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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-02 · Heft 14 (2.4.1920) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 14 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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irgendeinen Einwand, wenn Herr Koßarski dasselbe tut. Er soll einen Schiedsrichter wählen, ich desgleichen, und die beiden sollen einen dritten wählen; dem Aussprache der Mehrheit dieser will ich mich unterziehen. Wenn Herr Koßarski einen Begriff von Recht und Ehre hat, so mutz er auf diesen Vorschlag eingehen; jedenfalls wird der letztere dazu dienen, dem Publikum und dem hochlöblichen Gerichte die Sache vom rechten Standpunkt zu zeigen. Hochachtungsvoll Philippso n." Koßarski erklärte sich mit dem Vorschläge PhiliPPsons einverstanden und teilte ihm mit, daß er den Herrn Herm. Marggvaf zum Schiedsrichter ernannt habe. Als Philippson nach vier Wochen auf diese Benachrichtigung nicht antwortete, wurde ihm angezeigt, daß, falls er nicht bis zum 15. Oktober seinen Schiedsrichter ernannt habe, „die ihm vom Herrn Rechtsanwalt angedeuteten widerwärtigen Schritte geltend gemacht würden". Ucker den Ausgang der Affäre bringt die Briefsammlung nichts. Es kann wohl angenommen werden, daß es ohne gerichtliche Hilfe zum Ausgleich gekommen ist. Llthrr. Von Clementine K r ä m e r. ^^^ie lange auch noch die Eisenbahn rollt, noch immer sind da diese ganz kleinen Orte, die sie nicht aneinander bindet. Dort fährt der stille Bürger des Nachts auf, wenn ihm „der Zug" das Leben einer eiligeren Welt von irgendwo herpfeist. Man sagt hier noch gern, daß der Mensch kein Eilwagen sei. Sonst wäre er gelb angestrichen. So wie der erste „Eilwagen", der sich aus Nürnberg schob. Und noch heute in seiner sprichwörtlichen Gelbheit im Museum alldort zu sehen ist. Veit Stein wartet. Und seine Hausfrau. Und ferner Estherchen und das kleine Jsäkle. Sie warten mit Sack und Pack auf die Kutsche, die sie zur Hochzeit nach Pirrlingen hinübersahren soll. Und halten vom Trippel oben die Ausschau. Der „Trippel" ist eine Art Holzveranda, der Stirnseite des Hauses vorgebaut, und verbindet die hölzerne Stiege, die direkt von der Straße heraufkommt, mit dem Hausinneren. Endlich kommt der Wagen mit mehr als halbstündiger Verspätung das Oberdorf herabgewackelt. Statt der Entschuldigung brummt der Fuhrmann nur das von dem Eilwagen und dem gelben Anstrich. Nun sind sie auch alle schon die Treppe herab. Zuerst werden die Kinder verstaut. Das Estherchen auf den schmalen Rücksitz. Der rechte Vordersitz bleibt der Mutter Vorbehalten, ihr zur Linken das Jsäkle. Dann Packen der Vater und der Kutscher miteinander die Schirme und Schachteln mit den Feierkleidern rückwärts in das „Magazin" hinein. Endlich klettert der Kutscher aus den Bock. Und zuletzt schwingt sich neben ihn der Hausvater wie ein Junger. Die Pferde ziehen an. Doch nach wenigen Minuten müssen sie wieder angehalten werden, um das Zipperle noch mit aufzunehmen. Das Zipperle ist eine Näherin und hat schon lange gehofft und geharrt auf diese Fahrgelegenheit, hinüber nach Pirrlingen in die Hausschneiderei zu kommen. So lange, daß in einer großen Stadt die Mode inzwischen schon einmal wieder gewechselt haben würde. Das Zipperle ist ganz platt und dünn und steigt mit der Versicherung hinzu, es werde nicht viel Platz wegnehmen. Doch die Kinder sind unfroh darüber. Denn die Handnähmaschine, die sie sorglich vor sich hin hält, und der kleine Jsak müssen nun enggequetscht zwischen den beiden Frauen sitzen. Ach, wie sehr wünscht er sich, draußen zu sein auf dem Bock, und gar einmal die Zügel zur Hand nehmen zu dürfen, so wie es Vater im Augenblick tut. Doch Mutter findet, wie er diesen Wunsch laut werden läßt, daß man nicht alles haben müsse schon als Kind. Und er könne zufrieden sein, daß er überhaupt mitkommen dürfe. Im übrigen ist Frau Fradel Stein heute strahlender Laune, denn Kutschenfahren mag sie für. ihr Leben gern. Und sie predigt allemal gleich beim Einsteigen den Kindern, sie sollten nur ja recht sparsam sein, damit sie einmal reiche Leute würden und, sooft sie Lust hätten, spazieren fahren könnten. Obgleich ihr ihr Veit schon oftmals auseinandergesetzt hat, daß es nur dann seine Richtigkeit habe mit dem Reichtum, wenn zu dem Sparen das Verdienen hinzukomme. Wie man sich Pirrlingen nähert, mahnt der Vater, die Kinder sollten nur auch ein wenig flugs aussteigen, und nicht wie Leute, die zum erstenmal in ihrem Leben in einer Kutsche gesessen hätten. Doch wie es dann so weit ist, da kann man wieder einmal beobachten, daß das Ermahnen das wenigste zu einer Sache tut und daß die Hauptsache von selber drinliegt im Menschen. Schon ganz von vornherein. Denn Estherchen springt behend auf den Tritt und von da herab zur Erde, während ihr kleiner Bruder plump und schwer und angstvoll niederkriecht. Dann trippelt das Zipperle heraus. Und auch sogleich mit kurzem Dank davon. Zuletzt Frau Fradel. Der Vater steht natürlich schon bereit und fängt sie trotz ihrer Rundlichkeit in seinen Armen auf und hält sie einen Augenblick frei in der Luft fest. Er würde die „Possen" nie verlernen, gibt es ihm die Frau. Und dirigiert der verschobenen Haube die Richtung. Mit heftiger Fröhlichkeit stürmen die Kinder ins Haus. Doch Tante Frommet kommt ihnen die Stnfen herab sogleich mit einer Mahnung entgegen. Denn man schickt sich drinnen soeben zum „Liefern" an und hat nur noch aus den Veit Stein — Frommets Bruder — als eine Art Ehrenzeugen gewartet; da man nicht ohne ihn diese Handlung vornehmen wollte, die zu einer gewissen Feierlichkeit erhoben ward dadurch-, daß man die beiden silbernen Leuchter von der Kommode nahm, die Kerzen trotz des hellen Tages ansteckte und sie in die Mitte des Tisches stellte. Also verschob man eine eigentliche Begrüßung und begann, sobald Veit Stein das Zimmer betreten hatte, mit dem Auszählen der Mitgift. Klirrend fielen die harten Taler aus dem grau-groben Leinwandsäckchen auf den Tisch und wurden vom Vater der Braut zu langen Säulen aufgereiht. Rasch und zählgewohnt stellt der Hochzeitsvater die Richtigkeit der vereinbarten Summe fest und unterschreibt die bereitliegende Quittung. Sobald er dann das Geld zusammenschiebt, betrachtet man den Auftakt zum Feste — die Lieferung — als beendet, und schon umarmt die Hausfrau den geliebten Bruder Veit. Und deren Gatte bietet ihm mit Händedruck den herzlichen Willkommensgruß in seinem Hause: Scholem alechem — Friede mit dir. Auch die Frauen begrüßen sich aufs beste, und Tante Frommet bewundert und lobt Wachstum und Entfaltung der Kinder. „Leg' du nur der Kuh das Leintuch unter", sagt sie der Schwägerin. Dies geht auf eine ihnen allen bekannte Anekdote und deutet an, daß es einer gut und schön habe und keine Sorge auf der Welt. „Pscht . . ." macht Frau Fradel, „pscht . . ." und noch einmal „Pscht . . .". Endlich hat sie die Hochzeitsgesellschaft so weit, daß ihre Esther beginnen kann: Liebes Brautpaar, tu entschuldigen, Daß ich störe. Euch zu huldigen. Ist der Zweck, drum lauschet still, Was zu sagen ist mein Will': Immerdar sei euch beschicken Glück und Segen und der Frieden,

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