Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229456--75649-3288168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
84. Zsbrgsng. Nr. 14 Berlin, 2. fipril 1920 Der Gemetndevore. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Lorresponden?rn und Kschnchten. Srutschisnd. Berlin, 30. BLärz. Der Bericht über die in der Sitzung der R e p r ci \ e n t a n t -e rt fc e r f a m m I it n g, vom 14. März staktgehabten Verhandlung betreffend den Synagogenban in der Prinzregen tenftraße enthält einige Ungenauigkeiten, die sich durch die infolge des Generalstreiks behinderte Postverbindung erklären. Zunächst konnte nicht Herr Regierungsbaumeister Horniger über die Angelegenheit berichten, weil er seit langen Jahren verstorben ist. Referent war vielmehr Herr Baumeister Grünfeld. Die Sachlage ist die folgende: Da die Baukosten für eine Synagoge, wie sie im Jahre 1913 auf dem von der Gemeinde erworbenen Bauplatz geplant war, nach jetzigen Preisen zirka 5 Millionen Mark betragen würden, haben die Synagogenbaukvmmission und der Gemeindevorstand beschlossen, den Bau in sehr einfacher Weise in das Auge zu fassen, so daß ein provisorische r Bau o h ne H e i z u n g und o h n e Orgel für ungefähr 1 Million Mark entstehen solle. Er verlangt für die Vorarbeiten zu diesem Projekt vorläufig 10 000 Mark. In den Ausschußberatungen der Repräsentanten wurde dies lebhaft beanstandet. Man einigte sich schließlich dahin, daß zurzeit an einen S h n a g o g e n b a u übe r Haupt ni cht h e r a n g e t r e t e n werden solle, obgleich das Bedürfnis anerkannt wurde, ferner daß man ein Heizungsloses, also nur im Sommer benutzbares Gotteshaus ohne Orgel ablehnt, daß man aber die verlangten 10 000 Mark ohne jede Präjudiz bewilligt, um die Projekte bearbeiten zu lassen. Da sich die Debatte in der öffentlichen Plenarversammlung in die Länge zog, obgleich der obige Beschluß schon im I. Ausschuß festgesetzt war und obgleich die politische Lage am Sitzungstage (14. März) den Vorsitzenden Geheimrat Minden veranlaßt hatte, am Sitzungsbeginn die Redner zu bitten, sich recht kurz zu fassen, erinnerte der Vorsitzende noch einmal an diese Umstände, indem er sagte: „Sie wissen, was sich, während wir hier tagen, auf den Straßen Berlins begeben kann. Ich nröchte nicht, daß es uns so ergeht wie dem griechischen Weisen, der, während sein Haus besetzt wurde, nur daran dachte, daß ihm seine Zirkel nicht zertreten werden. Wir sind ja alle einig über das, was wir wollen. Den Ausschußantrag! fasse ich dahin auf, und ich glaube, mich in Uebereinstimmung mit Ihnen zu befinden: 1. W!ir wollen nicht, daß jetzt durch einen Synagogenbau dem Wohnbedürfuis unserer Mitbürger, christlicher wie jüdischer, irgend etwas von Baumaterialien entzogen werde. 2. Wir wollen auch nicht, daß eine Synagoge ohne Heizung und ohne Orgel aufgebaut werde. 3. Wir wollen aber nicht.an der Zukunft des Vaterlandes und der Berliner Gemeinde verzweifeln und bewilligen darum die 10 000 Mark, damit die Bauverwaltung nicht einroste, sondern die Frage weiter studiere." Nach diesen Worten verzichteten die weiter gemeldeten Redner, und die Beschlüsse wurden angenommen. E. M. BerErr, 30. März. Die feierliche Amtseinführung des von den Gemeindebehörden als Rabbiner für die Synagoge am Kottbuser Ufer gewählten Dr. Isidor Bleichrode fand am Freitag, den 26. Mürz, vor dem Gottesdienst im Gctteshause am Kottbuser Ufer statt. J-m feierlichen Zuge, geführt von zwei Amtsbrüdern im Tatar und begleitet von Vertretern des Gemeindeivorstandes, der Nepräfentantenversammlung und Angehörigen verschiedener Verwaltungsausschüsse der Gemeinde, wurde Rabbiner Dr. Bleichrode zum heiligen Schrein geführt, während der Chor das Ma tauwu anstimmte. Als Vertreter des Gemeindevorstandes hielt Sanitütsrat Dr. Feil ch e n f e l d eine Ansprache an den neuen Gemeinderabbiner, in welcher er betonte, daß Dr. B le ich r o d e als langjähriger Seelsorger des Luisen städtischen Brüdervereins seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der jüdischen Bevölkerung des Südens unserer Stadt vertraut ist. Dr. Bleichrodes Wirffamkeit als Prediger in der neuen Gemeindesynagoge am Kottbuser User habe eine zahlreiche Gemeinde versammelt, die ihrem verehrten Lehrer mit Liebe »anhängt. Die belehrende Wirksamkeit des Rabbiners von der Kanzel ans, wie Dr. Bleichrode sie immer aufgefaht habe, sei berufen, endlich die notwendige Versöhnung aller Richtungen im deutschen Judentum anzubahnen, die uns unter den Stürmen der heutigen Zeit mehr als je notwendig ist. Rabbiner; Tr. Bleichrv-de legte seiner Entgegnung das Schriftwort zugrunde: : „Ein ständiges Feuer lodere auf dem Altar." Die Liebe des Lehrers zu seiner Gemeinde sei das Opferfeuer, das er in treuer, aotteriüllter Wirksamkeit zu hüten gelobe. Die Pflege enger Beziehungen zu seiner Gemeinde, innige Verbundenheit in Freud und Leid sollen die Grundpfeiler dieser Arbeit lein. Ter Abendaottesdienst beschloß die Eimuhrunasfeier. p & Berlin, 30. März. E i n empfindlich e r N o t st a u d hat sich durch 'die Ueberfüllung der Alterversorgungsanstalten und des Hospitals der Jüdischen Gemeinde herausgebildet. Es ist nickt uiebr möglich, alte und sieche Personen sofort in diele Institute aufzunehmen-, ko daß Gesuche oft weit zurückgestellt werden müssen. Fn vielen Fällen würde den Antragstellern geholfen werden, w-enn ihnen Unterkunft bei Privatverw-nen nachaewieien werden könnte. Die Gemeindeverwaltung sucht jetzt Meldungen von Gemeiudemitgliedern zu erhalten, die bereit wären, gegen Entgelt diese alten, pfleg-ebedürstiaen Personen bei sich aufzunehmen. - Die Gemeindebehörden haben das Sch ulgel d für die Knabenschule und für die Mädcheu'ckule der Gemeinde vom 1. April ab auf 80 Mark jährlich erhöht. Beide Schulen sind bekanntlich öffentliche Mittelschulen. E. M. Berlin, 30. März. Eine T r a u e r f e i e r f ü r d e n M a g i st r a t s r n t Tr. Albert H e n s ch e l vereinigte eine große Versammlung von Leidtragenden im städtischen Krematorium. Der Magistrat Berlin war durch Bürgermeister Re icke, die Stadtverordnetenversammlung durch zahlreiche Mitglieder ihres Kollegiums vertreten. Fast sämtliche Magistratsräte waren erschienen, ebenso Abordnungen von Beamten aus den Lebensmittelversorgungsbureaus der Stadt, deren Dezernat dem Verstorbenen übertragen war. Dr. Henschel hat vier Jahre lang den verantwortlichen Posten des Dezernenten für die wichtigsten Zweige der hauptstädtischen Lebensmittelversorgung bekleidet. Seine vorbildliche Pflichttreue und Arbeitsfreudigkeit wurden vom Bürgermeister Re icke in einem warmempfundenen Nachruf gefeiert, dem sich Gedächtnisworte der Vertreter der anderen Teilnehmerkreise anschlossen. Weihevolle Gesänge, die Oberkantvr Davidsohn vortrug, umrahmten die ernste Feier. — Die Berliner Judenheit hat in Dr. Henschel -einen aufrechten, selbstbewußten Mann verloren, der allezeit nachdrücklich für sein Judentum eingetreten ist. er. Königsberg i. Pr., 26. März. T i e F r a g e d e >r Elte r nbeträte erörterte eine stark besuchte Versammlung des I ü d i s ch e n G e m e i n d e v e r e i n s , in der nach längerer Aussprache folgende Resolution angenommen wurde: „Die im Jüdischen Gemeindevereiu versammelten jüdischen Gemeindemitglieder protestieren gegen die von den bürgerlichen Parteien unter Beteiligung auch der Demokratischen Partei und im Einverständnis mit den Leitern der hiesigen Volks- und Mittelschulen ausgestellte sogenannte „christliche unpolitische" (tatsächlich einseitig schulpolitische) Kandidatenliste wegen der damit versuchten Beeinträchtigung der Rechte der jüdischen Eltern an den öffentlichen Schulen. Sie erachten das Verhalten der hiesigen Demokratischen Partei dabei mit dem Programm der Gefamtpart-ei, das für simultane Schulen eintritt, wie ebenso die Stellung der Schulleitungunserer Volks- und Mitteilschulen mit dem sich gleichfalls für simultane Schulen aussprechenden Programm des Deutschen Lehrervereins im Widerspruch stehend, weil simultane Schulen die Gleichberechtigung aller Glaubensparteien in der Schule erfordern. Der Jüdische Gemeindeverein beschließt angesichts dieser Sachlage, die jüdischen Eltern aufzufordern, sofern keine wirklich unpolitischen, nur von reinen Schulinteressen geleiteten Wahllisten vorhanden sind, ohne Rücksicht auf ihre sonstige politische Stellung, geschlossen für die sozialdemokratischen Wahllisten zu stimmen, durch die allein die Rechte der jüdischen Eltern an den öffentlichen Schulen nicht beeinträchtigt werden." — Die Resolution ist von den hiesigen Tageszeitungen aller Richtungen abgedruckt und kommentiert worden. §£2 Glbirrg, 26. März. Der hiesige V e r ein f ü r j ü disch e Geschichte und Literatur veranstaltete am 18. d. M. einen