Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Selbstbewußter und kindlichen wie cs hier geschieht, kann man wirklich nicht räsonieren. Was dann der Verfasser über die allmähliche Emanzipation und die sogenannte Beherrschung ber Deutschen durch die Juden, was er über die Aera Ballin- Rathenau-Dernburg, was er nach Dühring über die Selbstüberhebung der Juden, über die vermeintliche Christenseindschaft, über Graetz, über eine 1803 erschienene antisemitische Schrift, über H. St. Chambcrlain mit Anführung seitenlanger Stellen sagt, ist alles so abgetreten und seicht, daß es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Und nach all diesem Gerede schließt der Verfasser sein Werk mit folgenden Sätzen: „Vie! - leicht — ich möchte es wünschen — kommt es gar nicht einmal zu einer neuen Kirche, vielleicht nur zu einer großen Laiengemeiuschaft, die Protestanten und Katholiken vereint, Protestanten und Katholiken zuerst die Erfüllung der Pslichten gegen ihre Kirche anbefiehlt, ehe sie ihnen gestattet, ein religiöses und Kulturleben in deutschem Geiste zu leben. Inden freilich könnte diese Gemeinschaft nicht brauchen, und so träte iin deutschen Lande denn allerdings die reinliche Scheidung zwischen Deutschen und Juden ein, die politisch und wirtschaftlich gegenwärtig nicht erreichbar erscheint, die aber doch kommen muß, wenn das deutsche Volk an dem ihm ausgezwungenen Fremdgeiste nicht zugrunde gehen soll. Man sieht, j daß ich kein Judenverfolger, kein Judenfresser bin — nein, ich i will nur nichts mit ihnen zu tun haben und wünsche, daß dies der Wille aller Deutschen werde." Man wendet sich von dem dickleibigen Buche mit Ekel und Abscheu. Keine unbekannte Tatsache, keine Belehrung über einen oft durchgearbeiteten Stoff, keine wirklich eigenartige Auffassung oder geistreiche Bemerkung. Das Ganze ist, außer bvgenlangen Zitaten aus anderen Schriften, ein Sammelsurium wüster Schimpfereien, törichter Ausfälle, eklen Selbstlobes. Und ein Mann, der im vierten Jahre des Krieges Muße und Stimmung hatte, ein solch ebenso überflüssiges wie widerwärtiges Buch zu verfassen, wagt es, über Lessing zu urteilen, ' hat die Dreistigkeit, sich trotz aller Reservationen als eine Art neuer Lessing zu verkündigen- Die Tragik im Leben eines Milchen Dichters. Bon I. Herzberg (Bromberg). (Fortsetzung oß-avski entgegnet hierauf am folgenden Tage: „Ew. Ehrwürden freundliche Zeilen beantworte ich schleunigst dahin, daß ich mit Dank Ihre gütige Mühe und Fürsorge anerkenne. Ich überlasse Ihnen herzlich gern die Feile meines Werkes und bemerke nur, wo eine Glätte nicht möglich, lieber den ganzen Vers wegzulassen. Zu gleicher Zeit sende ich noch eine Szene zum 4. Akt, ich glaube zwar, daß ich dieselbe lose in das Manuskript gelegt habe, vielleicht befindet sie sich auch dort abgeschrieben, doch ist sie so verbessert. Auch glaube ich, daß Raum zu derselben in dem Manuskript geblieben ist. Diese Szene scheint mir wichtig, weil sie die Entstehung des Kolosseums zu Rom angibt, auch dem Helden Johannes die letzte Ehre erweist . . ." — Der Druck des Werkes schritt sehr rasch vorwärts lind war bereits am 30. November beendet. Denn an diesem Tage schrieb Philippson an Koßarski: „Geehrter Herr! Soeben zeigt mir Herr Dr. Jellinek an, daß er 10 Exemplare gewöhnlicher und 3 feine Exemplare des „Titus" an Sie geschickt hat. Ich gratuliere zur Vollendung des Werkes, das noch im Laufe dieses Monats an die Abonnenten des Instituts verschickt wird. Ich hoffe, daß wir -uns noch öfter begegnen. Sie haben die Bedingungen zu bestimmen uns überlassen. Diese sind: 1. Sie erhalten für diese Auslage 70 Taler pr. Et., 10 Freiexemplare und 3 gute. 2. Nach Ablauf von vier Jahren treten Sie in das volle Eigentumsrecht auf Ihre Schrift zurück. 3. Sollte das Institut während dieser vier Jahre noch eine Auflage veranstalten wollen, so erhalten Sie 50 Taler dafür. Anbei folgen die 70 Taler und bitte ich, einliegende Quittung unterzeichnet an mich zu retournieren. Grüßen Sie Herrn Herm. Jacobi von mir herzlichst. ... Hochachtend Philippson." Eine Nachschrift lautet: „Bei Durchlesung Ihres Gedichtes werden Sie bemerken, wie viele Mühe ich mir genommen, die Verse metrisch und* wohlklingend zu machen, da der fünffüßige Jambus in Ihrem Manuskript noch zu unrein war. Und nun habe ich noch um etwas um Verzeihung zu bitten. Die große Stelle über Jesus habe ich gestrichen, — denn wir haben in Oesterreich und Bayern die Zensur sehr zu befürchten. Konnten wir gleich das erste Werk unseres Instituts aufs Spiel setzen? D. O." Koßarski war jedoch mit den inr vorstehenden Schreiben gestellten Bedingungen nicht einverstanden, insbesondere erschien ihm das chm zugebilligte Honorar von 70 Talern viel zu niedrig bemessen. Mßarski sandte den Betrag sofort wieder zurück und beauftragte seinen Schwager Jakob Klausner in Bromberg, Philippson hiervon Mitteilung zu machen. In diesem Schreiben wird zunächst gesagt, daß der Dichter beim Empfange des Philippsonschen Briefes dermaßen erregt worden sei. daß er nicht selbst schreiben könne. Er bitte und beschwöre Philippson. zu seiner Ehre und zur Ehre des Instituts sein Werk nicht ausgehen zu lassen. In gleichem Sinne sei an Dr. Jellinek geschrieben worden. Koßarski sei bereit, jede Summe zu deponieren, um die Druck- und andere Kosten zu decken. „Ew. Ehrwürden wollten", heißt es in diesem Schreiben, „mit dem Autor schon angemessen nach dem Druck ins Reine kommen. Bevor dies nicht geschehen, wollen Sie gütigst das Werk ja nicht ausgehen lassen." Und an den Verleger Leopold Schnaub in Leipzig ließ Koßarski durch seinen Schwager Klausner gleichfalls die Aufforderung ergehen, das Werk „Titus" ja nicht zur Ausgabe zu bringen, da „dasselbe durchaus nicht dem Verein überlassen sei". Der Autor werde ihn, den Verleger, für jeden Nachteil verantwortlich machen. Auch Jacobi wandte sich, jedenfalls auf Veranlassung Koßarskis, in einem längeren Schreiben an Philippson. In diesem interessanten Schriftstück heißt es: „ , . . . Unter meinen Augen entstand der „Titus", woran der Dichter mehrere Jahre arbeitete, während welcher er die anhaltendsten und gründlichsten Studien machte, und wozu er sich hebräische, griechische, lateinische, französische und deutsche Quellen käuflich anschaffen mußte, wozu unter anderen Jost, Munk, Salvador, Abbe Ealmet, Tacitus, Lamartine, Chateaubriand, Lundius, Josephus, Gefrörer, Dio Cassius und Sueton gehören, da dergleichen in einem kleinen Orte, >vie Bromberg, leihweise nicht zu erlangen waren. Bei so erheblichem Zeit- und Kostenaufwande dürfte ein Honorar von einigen hundert Talern für ein solches Werk nicht zu viel sein; dieser Ansicht glaubte ich auch, als Laie, mich hingeben zu dürfen, und aus dem Grunde Bescheide ich mich auch, eine abgegrenzte Geldsumme im Namen des genannten Dichters für sein Werk aus Ihre gütige diesfällige Anfrage von dem betreffenden Institute zu fordern. Das letztere sandte dem Dichter ein so winziges Honorar, daß ich, der ich zwischen