Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Der Verfasser führt uns durch die verrufenen Häuser, in denen die Aermsten der Armen dahinvegetieren, schlimmer mie die Tiere. - Er zeigt uns nackt und bloß, wie jüdische Mädchen zu Dirnen wurden, weil dies die einzige Möglichkeit war, ihr Leben und das ihrer Familie zu fristen. Schließlich führt er uns noch durch ein Flüchtlingsheim, das kaum diesen Namen verdient. Wir stehen am Ende dieses Buches, von dem wir wünschten, daß cs in die Hände aller derer gelangte, die in ihrer satten Behaglichkeit nichts wissen wollen von dem Elend anderer und die vielleicht glauben, mit einer kargen Spende sich aller ihrer Verpflichtungen enthoben zu haben. Wir fürchten aber, daß das Buch nur von denen gelesen wird, denen die Natur schon ein weiches Herz und eine mitleidige Hand mit auf den Weg gegeben hat, und daß die anderen es schon bei Betrachtung der Bilder ungelesen svrtlegen werden. Dieses Buch wird einstmals in Hunderten von Jahren, wenn unsere Epoche wird von den Historikern späterer Zeiten studiert werden, den Kriegserinnerungen der Männer gegenübergestellt werden, die sich tzon ihrer Schuld rein zu waschen versuchten und die niemals geahnt haben, in was für Elend sie die Menschen durch ihren „frischen, fröhlichen" Krieg stürzten. Dr. Willy Cohn. Die Woche. Berlin, 24. März. ie ein Blitz vom heiteren Himmel traf am Sonnabend, den 13. d. M., die Berliner Bevölkerung die Nachricht, daß eine Militärrevolution ausgebrochen, die alte Regierung gestürzt und an deren Stelle eine neue, eine Regierung Kapp- Lüttwitz getreten sei. Bald war auch an allen Ecken und Enden Berlins folgende Proklamation der neuen Regierung zu lesen: „Tie bisherige Reichsregierung hat aufgehört zu sein. Die gesamte Staatsgewalt ist auf den Generallaudschaftsdircktor Kapp (Königsberg) als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident über gegangen. Zum militärischen Oberbefehlshaber und Reichswehrminister ist gleichzeitig vom Reichskanzler der General der Infanterie Freiherr v. Lüttwitz berufen worden. Eine neue Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat wird gebildet. Freiherr v. Lüttwitz, General der Infanterie. Kapp, Reichskanzler." Das erste, was diese neue Regierung der Ordnung und der Freiheit tat, war die militärische Besetzung der Zeitungen Berlins, um das Erscheinen der Blätter unmöglich zu machen. So bekam auch das „Berliner Tageblatt" eine militärische Besatzung und mußte bereits am Sonnabend vormittag seinen Betrieb schließen, und zwar einerseits, weil die Kapp-Leute das Erscheinen der Zeitungen des Mosseschen Verlags untersagten, und anderseits die Arbeiter in den Streik traten, aus welchem Grunde auch unser Blatt in der vorigen Woche nicht erscheinen konnte. Nur der deutschnationale „Berliner Lokalanzeiger", dessen politischer Redakteur Johannes W. Harnisch sehr bald als „Pressechef" in die Reichskanzlei berufen wurde, war in der Lage, tagelang alle Kundgebungen der Putschregierung, die meistens mit der Wahrheit in krassem Widerspruch standen, der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. In zwei weiteren Kundgebungen wurden die Nationalversammlung und die Preußische Landesversammlung kurzerhand einmal vom Reichskanzler Kapp und das andere Mal vom preußischen Ministerpräsidenten Kapp für aufgelöst erklärt. „Sobald die innere Ordnung wiederhergestellt ist", hieß es weiter darin, „werden wir zu verfassungsmäßigen Zuständen zurückkehren unb Neuwahlen ausschreiben." Der Ausnahmezustand wurde aufrechterhalten und General v. Lüttwitz die ausübende Gewalt über Berlin und Brandenburg übertragen. In der Nacht zum Sonntag erließ die Kapp-Regierung auf einem zweiseitig gedruckten Flugblatt eine neue, sehr umfangreiche Kundgebung, in der sie sich über ihre nächsten Aufgaben bereits ausführlich ausließ. Die Bevölkerung wurde einerseits mit der Gefahr des Bolschewismus eingeschüchtert und anderseits durch alle möglichen Versprechungen irregeführt. Unter anderem versprach die Kapp-Regierung, die demnächstige Zurückzahlung der Kriegsanleihen einzuleiten, die Finanz- und Steuerhoheit der Bundesstaaten wiederherzustellen und den ländlichen und städtischen Grundbesitz zu entsprechender Steuerleistung heranzuziehen. Die Arbeiterschaft wurde damit geködert, daß man ihr ganz allgemein versprach, sie bei der wirtschaftlichen Neuordnung Heranzuziehen und die soziale Gesetzgebung auszubauen. In verschiedenen Stadtteilen Prangten öffentliche Anschläge folgenden Inhalts: Das Mehl, das die Noske-Regicrung für die Juden zu Ostern bereitgestellt hat, wird an die Arbeiter verteilt. Ganz besonders charakteristisch in. dieser Kundgebung ist der Satz, der kurz und bündig bestimmt: „Absplitterungsversuche vom Reiche werden als Hoch- und Landesverrat standrechtlich erledigt." Obwohl die Kapp-Regierung sich als Hüter der Verfassung aufspielte, schloß ihre Kundgebung mit der Erklärung, daß (im Gegensatz zu der Verfassung) die Farben der deutschen Republik nunmehr schwarz-weiß-rot seien. Ueber die Einzelheiten des niederträchtigen Streiches, über seine Urheber und Mitschuldigen, unter denen geschlossen die Antisemiten, weste Kreise der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei sowie die „Nieder rrut den Juden" brüllende deutschvölkische akademische Jugend standen, wird noch eingehend zu sprechen sein. Das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit verurteilte diesen Streich iin dem es den- Generalstreik Proklamierte, der der Herrlichkeit der Kapp- Lüttwitz-Regierung ein schnelles Ende bereitete. Allein der Schäden, den die um Kapp und Lüttwitz gruppierten Verbrecher dem deutschen Volke in den wenigen Tagen ihrer Herrlichkeit zugefügt haben, ist vorläufig noch gar nicht abzuschätzen. Wie reden hier nicht von den schweren Verlusten an Menschen, die als Kämpfer für die Republik und die Revolution gefallen sind, sondern wir denken in diesem Zusammenhang in erster Linie an die wirtschaftlichen Schläge, die Deutschland infolge des wahnwitzigen Abenteuers erlitten hat. Da sind die Folgen nicht zu übersehen! * Herr H e l f f e r i ch ist jetzt der Held und Abgott der vereinigten Antisemiten, Deutschvölkischen und Deutschnationalen. Jede Auslassung des reaktionären Klüngels zeigt uns, wie sehr diesem die Affäre Helfferich--Erzberger willkommen rst, um daraus für seine Zwecke Kapital zu schlagen und namentlich weite Kreise der Bevölkerung davon abzulenken, daß gerade die Leute, die sich jetzt am lautesten über Erzberger entrüsten, und mit ihnen Herr Helfferich die Hauptschuld tragen an dem Elend, das über unser Vaterland herein-gebrochen ist. Wir sind weit davon entfernt, für Herrn Erzberger Partei zu ergreifen; aber das, was ihm Helfferich und seine Gesinnungsgenossen zur Last legen, gehört der Zeit des alten Regimes an, .und das neue Regime ist dadurch! nicht im geringsten kompromittiert, wie es die vereinigten Herren Reaktionäre und Judenfeinde gar zu gern leichtgläubigen Gemütern imputieren möchten. Sollte es manchem nicht zu denken geben, daß gerade Herr Helfferich zu der Zeit, als er noch an der Macht war, den Zielpunkt der schärfsten Angriffe der Antisemiten darstellte? Noch vor zwei Jahren bezeichnete ihn die „Deutsche Zeitung" nebst Herrn Kühlmann als „mephistophelische Typen" in dem antisemitischen Sinne natürlich, daß Goethe in der Figur des Mephisto jüdisches Wesen verkörpert hätte. Den Niederschlag der antisemitischen Anwürfe gegen Helfferich