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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-26 · Heft 12-13 (26.3.1920) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 12-13 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
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144 - Butterbrot, und Gott soll inerachem sein über ein Schewuas schaWI, wandte Regensburger ein. Doch schließlich gab er den Einwflnden der Familie «ach und ließ sich als Zeuge zur Haulptverhandlung vormerken. Sie fand unter großem Andrang Neugieriger statt. Der Angeklagte, Heinrich Scheckenbach, hörte mit gleichgültiger Miene die Anklage, an. Die wenigen Zeugen vermochten durch ihre mageren Aussagen keinen Eindruck hervorzurusen. Endlich wurde David Regensburger vovgMwfen. Mit Zittern und Bangen trat er vor die Schranken des Gerichtshofs. Er begann daraus seine Erzählung, anfangs langsam und unsicher, nach und nach aber wurden seine Kundgebungen bestimmter und leicht dahinfließend. „Ich verließ B., als es zu dunkeln begann. Einen Feldweg einschlagend, um rascher nach Haufe zu kommen, bemerkte ich einen Mann, der mir folgte. Ich beschleunigte meine Schritte und hielt mich in einem Gebüsch versteckt, um den Mann erst Vorbeigehen zu lassen. Er mochte es Wohl auf mich abgesehen halben, mußte aber doch in der Dunkelheit meine Spur verloren haben. Ich bemerkte in meiner Angst, daß er nach mir suchte. Obwohl er hart an mir vorbeistrich, ich wagte mich nicht zu rühren, entdeckte er mein Versteck nicht. Ich hörte ihn die Worte flüstern: „Wo mag der 'verdammte Jude nur sein?" Die Stimme kam mir bekannt vor. Es war eine Stimme, die ich oft gehört habe, und wenn ich mir auch den besonderen Gang des Verfolgers, der ein Bein nachschleifte, dazudenke, so kann es nur Martin Schleifer, der durch Trunk und Spielwut sein Hab und Gut verlor, gewesen sein."' Diese Aussage löste im Zuhörerraum Staunen aus. In diesem Augenblick verschwand Schleifer, der sich im Zuhörerraum befand. Doch schnell wurde er wieder von Polizeimännern eingeholt, er war schon im Begriff, an einem Baum im nahen Garten fein Leben zu beschließen. Der Strick zum Aushängen war -um einen Ast geschlungen. Rechtzeitig wurde er daran gehindert mnb mußte, streng bewacht, den Weg zum Gerichtssaal antreteri. Der Vorsitzende forderte, nachdem wieder Ruhe im Saale herrschte, David auf, in seiner Erzählung sortWsahren. „Ich wagte, mein Versteck zu verlassen und kroch auf Händen und Füßen, um nicht gesehen zu werden^ weiter und konnte ihn mit den Augen verfolgen. Nach einigen Minuten hörte ich einen furchtbaren Schrei, dem ein wuchtiger Hieb vorausging. Ich ahnte, was geschehen war. Schleifer hat einem anderen den tödlichen Streich versetzt, dm er mir.zugedacht hatte. Ich konnte auch sehen, wie er aus seinem Opfer kniete, wohl um nach Geld in fernen Taschen zu suchen. Dann eilte er seitwärts fort. Der Mond kam aus dem Dickicht der Wolken für kurze Zeit hervor. So konnte ich sehen, wie er sich an der nahen Quelle Hände und Kleider wohl gereinigt haben mag, und aus der Brücke über den Fluß hallten seine Schritte bis zu mir herüber. Er und kein' anderer hat den Mord begangen. Schrecken und Entsetzen lähmten meine Glieder. Mit Ausbietung meiner letzten Kräfte suchte ich ein Versteck, um nicht als Mörder in Verdacht zu kommen, wenn man mich in der Nähe des Tatortes angetroffen hätte. . Ein Kornfeld nahm mich schützend auf, und ich muß wohl eingeschlasen sein und einen langen Schlaf getan haben. Als ich erwachte, war ich matt und elend, nahm meine letzten Kräfte zusammen, erreichte ein wirtlich Dach und sein Besitzer brachte nach im Wagen nach Hause." Die unerwartete Aussage Davids, die das Gepräge unverfälschter Wahrheit trug und im ganzen Saal Ueberraschung auslöste, ließ das gerichtliche Verfahren rasch seinem Ende sich nähern. Martin Schleifer, der Zuhörer, ward zum Angeklagten. Er gab zu, das Verbrechen begangen zu haben. „Ich wußte", erklärte er mit voller Kaltblütigkeit, „her Jude David hatte au diesem Tage viel Geld eingenommen. Ich wollte es ihm abnehmen, selbst wenn ich ihn dabei ermorden sollte. An dem Flurschützen hätte ich mich nicht vergriffen, aber in der Dunkelheit und Aufregung hielt ich ihn für Regensburger." Schleifer wurde zum Tode verurteilt. War der Rothenburger Golem durch ein Wunder dem sicheren Tode entgangen und sprach er, als er zur Thorr gerufen wurde, das Birchas hagomel"), wobei kein Auge trocken blieb, mit erschütternder Stimme, so war dieses Ereignis von mächtiger und nächwirkender Bedeutung für seine ferneren Lebenstage. Von einem fleißigen und strebsamen Dorfgeher wandelte er sich zu einem Manne, der nun ständig im Hause blieb und ein beschauliches Dasein führte. „Frau," sagte - er eines Tages zu Rosa, „sch habe genug geschafft und bin müde. Wir haben mehr, als wir zum Leben nötig haben. Ich möchte einen Teil von unserem Ueberfluß für Gemilus chesed") opfern. Laß uns einmal darüber beschließen." „In dieser Hinsicht bin ich ganz mit-dir einig und wollte dir schon längst Vorschläge machen. Wir können, wenn wir richtig Maaser^) geben wollen, viel Gutes damit ausrichten. So schlage ich vor, daß wir der Familie Schleifer, die jetzt noch größere Not als früher hat, eine größere Summe geben. Sagen wir 5000 Mark." „Einverstanden!" erklärte David. „Du triffst immer das Rechte. Warum soll die Familie für seine Tat auch noch hungern müssen?" Einen gleich großen Betrag überwies er der Stadt zur sofortigen Verteilung an Bedürftige. Das Dreifache dieser Summe stiftete er zur Unterstützung in Not geratender Gemeindegenossen, und viele andere Institute erhielten bedeutende Zuwendungen, Nur kurze Zeit konnte er der Ruhe genießen. Ein kurzes Krankenlager. Die Worte eines alten Talmudlehrers: Mit allen zehn Fingern habe ich mich bemüht, für andere zu wirken, und habe nicht den kleinsten Finger nach den Genüssen der Welt ausgestreckt — waren seine letzte Lebensäußerung. Lange sprach man vom Golem in Rothenburg. „Wer hätte je gedacht," sagte der allzeit zum Witzeln aufgelegte Schameß, „daß aus dem Rothenburger Golem noch ein Rothenburger „Gomel"") hätte werden können. Litrrarilche Mitteilungen. Arth u c E l o e s ser: Die Straße meiner Jugend. Berliner Skizzen.. Verlag von Egon Fleischel u. C., Berlin W. Preis 6 Mark. Aus dem älteren Berlin, ausder neuen Reichshauptstadt und ihrer Entwicklung zur Weltstadt nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Kriege 1870 erzählt der geborene Berliner mit seiner tiefen Liebe zur Heimat in ungemein reizvoller Weise Ernstes und Heiteres. Wir folgen ihm gern auf seinen Streifzügen durch alte und neue Straßen, in die Altstadt und nach Berlin W; vor allem aber fesseln uns die Schilderungen des inneren Lebens der Berliner. Wir wünschen dem trefflichen Skizzenbuch die wohlverdiente Verbreitung. Breslau. . Regina Reißer. 15) Dankgebet für die Errettung. 14) Liebes taten. Den zehnten Teil des Gewinnes. 16) Wohltäter. 12) Falschen Eid.

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