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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-26 · Heft 12-13 (26.3.1920) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 12-13 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
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Molk Härtels: „HetKns und die Juden." Von Ludwig Geige r1). in Buch von 380 Seiten über das genannte Thema zu schreiben-), ist ein Kunststück, daß nur Herr Bartels fertigbringen konnte. Er bedient sich dabei des Kniffes, alles mögliche zusammenzustellen, was wenig zum Thema gehört, viele Dutzende von Seiten mit unnötigen und überflüssigen Zitaten zu füllen und seiner persönlichen Animosität ilnd Judenfeindschast die Zügel schießen zu lassen. Wenn man die Ueberschriften der einzelnen Kapitel des Bartelsschen Buches liest, so sollte man meinen, daß für unseren Zweck nur drei in Betracht kommen. Das erste: Lessings Lustspiel „Die Juden", das vierte: „Lessing und Moses Mendelssohn", das achte: Lessings „Nathan der Weise". Sie nehmen im ganzen 100 Seiten, also etwa ein Viertel des ganzen Werkes, dm In dem erstangeführten Kapitel wird eine breite Analyse des Stückes gegeben, Lessings Bericht über die Michaelissche Rezension mit Mendelssohns bekanntem Brief mitgeteilt. Dann geht Herr Bartels los: er tadelt die Erfindung und Charakteristik des Stückes, beschäftigt sich entsetzlich weitschweifig mit Erich Schmidts, Glagaus und Eugen Dührings Beurteilung desselben und ist mit dem letzteren eins in der Verdammung des Lustspiels. Der Abschnitt über „Lessing und Moses Mendelssohn" stellt dar, daß Lessing durch Moses Mendelssohns Wissen und seine Dialektik angezogen wurde, und gibt zu verstehen, daß Lessing seine Stellung bei Tauentzien, die er möglicherweise durch jüdischen Einfluß erhalten, dazu benutzt habe, sich bei den Münzunternehmungen zu bereichern, und daß er das gewonnene Geld in Spiel und flottem Leben ausgegeben habe. Von dem inneren Verhältnis beider Männer, das für beide und für die Entwicklung der deutschen Literatur fruchtbar war, wird kaum ein Wort gesagt. Das Kapitel „Nathan der Weise" beginnt gleich mit der frechen Behauptung, das Stück sei unter dem Schirm des jüdischen Kapitalismus geschrieben. Sodann wird die Erklärung Lessings mitgeteilt: die Abweisung der Verleumdung, oaß er für die „Fragmente" von der Judenschaft tausend Dukaten erhalten hätte. Während Bartels an dieser Stelle zu dieser Beschuldigung keine Stellung nimmt, sagt er an einer anderen (S. 218), daß er an dieses Märchen nicht glaube. Darauf folgt eine neun Seiten lange Inhaltsangabe, sodarrn Bemerkungen über die Aufnahme des Dramas und die Gegenschriften, Auszüge aus Pfrangers „Der Mönch vom Libanon" Dann kommen Aeußerungen von Mendelssohn, Menzel, Gervinus, Schwarz, Fischer, Brunner, Dühring. Erst nach 44 Seiten überflüssigsten Geredes kommt der Verfasser zur Abgabe seiner Meinung: der „Nathan" sei ein Tendenzstück, abhängig von den Franzosen; die Charakteristik sei vortrefflich, aber von vorherrschendem jüdischen Eindruck. Zu diesem gehöre die beständige Rühmung der Großmut, die Sentimentalität, die jüdische Heiterkeit, es sei ein Lehrgedicht, eine Toleranzpredigt. Die Beurteilung schließt mit einem Ausfall gegen die Juden, die so lautet: „Ich weiß nicht, ob diese sogenannte Toleranz besser ist als ihr Gegenteil, bequemer ist sie gewiß, und ebenso gewiß ist sie die echte Toleranz nicht. Diese duldet den Glauben und die Weise des anderen nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Einsicht, aus echter Menschenkenntnis, aus dem Interesse, welches Leibniz sehr schön die Liebe genannt hat, welche der Weisheit konform ist." Diesen Worten Fischers fügt Bartels *) Aus jctncm Nachlaß. 2) „Lessing und die Juden/' Eine Untersuchung von Adolf Bartels. Dresden und Leipzig 1918, C. A. Kochs Verlagsbuchhandlung (H. Ehlers). /Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche." Lessing, „Nathan". | seine eigenen als Schlußwort hinzu: „Wenn es darauf ankommt, haben wir verschrienen Judengegner diese echte Toleranz vielleicht noch eher als unsere Feinde, denn wir bekämpfen die Juden nicht, weil sie Juden sind, sondern weil sie unser deutsches Volkstum zu vernichten oder doch zu verderben drohen." ' Wegen solcher seichten, gehässigen und überflüssigen Bemerkungen wird in den schweren Zeiten, die wir durchleben, ein dickes Buch veröffentlicht. Daß es noch viele andere Kapitel hat, die uns nichts angehen, mag kurz erwähnt werden. Sie handeln über den Journalisten und Polemiker, den Kunstrichter und „Theoretiker", über Goeze, über Lessings Ende und den Spinoza-Streit, über Lessing und die Nachwelt, über Erich Schmidts „Lessing". Uns gehen sie verhältnismäßig wenig an, obgleich in ihnen allen gehässige Bemerkungen -gegen Lessing und die Juden Vorkommen; im wesentlichen interessiert uns das zweite Kapitel: „Lessings Herkunft und Entwicklung", und das zwölfte: „Der neue Lessing". Man wird sich vielleicht wundern, daß in einer Betrachtung „Lessing und die Juden" von des Dichters Herkunft und Entwicklung gesprochen wird. Zur Erklärung diene folgendes: Das erste Kapitel hatte mit der Bemerkung geschlossen, daß Dühring die jüdische Herkunft Lessings angenommen habe, und hatte daran die Bemerkung geknüpft: „ich glaube an diese jüdische Herkunft nicht, aber ich will an Dührings Behauptung doch nicht rasch vorübergehen, sondern das Für und Wider gründlich erwägen". Diese, nach Bartels Meinung gründliche Erwägung folgt nun im zweiten Kapitel. Er hält es nicht für ganz unmöglich, daß durch die Familien Hellmann und Feller, denen die zwei Frauen von Lessings Vater entstammten, jüdisches Blut rn die Nachkommenschaft des alten gekommen sei, obgleich er zugibt, daß die Juden damals noch keine Familiennamen führten. Während er nun Lessings Aussehen für unjüdisch erklärt, versucht er auszuführen, daß seine Entwicklung jüdisch sei. Sie bestehe darin, daß er von anderen, nämlich den Franzosen, gelernt habe, durch die Aufklärung geschult und in seinen Anschauungen besonders durch Gellerts „Schwedische Gräfin" bestimmt worden sei. Ein solche Naivität ist wahrhaft staunenswert. Weil Lessing gelegentlich die Franzosen benutzt hat, die damals tonangebend in Deutschland waren, weil er der Aufklärung sich hingab, die alle edleren Geister in jener Zeit bestimmte, weil er vielleicht eine humane Stelle Gellerts kannte - darum ist seine Entwicklung jüdisch. Man kann sich wirklich nichts Kindischeres denken und würde Raum und Kraft verschwenden, wenn man solchen Torheiten mit Ernst entgegentreten wollte. Obgleich nun in dem genannten Kapitel und auch in den meisten anderen an Lessing, trotz gelegentlicher kleiner Lobsprüche, nicht viel Gutes gelassen wird, hält Bartels doch in seinem Schlußkapitel nach der Anführung eines Goetheschen Wortes einen neuen Lessing für notwendig. Aber freilich was für einen Lessing? Hören wir den Autor selbst (S. 343): „Aber wäre es nicht das Einfachste, wenn ich mich selber kurzerhand für den neuen Lessing erklärte? Ich habe, seitdem ich den Kampf für das Deutschtum gegen das Judentum in der deutschen Literatur ausgenommen, so viel ertragen müssen, daß mich das Hohngelächter meiner Feinde über diese Behauptung auch nicht sonderlich mehr aufregen und mir noch groß schaden könnte.' Leider habe ich nur zu wenig Selbstgefühl und zu viel Selbstkritik, um mir einzubilden, daß ich als Dichter eine „Minna von Barnhelm" geben und als Schriftsteller und Gelehrter eine so vielseitige und einflußreiche Tätigkeit entfalten könnte wie Lessing. Aber der bescheidene Vorläufer des neuen Lesfing bin ich vielleicht, und die feste Überzeugung, daß sein Lebenswerk in der Richtung des meinigen verlaufen wird, habe ich." (Eine Art Parallele zwischen sich und Lessing hatte Bartels schon S. 36 ff. und S. 40 gezogen.)

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