Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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136» ungeheurer Verantwortlichkeit geschoben haben sollte. — Hier soll aber nicht von dem Heerführer, sondern von dem Kriegsminister gesprochen werden. Das Amt übernahm der General v. Heeringen als Nachfolger 'des Herrn v. Einem. Dessen Scheiden wurde damals mit seiner milderen Auffassung in der von den Linksparteien geforderten Beförderung von Juden zu Offizieren in Verbindung gebracht. Herr v. Heeringen bestritt diesen Zusammenhang. Doch nahm -er zu -der viel besprochenen Frage sofort eine völlig gegensätzliche Haltung ein. In einer Rede, die er im Februar 19 10 im Reichstag hielt, sprach er den jüdischen Einjährigen die Fähigkeit ab, sich als Vorgesetzte die „nötige Autorität" verschaffen zu können. Diese unbegründete und darum doppelt kränkende Behauptung hat ihrem Urheber manche bittere, auch manche sachliche Entgegnung eingetragen. Das geschah in den Tagen nach jener Rede. Und heute — nach einem Jahrzehnt, jenes Urteil über die „Autorität" des Kriegsministers und Heerführers! Es wäre Sünde am Vaterlande, wollte man darüber Schadenfreude empfinden. Herr v. Heeringen wird heute einsehen, wie in schwankender Zeit schwankende Werturteile febert treffen können. Und einer weiteren moralischen Berichtigung ist er nicht entgangen. Er hat es mit ansehen müssen, daß jüdische Offiziere mit gleichem Ansehen oder Nichtansehen, mit gleicher Eignung oder Nichteignung — das alles hing zu allen Zeiten vom Mann, nicht vom Bekenntnis ab — kleine Truppenverbände führten. Sicherlich hat sich Herr v. Heeringen mit gleichgestimmten Vorgängern ein ungewolltes Verdienst um die deutschen Juden erworben: Hätten die jüdischen Offiziere nach Tausenden nur gezählt, allerlei Autoritäten, darunter wohl auch einstige Kriegsminister, hätten den m ilit ä r i s ch e n F e h l s ch l a g unfehlbar auf den jüdischen Einschlag zurückgeführt! S. A -C. * Wo ist die Judenschutztruppe? Diese Frage stellt die jetzt von L. Hirschfeld in Wien geleitete Wochenschrift „Die Wahrheit" und bemerkt dazu: Bor Jahren Pflegten die offenen Antisemiten den Sozialdeinokraten mit Vorliebe den Schimpf anzntnu, daß sie sie als Jndenschutztrnppe bezeichneten. Es hatte manchmal den Anschein der Berechtigung. Namentlich vor den Februarwahlen, als man um die Seele der stinnnberechtlgten Wiener Judenschaft rang, bewarben sich die Sozialdemokraten mit einer förmlichen Inbrunst um. diese ausschlaggebende Partei. Später als der jüdische Mohr seine Schuldigkeit getan, konnte er gehen und die „Genossen" verabsäumten nicht, im Kampfe, gegen die Unternehmer, wo es anging, deren Judentum zu unterstreichen. Es ist bekannt, daß in der Debatte über den Streik der Ankerbrotarbeiter Herr Austerlitz die Christlichsvzialen, die aus dem Rechtsstandpunkt der Fabrikanten standen, als Judenschutztruppe apostrophierte. So spottet mancher seiner selbst und weiß nicht wie. Es fant aber noch schöner! Gelegentlich der abgehaltenen Beratung des Vermögensabgabegesetzes im Unterausschuß wurde jene Bestimmung, wonach Fonds, die konfessionellen Zwecken dienen, abgabefrei läßt, von den christlichsozialen Mitgliedern gegen die sozialdemokratischen angenommen. Dieses Ereignis gab der „Arbeiter-Zeitung" vom 18. Februar das Signal zu einem ausfälligen Artikel, der unter anderem die lapidaren Sätze enthielt: „Alle diese Begünstigungen werden aber nicht etiva nur der katholischen Kirche gewährt, sondern auch den anderen gesetzlichanerkannten Religionsgemeinschaften. Es werden also z. B. auch die reichen jüdischen Kultusgemeinden samt allen ihren Anstalten und Stiftungen, soiveit diese konfessionellen Zwecken dienen, von der Vermögensabgabe vollständig befreit. Der Rabbi will ebensowenig opfern wie der Pfass. Es gibt doch nichts Kläglicheres als einen Journalisten, dem init der Leidenschaft die Vernunft durchgeht. In der Schriftleitung der „Arbeiter-Zeitung" sitzen nicht durchweg waschechte Arier. Sie hätten den Artikelschreiber aufmerksam machen können, daß der Rabbi ein Funktionär der Kultnsgemeinde ist und demnach von deren Verfügungen in Geldfragen ausgeschaltet bleibt. Stumpfsinn oder Bosheit ist es, von reichen jüdischen Kultusgemeinden zu sprechen, wo diese unter den jetzigen Verhältnissen kaum imstande sind, ihren dringendsten Verpflichtungen nachzukonunen. Der Leitartikler verstieg sich noch zu der prächtigen Bemerkung: Christlichsoziale haben für die jüdische Kultusgemeinde gekämpft. Wo ist also in Wahrheit die Judenschutztruppe? * Neue Pogrome in Südruszland. Die 'letzten aus Süßrußland eingetroffenen -Nachrichten bestätigen, daß in den von -den- Bolschewisten in letzter Zelt! besetzten und jetzt wieder geräumten Ortschaften von Tenikin scheu Banden systematisch Judenpogrome veranstaltet werden. Bis jetzt wurden folgende pogromierte Ortschaften xegiftir'ieTJt1: Bobropol, Golta, Ol-wiopol, Golowanewsk, Kodima, Kschewata, Goloskow, Sowran, Kriwoje-Osero, Elisawetgrad. Der Pogrom 'in Olwiopoil dauerte fünf Tage. Der Pogrom in Eli-saiwetgrad zoll einer der schrecklichsten -gewesen sein-, der je vorgekommen «ist. Der Vorsitzende des dortigen professionellen Vereins! ersuchte um Hilfe in Odessa, -da die lokalen Organisationen machtlos sind. Falls man den Banden nicht entgegentreten wird, 'droht die Gefahr der Ausrottung aller dortigen Juden. Eine in Kischinew ein getroffene Delegation a.us Rezeni meldet, daß die Denikinschen Banden neuerlich am 17. und 18. Februar einen Pogrom in Rybnica veranstaltet hätten-. Die Zahl der Opfer sei noch nicht festgestellt. Tie am Leben Gebliebenen irren, von Hunger und Kälte geplagt, am Ufer des Dnjestr herum und betteln, man möge ihnen von Rezeni über den Dnjestr Brot herüberreichen. Die Delegation wandte sich durch Vermittlung des ukrainischen Komitees an General Popowic mit der Bitte um- Erlaubnis, ans Grund eines Befehles des Generals Pressanvom 3. Oktober v. I. Lebensmittel und Brot für diese Flüchtlinge über den Dnjestr führen zu dürfen. Auch in Dubo-sary fand, wie aus Kriuljany berichtet wird, -ein Pogrom statt, bei dem es fünfzehn Tote gab. Die „Swobodnaja Rjetsch", das im Herrschaftsgebiete Denikins erscheinende kadettische Organ, 'tritt besonders giftig gegen die Juden auf und verlangt, daß man -die Juden als „Fremde" erklären soll. * Die Schneekatastrophe in Jerusalem. Ter große Schneefall in Palästina, 'der zirka drei- Tage, vom 9. bis 12. Februar, andauerte und über ein Meter Höhe erreichte, verursachte in Jer-nsälem großen Schaden. Es gab -auch Menschenopfer, deren Zahl zur Stunde noch nicht festgestellt iverden konnte. Ueber hundert Gebäude, darunter die Zahnklinik des Rothschild- Spitals, das Schwesternheim der Hadassa, -das.M-ädchengymnastüm und die zwei Gebäu-de -der Cinemas „Zion" und „Jerusalem", sin-d ganz oder teilweise zerstört worden. Unzählige Bäiume wurden von dem Schnee -geknickt. Jerusalem war von der ganzein. Welt abgeschnitten, d-a 'der Eisenbahnverkehr eingestellt -wurde.. Auch Telegraph und Telephon mußten ihren Dienst unterbrechen. Der Verkehr in Jerusalenr selbst konnte nicht -aufrecht erhalten werden-. Da die Bewohner von. Jerusalem an solch -niedrige Deinperatur und an Schneestürme nicht gewöhnt sind, blieben sie in. den Häusern ei n geschlossen. Nicht einmal die Lebensin it-telgeschäsie wurden geöffnet, so daß -die Stadt der Hungersgefahr aus-gesetzt war-. Der Waad Hazirim mit Uffischkin und - Dr. Eder an der Spitze rüstete ein Hilsskorps von einigen hundert kräftigen,jungen- Leuten mit Lebensmitteln, Kohlen und Schneew egr äu m geräken aus, um den verschiedenen Stadtteilen Jerusalems Hilfe zu bringen. Außerdem wandte er sich an -die Regierung um Hilfe, die sofort ein Polizeitorps unter Aufsicht von Offizieren und nachher ein ganzes Bataillon Soldaten zur Verfügung stellte, d-ie den Schnee wegräumten. Auch der M-unizipalrat von Jerusalem beteiligte sich am Hilsswerk. Zehn Aerzte und fünszchn Krankenschwestern der Hadassa mit 'dein Verwalter Dr>. Riu-binow an der Spitze übernahmen den Sanitätsdienst. Sie durchquerten Tag- und Nacht die ärmeren Viertel, die am meisten gelitten hatten, und leisteten überall aufopfernde medizinische Hilfe. Munizipalrak, Wääd Hazirim und -Privatpersonen halsen vereinigt- .-allen,, ohne: Unter-