesem Gebiet werden zwar erstaunt sein. Aber das soeben veröffentlichte 28. Hekt der „Statistik des hamburgischen Staates" wird sie eines Besseren belehren. Dort findet sich die erwähnte überraschend hohe Zahl von Bekenntnissen. Der Schlüssel liegt nun allerdings in einer etwas verblüffenden Detaillierung. So finden wir z. B. (jeweils als besondere Kategorie) Englische Kirche, Church os England. Englische Hofkirche, High Church os England, Episkopale, Protestantisch-Episkopale, Adventisten und gesondert Adventisten vom 7. Tage, Christliche Wissenschaft, Christ-science, Christian Seientisten; unter der Sammelrnbrik Israeliten finden wir Juden, Mosaische, Israeliten, portugiesische Juden, Portugiesische Israeliten, Hebräer, Semiten usw. Wir fürchten, daß der Ruhm Hamburgs die statistischen Aemter nicht wird schlafen lassen. Brauufchweig, 26. März. G e g e n d e n A n t i s e m i i i sni usin den h!?, h e n S ch ulen wendet sich die nachstehend wiedergegebene Verfügung des Staatsministeriums au die Ober schul ko in- Mission: „Von den verschiedensten Seiten wird uns mitgeteilt, daß an den höheren Lehranstalten des Landes Flugblätter zur Förderung der antisemitischen Bewegung verteilt werden und auch 'sonstige Propagandaarbeit in antisemitischem Sinne erfolgt. Die Flugblätter werden anscheinend von dritter Seite ohne Vorwissen der Lehrerschaft in die Schulen hineingetragen. Sie. enthalten die gehässigsten und aufreizendsten Angriffe gegen die Volksgenossen jüdischen Glaubens. Sie sind geeignet, die noch nicht ausreichend urteilsfähige Schuljugend zu ganz einseitiger Stellungnahme gegenüber ihren jüdischen Mitschülern zu veranlassen. Wir erblicken in diesem Treiben eine schwere Gefahr für den inneren Frieden der Schulen. Die Oberschulkommission ersuchen wir daher, die Schulleiter auf dieses Treiben aufmerksam zu machen und ihm nachdrücklichst entgegenzu'treten, auch gegen.Schüler, die sich an der Ver-