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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-26 · Heft 12-13 (26.3.1920) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 12-13 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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141 Held'und die Hütte. Sie war ganz entzückt von allem, malte sich die schönste Zukunft ans, sah sich vielleicht als Dame in dein Dorfe angegafft •. . . Der Hochzeitstag kam heran. . . Beiderseits wurden Vorbereitungen getroffen . . . Ich lieh mir einen Wagen und Pferde und holte sie ab . . . Nach kurzer Zeit entdeckte sie, daß mein Vermögen nur aus einer gemieteten Hütte bestand, denn tatsächlich besaß ich nichts weiter. Sie verließ mich in der Nacht und flüchtete zu ihren Eltern. Wieder müßte ich meine Chochme anwenden, um sie zu mir zu bringen. Sie kam . . . Mit der Mitgift, die ich von ihr erhielt, kaufte ich mir ein Hans und einige Morgen Feld, gleichfalls einen Handkorb und etwas Ware, um sie im Dorfe unter den Bauern zu verkaufen. Wir lebten Jahre hindurch in bester Eintracht und Zufriedenheit. Da kam der Mälochamuwes (Tod) und nahm sie zum lieben Gott. Solange der Malochamuwes lebt, sind wir mit dem Leben unsicher. Der Tod liebt nur schöne Menschen. Ich blieb ein Almon (Witwer) mit fünf Kindern zurück, die ohne Mütter nicht einen Tag leben konnten, ich sah mich daher gezwungen, wieder zu heiraten. Diesmal hätte der Schadchen ein Wort zu sprechen, und bat es auch. Ich galt ja schon als Oischer (Reicher), da konnte ich eher zu einer Partie kommen als früher. Und es kam auch. Ich ehelichte eine Frau mit Geld, einer Kuh und einem Pferde, natürlich nach jüdischem Ritus — beim Rebben, denn ich kannte die anderen Gesetze gar nicht und wollte mit ihnen auch keine Bekanntschaft machen. Zu mir war sie sehr lieb, aber zu den Kindern ein „Ausbund" von einem Weibe. Schläge, Entziehung der Nahrung und andere ähnliche Mittel wandte sie an. Nur ihre Kinder hatten Lebensberechtigung. Ich hatte wenig Zeit, dem Hause meine Aufmerksamkeit zu schenken, denn den ganzen lieben Tag über ging ich aus Erwerb aus. Heute war ich Bauer, morgen Händler, dann wiederum Tischler, Lumpenhändler, Goldschmied — man hieß mich so in der Gegend, da ich die Tierfelle der krepierten Pferde abzog und dabei ein gutes Einkommen hatte; das nannte man Goldschmiederei. Unser Glück wechselt wie das Wetter. Meine Frau ließ mein Haus, um einst sicher zu sein, aus ihren Namen verschreiben, als hätte sie vorher geahnt, daß es ihr von Vorteil sein würde. Denn eines schönen Tages nach achtjährigein Zusammenleben verließ sie mich und hinterließ mir sechs Kinder, mit denen ich weder ein noch aus wußte. Ich habe alles angewandt, um sie wieder rns Heim zu bringen, es schlug aber fehl. Da blieb mir nichts übrig als mir einen Menschen zu suchen, der mir die Kinder zu versorgen in der Lage war. Ich fand eine kinderlose Witwe, die mit Rücksicht auf mein Vermögen — das wiederum hauptsächlich in geliehenen Gütern bestand — mir die Hand zum Bunde reichte. Da erfuhr meine vorige Ehehälfte, daß ich mich wieder vereinigt hätte. Hatte daher nichts eiligeres zu tun als zum „Raw" zu laufen und mich bei ihm zu verklagen, ich hätte geheiratet, ohne von ihr geschieden zu sein. Ich wurde zum Raw vorgeladen und wurde mit Cherent (Bann) bedroht, wenn ich mich nicht gleich scheiden ließe. Aper — die Frau verlangte von mir das Haus, das Geld dafür, da es auf ihren Namen wäre. Der Raw natürlich — verurteilte mich, 800 Kronen zu zahlen, und sprach zu gleicher Zeit die Scheidung mit der einen und die Vereinigung mit der anderen aus. Meine Frau sorgte mütterlich für die Kinder und prächtig für die Behausung. Es fehlte nichts im Hause. Da wollte der Allmächtige, daß die Menschenzahl auf Erden geringer werde, und befahl: es werde Krieg, und Krieg ward. Da kam der Kaiser und forderte meine Söhne und ich gab sie ihm. Das war aber noch nicht genug, denn. Gott hat auch Kosaken erschaffen, und er schickte sie, meine Frau zu erschlagen. Sie haben sich dieser Ausgabe glänzend entledigt. Beraubten mich und machten mich zum Bettler. Die Russen gingen und hinterließen mir außer den Sorgen nur das Haus mit den unversorgten Kindern. Ich ging, forschte, grübelte und fand die Hilfe, die mir Gott geschickt hat, in der Gestalt eines 26jährigen Mädchens. Gott wollte es so. Ich zählte damals erst 60 Jahre. Auch dies Mädchen — da sie Besitzerin einer Kuh, eines Pferdes mit Wagen und einer Summe Geldes — verlangte ebenfalls von mir Beweise meines Wohlhabens. Ich bewies es ihr, indem ich mir wiederum alles lieh. Nach einigen Wochen verließ sie mich. Einem Kabzen (Armen) mit einem Hause voll von Kindern kann sie ihre Jugend und ihr Vermögen nicht opfern. Ich sah mich gezwungen, Hilfe bei der politischen Behörde anzurufen. Diesmal konnte ich das, da ich sie gesetzlich geehelicht habe. Ich ging zum Starost (Magistratschef) und verlangte, man möge mir Hilfe geben. Um meine entflohene Frau wieder einzuholen. Ich erhielt ein Dienstpapier zur Gendarmerie, wohin ich mich umgehend begab. Der Befehl wurde sofort ausgeführt, denn ein Gendarm folgte mir in die Wohnung der Frau. Er forderte sie im Namen des Gesetzes auf, sie möge sofort folgen, sonst wäre er gezwungen, sie zu führen. Sie weinte bitterlich, man möge ihr die Schande ersparen, denn sie würde dies nicht ertragen, sie wolle selber gutwillig zurückkehren. So zog sie mit mir, hinter uns daS Vermögen (Kuh und Pferd) und von weitem der Gendarm zu mir ins -Haus. Ich kann sagen, daß wir in vollkommener Uebereinstimmung leben. Seitdem ist der Kindersegen etwas gewachsen. Gott hat auch gewollt, daß zwei Söhne aus dem Schlachtfelde bleiben. Was Gott tut, ist weise. Er hat mir ja die Kinder gegeben, er hat also auch das Recht, sie zu nehmen. Meine Wirtschaft zählt heute eine Hütte, eine Kuh, ein Pferd und Wagen — mit diesem Pferde kann ich die entlegensten Strecken in fünf Minuten zurücklegen. „Wie lange fahren Sie denn von hier nach B.?" unterbrach ich ihn. „Fünf Minuten", entgegnete er mir. „Es ist doch neun Kilometer von hier entfernt?" „Ich fahre fünf Minuten, die übrige Zeit gehe ich zu Fuß." Da verstand ich ihn erst. K » Nun bin ich 64 Jahre. Es sind schwere Zeiten, denn der Krieg dringt bis zu mir hinein. Ich muß schon meine Chochme sehr in Anwendung bringen, um das tägliche Brot zu erwerben. Daher treibe ich jetzt nur Tauschhandel. Ich kaufe in der Nächstliegenden Stadt Wäre und tausche sie im Dorse gegen Nahrungsmittel um. Sie plaudern gern mit mir, diese Bauern, denn ich erzähle ihnen immer die Neuigkeiten. Und wenn sie mich fragen, wann der Krieg ein Ende haben, wird, so sage ich ihnen in diesem Jahre. Woher wissen Sie das, fragen sie. Ich! na der Kaiser telegraphiert mir tagtäglich. Und sie glauben es, diese hinterlistigen Bauern. Vor einiger Zeit bat mich ein Bauer, als ich in die Stadt ging, ich möchte ihm ein Paket Tabak kaufen. Ich tat dies und bezahlte dafür 6 Kronen. Er gab mir den vorgestreckten Betrag zurück und lief hinterher zur Gendarmerie, um gegen mich eine Anzeige wegen Tabakhandels und Wuchers zu erstatten. Wenn es sich um die Verhaftung oder Bestrafung eines Juden handelt, so ist die Gendarmerie blitzschnell an der Stelle, umgekehrt gelangt ihr nichts zu Ohren. Kurz ich wurde dafür bei Gott dem Allmächtigen — ich weiß nicht wofür, mit 16 Tagen Arrest bestraft und mußte sie absitzen, da man sehr bedacht darauf war. Zeigt mir einen Menschen hier, der uns nicht haßt und verfolgt. Fragt nicht, was das für 16 Tage waren. Im 64. Lebensjahre! Treisers essen! Eine unversorgte Frau und Kinder daheim. So, also leben wir hier unter bellenden Hunden und Wölfen, die nicht nur

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