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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-26 · Heft 12-13 (26.3.1920) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 12-13 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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135 aber findet man in der erst vor kurzem erschienenen Schrift Wilhelm Meisters „Judas Schuldbuch", in dem fein unheilvolles Wirken auf Seite 83 folgendermaßen gekennzeichnet wird: „Es ist bei dieser Entwicklung natürlich, daß während des Krieges zum inneren Reichskanzler, zum beamteten Führer der deutschen Wirtschaft ein einseitiger Bankfachmann bestellt wurde: Helf fe r i ch, der bekanntlich auch auf die äußere Kriegspolitik einen in jedem- Betracht unheilvollen Einfluß ausgeüb-t hat. Seine Denkschrift von 1916 gegen den U-Boot-Krieg z. B. ist ein Muster gefährlicher Oberflächlichkeit. Sein gewandter Umfall im Januar 1917 ist ebenso kennzeichnend für die Tiefgründigkeit seiner U-eberzeugungen, wie seine mangelhaften Berechnungen über die unterdes angstammelten Vorräte Englands kennzeichnend für die Mängel seines Politischen und volkswirtschaftlichen Denkens in allen Dingen sind, die nicht reine Bankfragen betreffen. Deutschland verdankt diesem Manne, .den der Kaiser als „seinen Mann" -bezeichnete, viel Unheil. Ob er selbst Jude ist, wissen wir nicht. Auf jeden Fall gehört er zum echten Ringe der Prognostiker." Es ist ein Schauspiel für Götter, daß jetzt auch die Antisemiten gerade von diesem Manne alles Heil erwarten und daß dieser von der -Reaktion dazu ausersehen -worden ist, um die Steuerpolitik der gegenwärtigen Regierung zu bekämpfen. Deswegen hielt er ja auf dem letzten allgemeinen Parteitage der Konservativen das Referat über die neuen Steuern. Herr Helfserich ist bekanntlich als Kandidat der Deutschnationalen Volkspartei für die bevorstehenden Reichstagswählen in Pommern ausevsehen. Ausgerechnet in Pommern, dem antisemitischen Dorado! Wir .empfehlen seinen dortigen Gesinnungsgenossen für ihre Waihlflugblätter den Abdruck der Charakteristik, die Herr Wilhelm Meister von ihrem Helden entwirft. m Gegen den nationalistischen Bersanmrlrrngspöbel. Die Berliner Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft hat gegen die von nationalistischer Seite inszenierten Versammlungssprengungen, die jetzt in allen Orten Deutschlands planmäßig vorgenommen - werden, folgende Resolution angenommen: „Eine kriegsverrohte Soldateska hat am Freitag, den 20. Februar, in einer Versammlung des Bundes Neues Vaterland unter der Regie nationalistischer und deutschvölkischer Offiziere Herrn v. Gerlach, und noch verschiedene andere Teilnehmer in der bestialischsten Weise niedergeschlagen. Die Versammlung der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Friedensgesellschaft spricht neben ihrem schmerzlichsten Bedauern für Herrn v. Ger lach wegen des' .gegen ihn verübten Attentates ihre tiefe Empörung darüber aus, daß so etwas unter dem Schutz der verantwortlichen Behörden überhaupt möglich ist, um so mehr, als es sich hierbei nicht um einen vereinzelten Fall, sondern um ein Glied in einer fortlaufenden Kette handelt. Sie fordert auf d-as energischste, daß 1. der verantwortliche Reichswehrminister auf das schleunigste für die Entwaffnung, dieses gemei>ngefähr.lichen Gesindels sorgt; 2. daß der verantwortliche Minister des Innern der immer gefährlicher werdenden Judenhehe mit allen Machtmitteln entgegentritt; 3. daß die Polizeiliche Aufsichisbehörde der Pazifistischen, gegen jede Gewalt sich auslehnenden Gesinnung ebensoviel Schutz gewährt wie der chauvinistischen Hetze, die sich hier täglich mehr mit Propaganda des Fremdenhasses breitmachen darf; 4. daß die Gerichte die vorgefallenen Ausschreitungen mit allen Mitteln der gesetzlichen Sühne entgeigenfüihren, damit der Schein vermieden wird, als gäbe es in Deutschland feine Gerechtigkeit mehr, und dem Ausland nicht no-ch mehr Gründe in die Hand gespielt werden, uns Deutsche für eine unheilbar d-er Geiwaltverherrlichung verfallene Nation zu halten." Mit allem Nachdruck weist die Ortsgruppe Berlin der Deutschen Friedensgesellschast darauf hin, daß die vom Kriege geweckten bestialischen Instinkte, die man als nationale zu bezeichnen beliebt und die das Bestehen unserer werdenden Demokratie auf das ernste gefährden, nur gefesselt werden können, wenn die Energie der Regierung nicht immer wieder vor den Drahtziehern der Reaktion kapituliert und wenn ferner der pazifistische Geist auch im deutschen Volk Wurzel saßt. * Ein Wort für die Polnischen Juden spricht die „Allgemeine Zeitung", das offizielle Regierungsorgan. Wir entnehmen dieser Notiz folgende Ausführungen: In der letzten Zeit wurde wiederholt von Razzien im alten Scheunenviertel berichtet, und mit -einer gewissen Genugtuung lasen viele Leute, daß es gerade Polnisch-russische Juden sind, die von den behördlichen Maßnahmen betroffen wurden. Es war da von verbrecherischen Elementen die Rede, und allgemein ist man der Ansicht, daß gerade die Polnischen Juden diejenigen sind, die uns in unserer jetzigen Not am meisten schröpfen. Dieser Ansicht möchte ich einmal mit dem Hinweis darauf entgegentreten, daß unter den Polnischen Juden eine ganze Menge Leute sich befinden, die nach Deutschland kommen, um hier Arbeit zu verrichten. Daß natürlich unter einer großen Menschen» masse, die durch die Verhältnisse proletarisiert worden ist, sich, auch lichtscheues Gesindel befindet, soll natürlich nicht bestritten werden. Viel gefährlicher als die Polnischen Juden sind nach meinem Dafürhalten die neutralen Freunde aus Holland, Schweden und anderen Ländern sowie die Herrschaften aus den feindlichen Ländern, die uns jetzt mit ihrer Anwesenheit beehren. Diese Leute sind mit ihre in hochwertigen Gelde, mit dem sie uns auskaufen, eine viel größere Gefahr als die Polnischen Juden, und wenn man darauf hinweist, daß der Polnische Jude auch nur handeln und nicht arbeiten will (was nebenbei bemerkt noch nicht einmal stimmt), so soll man doch die Leute unter den christlichen Ausländern zeigen, die hierhergekommen find, unr zu arbeiten. Die Polizei hat neue Razzien unter den Schiebern angekündigt. Hoffentlich wird sie dann an den Schieberlokalen im vornehmen Westen, in denen in der Hauptsache westliche Ausländer verkehren, nicht vorübergehen. Ich selbst habe während des Krieges mehrere Monate als christlicher deutscher Soldat im Ghetto -einer russischl-polnischen Stadt gewohnt und uurß sagen, daß der Polnische Jude besser ist als sein Ruf. Der russische Pole ist kein sehr arbeitsfreudiger Mensch, und namentlich in den Städten überläßt er das Arbeiten gern den Juden. Der Beruf des Gepäckträgers aus dem Bahnhof, des Droschkenkutschers, des Straßenkehrers und viele andere -werden von den Juden in den polnischen Städten fast durchweg ausgeübt. Die Kameraden, die ebenso wie ich während des Krieges mit den Juden zu tun bekamen, werden mir bestätigen können, daß sie uns Deutschen gegenüber zum größten Teil sehr gastfreundlich gewesen sind. M M Man schreibt uns: In nationalen Zeitungen begegnet man dem Auszug aus einem Aussatz, den „ein höherer Stabsoffizier" in 'der nächsten Ausgabe der „Weltbühne" über mehrere unserer Heerführer veröffentlichen will. Von dem Generalobersten v. Heeringen sagt der Offizier folgendes: Welches eigentlich die Verdienste H e e r i n g e n s sind, ist schwer zu sagen. Als Kriegsminister war er vollkommen unmöglich und auch als Armeesührer im Kriege ist er nie irgendwo hervorgetreten. Er. saß ruhig in Laon, und es ging, das Gerücht, er sei längst versteinert. Seine Armee hieß das „schlafende Heer", denn bei ihr herrschte tiefer Friede. Leider geschah auch nichts für den Ausbau der rückwärtigen Stellungen; schon die zweite Stellung war nur lose abgesteckt, und als nachher an dieser Stelle die großen Durchbruchskämpfe am Chemin des Dames losgingen, war nichts vorbereitet, und alles «schimpfte und fluchte über die siebente Armee. Damals saß jedoch Heeringen längst in Hamburg, und sein Nachfolger Schubert mußte seine Unterlassungen ausbaden und „flog", während Heeringen die „Küstenverteidigun'g" leitete. Dieser Mann schien unabsetzbar zu sein. Er tauchte immer wieder irgendwo auf, vielleicht, weil er mit seinem weihen Vollbart so ehrwürdig aussah. Einem Uneingeweihten und Nichtmilitär ist es unmöglich, diese Bewertung des Heerführers v. H-eeringen nachzuprüfen. Es ist auch kaum glaubhaft zu machen, daß man einen fo völlig unzulänglichen Führer in eine Stellung von solch

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