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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-26 · Heft 12-13 (26.3.1920) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 12-13 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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schied der Gemeinde, NatiMaLitsik und' Konfession. Tie Redaktion des „Doar Hajom" ha>t eine >AMon zur Saminl'u-ng von Spenden für die. Dpfer dev Schineeta-tastrophe cingeleitet, ohne Unterschied der Konfess-iou. Schon in den ersten zwei Tagen meist das im „Dpar Hnjom" abgedruckte ■ Verzeichnis der Spenden eine Summe von 18 040 ägyptischen Groschen auf. * Amerika. Das Joint D i s t r i b u t i o n (Committee lt n d di e We l t h i l f s k o n fe r e nz. Bekanntlich hat das Joint Distribution Committee die Beteiligung an der vom Komitee der Jüd. Delegation in Paris einberusenen Welchilfskonferenz abgelehnt, weshalb diese Konferenz aus Mai verschoben wurde. Nach dem wenigen, was bekannt ist, ließ sich das Joint Committee hierbei von folgenden Gründen leiten. Amerika, das den größten Teil der Hilfsgelder aufbringt, würde an dieser Konferenz, die hauptsächlich von Vertretern der hilfsbedürftigen Länder beschickt fein würde, majorisiert werden. Dann würde diese Konferenz, in der die nationalistischen Juden Europas die Mehrheit haben würden, vor der Außenwelt den Eindruck einer allweltlichen national-jüdischen Solidarität und den Anschein des Vorhandenseins einer allweltlichen Vertretung der Juden erwecken. Es ist dies der altbekannte Standpunkt der nicht-nationalen Juden, der auch von den „Israeliten" Englands und Frankreichs eingenommen wird. Nur d.ie Vereinigung des Judentums auf demokratischer Grundlage, vor allem der Juden Osteuropas, wird imstande fein, diese Widerstände mit der Zeit zu überwinden. Staats s e frei ä r Daniel s u n d Jacob S ch iss für d e n P a l ä st i n a - W i e d e r a n f b a ufon d s. Der amerikanische Korrespondent der „I. P. Z." berichtet: Unter Vorsitz des ehemaligen amerikanischen Gesandten in der Türkei, Abraham Elkus, fand das Bankett für den Wiederaufbaufonds statt, an dem Minister Daniels die in den Hauptgedanken von Reuter bereits mitgeteilte Rede hielt (s. „I. P. Z."). Daniels sprach länger als eine Stunde. Seine Rede war der Ausdruck seiner Liebe und Achtung zum jüdischen Volke. Mit besonderem Enthusiasmus wurde Jacob Schiff ausgenommen, der erklärte, die Juden würden so lange von der Welt nicht geachtet werden, bis sie sich selbst nicht respektierten. Wir müssen ein geistiges Zentrum haben und ein eigenes Homeland, sonst werden wir nie glücklich sein. Die ganze Hilssarbeit sei wertlos, falls die Juden nicht ein gesichertes Heim und einen Konzentrationspunkt für ihren Genius finden. Alle Verträge sind das Papier, auf dem sie geschrieben wurden, nicht wert, falls die Juden nicht ihr Recht als nationale Minderheit erhalten. Schiff schloß: Es existiert keine zionistische Frage Mehr, nur noch eine Pailästinafrage; wir Juden müssen diese Frage lösen, und die ganze Welt wird aufatnren. J. P. Z. Mgfgryks 70. Geburtstag. as böhmische Volk feierte am 7. März den Geburtstag seines e r st e n Präsidenten. Schlicht und einfach, ohne Pomp und Lärm. Vorträge, Umzüge, theatralische Veranstaltungen und Widmungen zu wohltätigen Zwecken künden, daß der Philosoph in der Burg nun die Schwelle des Greisenalters erreicht hat. Das böhmische Volk hat aber auch Grund, jenem Mann Dank zu wissen, der ihm während des Weltkrieges Selbständigkeit und Staat erkämpft hat. — Saul zog aus, um die Eselinnen seines Vaters zu suchen, und kehrte mit der Königskrone auf dem Haupte zurück. Professor Masaryk verließ am Beginn des Weltbrandesfein Vaterland, um seinem Volke befreundete Nationen zu suchen, und kehrte mit der Präsidentenwürde begnadet zurück. Zwei Strömungen fand er vor, die an der Wiege des jungen Staates standen, ihm süßliche Lieder sangen und eine bessere Zukunft verhießen: Sozialismus und Nationalismus. Das Volk .berauschte sich an diesen Versprechungen, jubelte den neuen Führern entgegen und hoffte, daß sein Land tatsächlich eine „höhere Schweiz", ein „Paradies" oder eine „Insel der Glücklichen" werde. Doch allmählich rückten die nationalen Führer von den sozialistischen ab, die Gegensätze erhielten immer schärfere Umrisse und zeitigten einerseits einen unstillbaren Nationalismus und anderseits das Erstarken des sozialistischen Gedankens. Käs Erscheinen des Präsidenten in der Metropole vermochte nicht mehr die immer größer werdende Kluft zwischen den- Parteien zu überbrücken. Ja, die Nationalen, welche die ganze Verwaltung einer treu ergebenen Beamtenschaft anvertraut hatten, ließen sich von den Humanitätsideen ■ bes Staatsoberhauptes herzlich wenig beirren. Erst die Gemeindewahlen vom Juni 1919, die den Sieg des Sozialismus auf der ganzen Linie sicherten, gaben ihm die Macht, seine Verwaltung nach sozialen und demokratischen Grundsätzen umzugestalten. Die höchsten national-istischen Würdenträger mußten zurücktreten und sozialistischen Führern Platz machen. Die Ausschreitungen gegen Juden hörten auf, die Angriffe in der Presse verstummten, und Wendungen wie: „Wir haben den Staat für uns gegründet!" (also nicht für Deutsche oder Juden) werden pertzorresziert. — Freilich hat das junge Staatswesen noch viele Schwierigkeiten zu überwinden, viele Hindernisse zu beseitigen und ungeahnte Wunden zu heilen. Es tauchten finanzielle, wirtschaftliche, gesellschaftliche und Ernährungsschwierigkeiten auf, die die drückenden Sorgen der Staatslenker vermehren. Doch vermögen nur vernunftgemäße und zielgerechte Maßnahmen auch svlche Nöten zu beseitigen. Solche Maßnahmen werden von der Weisheit und dem Herrschersinn Masarhks erhofft. Hatten also die -Schlachtenlenker und dann die nationalen Heißsporne die Völker irregeleitet, so sollen nun die Männer des Geistes ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen. — Ein Midraschwort (Jalkut Jeremia 232) soll diesen Gedanken beleuchten. Gin -Gesetzeslehrer besuchte einmal eine Stadt Palästinas und wünschte deren Stadtwächter kennenzulernen. Man führte ihm den Polizeigewaltigen und dessen militärische Organe vor. Er sprach: „Sind denn diese als Stadtpfleger anzusehen? Nein! Diese sind Störer des Volkswohles! Nur Männer der Wissenschaft und Träger der menschlichen Ideale allein können als Volksfreunde gepriesen werden!" Weder die Männe'' des Schwertes noch die Helden der nationalen Politik haben den Völkern Ruhe und Zuversicht vermitteln können. Nun, da ihr blutiges Werk gescheitert ist, sollen Philosophen, Universitätslehrer versuchen, die Geschicke ihrer Nationen mit mehr Erfolg zu lenken. Denn schon die Jugendgeschichte Masarhks scheint ihn für diese große Zukunft prädestiniert zu haben. T h o m a s G. M a s a r y k, Sohn eines verarmten Herrschaftskutschers in G ö d i n g (Mähren), mußte, da feine Eltern nicht die Mittel hatten, um ihn studieren zu lassen, zu einem Schmied in die Lehre gehen. Der Schullehrer redete aber seinem Vater zu, seinen befähigten Knaben nach Brünn ins deutsche Gymnasium zu senden. Nach Absolvierung der Mittelschule b?zog er die Wiener Universität, um sich daselbst nach dem Doktorexamen zu habilitieren. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts übernahm er an der Prager böhmischen Universität einen Lehrstuhl der Philosophie. Der Polnaer Justizmord, seine Kämpfe gegen den Klerikalismus usw. stählten seinen Mut und lieferten die schönsten Beweise für Charakterstärke und Unerschrockenheit. Diese Eigenschaften halfen ihm mit, seinen Staat zu gründen, dessen Zukunft ihm nun am Herzen liegt. Der ehemalige Schmiedelehrling schmiedete mit eigenen Händen die Selbständigkeit seines Volkes und hat nun das Bestreben, auch dessen inneres Leben zu konsolidieren-undzu fördern. Den Weg hierzu bieten Versöhnlichkeit gegen sämtliche Nationen und Konfessionen der Republik, volle Gleichberechtigung und Gewährung der Teilnahme derselben an den Staatsgeschäften und Remtern. Es ist daher zu hoffen, daß der Jubilar diesen Weg auch zu beschreiten wissen wird. Dr. I. E i s e n b e r g (Dobrisch b. Prag).

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