Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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verloren hatte und sie ihren zahnlosen Mund als Nadelkissen gebrauchte, erlitten ihre hübschen Gesichtszüge keine Einbuße. Sie war im Gegensatz zu ihrem Manne sehr gesprächig, und es scharten sich um sie an regensreien Sommernachmittagen die Mädchen des Ortes, weil sie -gar mitteilsam war und sie in der Kunst des Strickens und Nähens unterwies. Auf der Treppe ihres Hauses, unter freiem Himmel fanden diese Zusammenkünfte statt, und so eilte sie ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Man kann sie als Urheberin der Waldschule gelten lassen. In das Innere ihrer Gemächer war so leicht der Eintritt nicht zu erlangen. Keine Fliege wurde darin geduldet, kein Stäubchen an den Möbeln entging ihrem Auge. Selbst die Hühner, die im blanken Hausflur ihr Unterkommen hatten, erzog sie zur unbedingten Reinhaltung. Wenn David dann auf der Bildsläche erschien, wurde die Versammlung geschloffen. Das Ehepaar zog sich zurück, David entleerte seinen wohlgefüllten Sack und zählte das bare Geld, seinen Tagesverdienst, auf. Ob er seiner Frau über die Art des Erwerbs Aufschluß gab, weiß niemand. Die etwaigen Verhandlungen fanden eben unter strengstem Ausschluß der Oefsentlichkeit statt. Um die Erziehung seiner Kinder konnte er sich nicht kümmern; Las überließ er seiner klugen Gattin. Sie war ihnen eine gute Erzieherin und förderte in ihnen Sparsamkeit und religiösen Sinn. Wenn sie auch sonst nicht freigebig war, so hatte sie für die Sabbate und Festtage eine offene Hand. Sie vergaß der Dürftigen nicht, worin sie wesentlich von ihrem Manne abwich. Wenn er hier und da von solchen Liebeswerken erfuhr, gab er seiner Stimmung in nicht allzu zarter Weise Ausdruck. „Wer dem Armen gibt, macht sich Gott zum Schuldner", war alles, was sie darauf entgegnete. Eines Tages kam David Regensburger nicht zur gewohnten Stunde zu Hause an. Das frisch bereitete Nachtmahl — mittags wurde nur ein Provisorisches Mahl eingenommen — stand längst bereit. „Wo bleibt nur mein Mann?" jammerte Rosa; „wo bleibt nur der Vater?" klagten die Kinder. Längst hatte Rothenburg sich in Nacht gehüllt, der Nachtwächter hatte schon die zehnte Stunde verkündet, und David kam nicht. Die Söhne machten sich auf den- Weg, den Vater zu suchen. Keine Spur war zu entdecken. Eine schlaflose Nacht folgte. Auch der Morgen brachte keine Erleichterung. „Wo ist der Golem?" fragten sich die Synagogenbesucher. Er war der regelmäßigsten einer. „Ist er krank?" Unmöglich. „Ist ihm ein Unfall zugestoßen und ist er nicht zu Hause?" fragten andere. Man ging an seinem Hause vorüber —• keine Veränderung war zu erkennen. Niemand wagte auch dort zu fragen. Die Söhne gingen abermals aus, den Vater zu suchen. Vergebens war ihr Mühen. Spät des Nachmittags hielt eine.Kutsche vor dem Hause. Ihr entstieg, unterstützt von kräftigen Bauernhänden, David Regensburger, ein völlig gebrochener Mann. Der Sprache war er noch nicht mächtig. Der ganze Mann schien gelähmt zu sein und ließ -willenlos alles mit sich machen. „Wo habt ihr denn meinen Mann gesunden?" fragte Rosa seine Begleiter. „Es war heute morgen, alles schlief noch im Bauernhaus. Die Hunde schlugen an. Klagelaute wurden gehört. Da öffneten wir das Tor, und David Regensburger lag besinnungslos aus der Erde. Wir brachten ihn in die Stube, und unserer Mühe gelang es, ihn wieder zur Besinnung zu bringen. " „Laßt mich nicht hier sterben!" stöhnte er fortwährend, „bringt mich nach Hause!" Sonst war nichts aus ihm herauszubringen. Der Arzt wurde geholt, er konnte an seinem Körper keinerlei Verletzung entdecken.. So kam nur eine schwere Nervenstörung in Frage. In seinen Fieberphantasien sprach er von Gäslonim und Rozachirn*). So lag der Mann vielfacher Tätigkeit taten- und gedankenlos viele Tage aus seinem Bette. Um dieselbe Zeit durchflog die Kunde von einem Raubmord die Lande. Ein Flurbeamter, mehrere Tage vermißt, wurde im Kornfeld erschlagen ausgesunden, Es lag im Gebiet, das David durchwandert haben mußte. Viele Uebelwollende und -denkende wollten eine Beziehung zu Regensburgers Krankheit hieraus konstruieren^ Kein Besonnener aber hätte so etwas gelten lassen können. Wenn David auch keine Jdealgestalt war und sein Streben nach Erwerb als Habgier gelten konnte,!so konnte niemand gegen ihn austreten und behaupten, er bediene sich unehrlicher Mittel. Wie sollte er, der furchtsame und ängstliche Mensch, gar zu einem Raubmord sich versteigen? Seine Familie litt aber doch unter dem niederschmetternden Gedanken, daß sein Unfall zeitlich mit dvnr Raubmord zusammensiel. Er allein hätte das Dunkel hellen können, wenn er die Sprache wiedergewonnen hätte. Unterdessen arbeitetendie behördlichen Organe mit Eifer an der Ermittelung des Verbrechens. Viele Verhaftungen wurden vorgenvmmen, aus Mangel an Beweisen mußten die Verhafteten wieder freigelassen werden. Der Golem konnte immer noch nicht sprechen, obwohl -er alle Mitteilungen verstand. Sobald aber von dem Mord des Flurfchiützen die Rede war, ward er unruhig. Man merkte seinem Blick an, daß er etwas dazu zu sagen hätte und konnte sich nicht verständlich machen. Auf Fragen konnte -er nicht einmal verneinend- oder bejahend durch eine Kopfbewegung antworten. Nun hatte man endlich den mutmaßlichen Verbrecher gefunden. Ein Handwerksbursche, der sich nicht legitimieren konnte, wurde aufgegrissen. Seine Erscheinung zeugte -gegen ihn. Er bestritt, die Tat begangen zu -haben, konnte aber sein Alibi nicht Nachweisen, undes fanden sich Zeugen, die ihn um diese Zeit in der Gegend, aus der er Plötzlich wieder verschwunden -war, herumstreichen sahen. -Er galt als überführt und im folgenden Monat sollte er vor das Schwurgericht kommen. Auch der -Golem hatte sich wieder erholt, die Sprache stellte sich wieder ein, und seiner Familie hatte er die Ursache seines Leidens lückenlos erzählt. „Wir dürfen aber davübar nicht schweigen", belehrte -ihn der rechtskundige Sohn. „Du Ast der einzige Zeuge, der -genügende Aufklärung zu geben vermag, -und darfst nicht müßig zusehen, wie ein Unschuldiger zum Tode verurteilt wird. Du weißt doch, daß in unserer Thora steht: al taamaud al dam reecho."7) „Ich war noch niemals vor dem Schaufel), und wenn ich ein Edaus scheker") abgebe, so fände ich keine Ruhe mehr", entgegnete der Vater. „Du brauchst dich nicht zu ängstigen," beruhigte Wolf den Vater, „wenn -du nur das erzählst, was du wirklich gesehen hast. Hier handelt es sich um ein Menschenleben, da darfst du um keinen Preis schweigen." „Wenn ich nicht gerufen werde, -gehe ich nicht zu dem Jaum haddin'"), eine Schewuo") vor dem Gericht ist doch kein ") Räubern und Mördern, 7) St-ehe nicht tatlos bei dem Blute deines Nächsten, h Richter. °) Falsche Aussage. ia) Gerichtsverhandlung. ") Eid.