Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 beim Bellen bleiben, sondern auch zum Beitzen kommen. Wir werden immer gebissen, ob wir recht oder unrecht haben. Aber es gibt einen Gott auf der Welt, der richtet und straft. Er wird ihre Taten nicht ungestraft lassen." So im Gespräch vertieft gelangten wir in das Heim dieses Sonderlings. Er küßte vor dem Betreten des Hauses die Mesuse (Röllchen am Türpfosten mit dem Namen Gottes. Schutz gegen Böses und Uebles). Dicke, verpestete Luft schlug nur ins Gesicht. Eine „Wohnung" von zwei Zimmern, mit Kindern vollgepfropft und eine junge blasse Frau. Das Elend dieses Hauses, wo nur Gott ein ausschlaggebendes Wort zu sprechen hat, zu beschreiben, würde uns zu weit führen. Etz genügt, wenn ich bemerke, daß kein Hund so leben möchte. „Wenn Sie hier unter den Bauern so zu leiden haben, möchten Sie denn nicht eher nach Palästina? Sie könnten ja dort besser Ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse verwerten als hier, wo Sie unter stechenden Dornen leben!" fragte ich ihn. „Nach Palästina? Ja, um zu sterben. Ein Chafsid (Frommer) geht nach Palästina, um zu sterben, da er ja so wie so dorthin muß, denn kommt er nicht lebendig hin, so geschieht dies als Toter unter der Erde; um diese Wanderung zu vermeiden, gehen wir dorthin, wenn wir wissen, daß Gott uns abzüberufen gedenkt. Nach Palästina zu gehen, um zu leben, werde ich nie mitmachen, denn mit 64 Jahren ein Apikoires (Epikuräer) werden, würde mich und meine Familie zerstören. Diejenigen, die uns dorthin führen wollen, sind alle Apikorsim. Gott wird mir auch hier helfen, denn er ist überall . . ." Da verließ ich dies erbärmliche Haus, um nicht an Atemnot zu verrecken. Als 'ich wieder ins Freie gelangt war, bekräftigte sich in mir meine frühere Auffassung, daß der Optimismus im Juden, der durch den unerschütterlichen Glauben an Gott und die unveränderlichen Gesetze und Gebräuche genährt wird, eine der besten Eigenschaften in ihm ist. Unser Hersch Mejlech ist gewiß ein Sonderling, denn trotz seines dornenvollen Weges, den er in diesen langen Jahren seines Lebens zurückgelegt hat, hat er es verstanden, durch jüdischen Witz und Humor und nicht zum geringsten durch, seine jüdische Chochme seinem Leben einen Inhalt zu verleihen. Er hat wenigstens dafür gesorgt, daß das Judentum eine Zunahme in der Statistik aufweist, denn seine 16 Kinder, die „Gott" ihm „geschenkt" hat, tragen das Ihrige dazu bei. Und so möge der Allmächtige ihn bis 120 Jahre leben lassen, mit demselben Segen, den er über ihn bis jetzt ergehen ließ!" Der Golem von Rothenburg. Von M. Schweitzer (Mönchen), rschrick nicht, lieber Leser, ob des ominösen Namens, der heute, seitdem Meyrinck seinen „Golem" der Welt schenkte, von den Halb- und Ganzgebildeten täglich gehört wird! Wenn auch dieser Golem einen recht respektablen Umfang einnahm, so dickleibig wie das- Buch vom „Golem" war er keinesfalls. Er war auch kein von Menschenhand geformtes Gebilde, wie das vom seligen Rabbi Löb Bezallel — genannt der Hohe Rabbi Löb — hergestellte, er war von Fleisch und Blut, aß und trank, konnte sprechen und laufen ganz nach seinem Belieben. Während der sag-enumsponnene Golem am Sabbat in seinen Urzustand aus Lehm zurücksank, führte der Golem von Rothenburg an diesem geweihten Tage ein echt menschliches Leben, das ihn über die Tage des Schaffens hinaushob und ihn alle Mühen und Plagen, jeden Schimpf und Aerger vergessen ließ. Dieser Tag mit seinen himmlischen und geistigen Genüssen gehörte ihm allein. Warum gab ihm wohl die böse Umwelt diesen Namen, -da er doch eigentlich David Regensburger hieß? Es ist kaum anzunehmen, daß seine literarisch ungeschulten Zeitgenossen etwas von dem Prager Golem wußten. Vielmehr nahmen sie dieses Epitheton aus dem Perek'), den sie in den sommerlichen Sabbatnachmittagen nicht umsonst gelesen haben. Dort kommt der Golem vor, der in sieben Dingen sich von dem Chochem unterscheidet*). Der jüdische Volkswitz übertreibt etwas, und so schufen die Rothenburger ihren Golem. David Regensburger ließ alle Kulturen an sich vorüberziehen. Ihn konnte keine Erfindung und keine Entdeckung aus seinem Gleichmaß bringen. Selbst die Eisenbahn, die er zu seinen Geschäftswegen hätte benützen können, verschmähte er gänzlich. Sie wurde ihm nur zum Aerger, wenn , er sich eingestehen mußte, daß die Reisenden früher als er ans Ziel kamen und ihm schon die besten Geschäfte weggen-omm-en hatten. Er wußte sich aber damit wieder zu trösten, daß sie im Zuge bleiben mußten, er aber konnte sich alle Freiheiten erlauben, konnte abweichen von der Heeresstraße, und da fand sich manches, was er nicht achtlos am Wege liegen sah. Er las die dürren -Reiser vom Boden auf, verbarg sie an einer Stelle, um sie beim Heimgang mitzunehmen. Er ergötzte sich au den gereiften Kornfeldern nicht nach Artder Schwärmer von Naturschönheiten, er betrachtete sie nur vom Nützlichkeitsstandpunkte aus. „Das Schönste sucht er auf den Fluren", sagt Schiller, der Rothenburger Golem sagte bei ihrem Anblick gar nichts, sondern knipste eigenhändig die vollsten Aehren ab. Seine Frau hatte Hühner, und ihnen brachte er das Opfer der Gartenfrucht heim. Das tat er buchstäblich im Schweiße seines Angesichts. So glaubte er in seiner Naivität ein Aequivalent für das „lo tignow"* * 3) eingetauscht zu haben. Kannst ruhig sein, lieber Golem, wir werden nicht verraten, was sonst noch aus' der Tiefe deines Sackes, wenn du ihn "zu Hause -seines Inhaltes entleertest, zum Vorschein kam. Davids volle Tätigkeit entfaltete sich aber erst in dem Städtchen, wo er täglich hinwallte. Wo ein Pferd gekauft wurde, übernahm er die Rolle des „ehrlichen Maklers". Ochsen und Kühe, kleinere und größere -Grundstücke konnten nicht veräußert werden, wenn David nicht die Vermittlerrolle übernommen hatte. Er kannte die Schwächen der Käufer und Verkäufer, und wenn sie -anfangs in ihrem Prinzip noch so sehr differierten, er brachte sie auf -die ausgleichende Mittellinie. Bei diesen Unterhandlungen versagte der sonst -wortkarge David nicht. Es sprudelte bachsturzartig aus seinem Munde, wenn er sich an beide Teile wandte, und er flüsterte mit einer sanften Stimme, die in keinem Verhältnis zu seinem vierschrötigen Körperbau stand, wenn er sich an sie wandte. Fiel nach dem Abschluß des Handels der Maklerlohn nicht nach Erwarten aus, so erreichte er durch Bitten einen höheren. Man kannte schon den ehrlichen Makler. Wehe dem, der ihn nicht voll befriedigte! Zwar hütete er seine Zung-e vor Zeugen. Aber auf dem Heimweg wetterte er auf ihnlos. Die zehn Makos') schossen -dann wie Gewehrkugeln auf den Kor-ach?) herab, die Flüche und Verwünschungen kamen noch als Extrabeilage hinzu, an Schimpfnamen, von denen Ach-berosch, Schmutzfink und Mamser noch die harmlosesten waren, hatte er einen ganzen Vorrat. Doch all dies sprach er nur vor sich hin. Nur dem Winde und den Vögeln vertraute er den Herzenserguß an. Der Golem von Rothenburg hatte auch eine Familie. Seine Frau, Rosa, war zierlich und zart und selbst, als sie ihre Zähne ') Sprüche der Väter. -’) Ebenda Kapitel 5. 3) Du sollst nicht stehlen. *) A-eghptische Plagen. s) Geizhals.