Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 12-13 (26.3.1920)
- Date
- 1920-03-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 12/13 Allgemeine Berlin, 26. März 1920 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentlich. Abonnements «Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 XXL — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlags Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße. 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. als die Volks- und Religionsgemeinschaft. Er wendet sich Jüdisches Elend in Wien. Von Tr. Willy Cohn. — yUljuU .Die Woche. — Masarhks TO. Geburtstag. Von Tr. I. Eisenberg (Dobrisch b. Prag). — Adolf Bartels: „Lessing und die Juden." Von Ludwig Geiger. — Die Tragik im Leben eines indischen Dichters. Von I. Herz b e r g (Bromberg). ^Fortsetzung.! — tV e u i l l e t o n : Herfch Meilech. Von Elias N ach t: (Berlin). sSchlutz.! — Der Golem von Notdenburg. Von M. Schweitzer (München). — Literarische Mitteilung e n. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgenreinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg, Beuthen, Breslau, Hamburg. Chemnitz, Leipzig, München, Bad Homburg, Mannheim, London, Warschau. Von Nah und Fern. Jüdisches Liend in Wien. s ist ein flammendes Buch der Anklage, das Bruno Frei soeben im Verlage von R. Löwit in Wien erscheinen ließ und das nicht weniger durch seine Worte wie durch seine Bilder uns packt. Man kann es nicht verstehen, daß heute noch, nachdem der Weltkrieg schon anderthalb Jahre vorüber ist, so schauriges Elend in einer Stadt herrscht und daß nicht die ganze Menschheit es als ihre vornehmste Pflicht erachtet, sich für seine Beseitigung einzusetzen. Hat dies Elend bekanntlich die gesamte Wiener Bevölkerung gepackt, so ganz besonders die ungeheuren Mengen jüdischer Flüchtlinge, die durch die Kriegsschicksale aus aller Welt nach der einst so lachenden Stadt an der Donau verschlagen worden sind. Man kann es dem Verfasser nicht übel nehmen, daß er bei der Schilderung dieser schauervollen Zustände nicht immer die Ruhe der Darstellung bewährt und daß das ganze Buch zu einer Anklageschrift gegen den bürgerlichen Kapitalismus wird, der 'solche Zustände gestaltet. Er reißt mit erbarmungsloser Hand den Vorhang weg von -all dem Elend, von dem alle die weichlichen Menschen nichts wissen wollen, die in ihrer satten Selbstgenügsamkeit fürchten, daß der Anblick des Elends ihnen die Freude an ihrem Genußleben verstört. „Wir müssen wissen, wie und wo der Bettler haust, dem wir ein Almosen schenken, wir müssen sehen, wie die Kinder ohne Vater und Mutter weiterhungern und, :jo lange sie können, an den kriegsgekochten Rüben nagen, wir müssen zuschauen, wie der arbeitslose Hilfsarbeiter in seiner kleinen Kammer verhungert, so wie ihm seine Frau zuschauen mußte, ohne ihm helfen zu können." In einem besonderen Kapitel beschäftigt er sich mit dem jüdischen Elend und dem Antisemitismus. Er stellt fest, daß es absurd ist zu behaupten, daß die Juden eine einheitliche Wirtschaftsklasse bilden. Neben dem jüdischen Bankier und dem Großindustriellen gibt es das jüdische Elend ebenso mannigfaltig und reichhaltig wie bei den Nichtjuden. Und es ist falsch, wenn man über dem jüdischen Klein- und Großbürger den jüdischen Proletarier vergißt. Durch den Hinweis auf das jüdische Elend wird dem Antisemitismus das lächerliche Argument von dem allgemeinen Wohlstand der Juden genommen. Nicht weniger Feind als der Antisemit' ist in den Augen Freis der jüdische Bürger für den jüdischen Proletarier. Er betont, daß der Klassengegensatz stärker ist dagegen, daß diese Hyänen der Menschheit, die sich, eben gleichmäßig unter den verschiedenen Glaubensbekenntnissen befinden, mit der Wohltätigkeit allein ihrer Verpflichtung gegen ähre Mitmenschen sich zu entledigen glauben, ^ln Stelle der Wohltätigkeit muß die Gerechtigkeit treten. Die freiwilligen Spenden können niemals ausreichen, das Elend aus der Welt zu schaffen. Hier kann nur eine Zwangsbesteuerung der Besitzenden Helsen. Nach den einleitenden Kapiteln geht nun der Verfasser im besonderen zu der Schilderung des jüdischen Elends in Wien über und versucht zunächst eine Statistik zu geben. Wir wollen und können an dieser Stelle im einzelnen darauf nicht eingehen, und wollen an dieser Stelle nur die Tatsache hervorheben, daß der Gesamtzahl der jüdischen Leichenbegängnisse in Wien aus dem Jahre 1913 in einer Höhe von 2501 Beerdigungen die aus dem Jahre 1918 in einer Höhe von 4035 Beerdigungen gegenübersteht. Man darf vielleicht die Toten nicht beklagen, die dies schaurige Elend in Wien überwunden haben. Aber wehe wird uns ums Herz, wenn wir von dem Wohnungselend der Juden lesen. Auch dies läßt sich im einzelnen hier nicht wiedergeben. Nur in einem vollen Wohnungssozialismus sieht der Verfasser die einzig wirksame und einzig mögliche Wohnungssürs orge. Das schaurigste Kapitel aber ist das vom Elend der Kinder. „Ein zugrunde gegangenes Kind ist eine Leiche, und eine Leiche ist nichts Schreckliches. Ein zugrunde gehendes Kind ist aber etwas Schreckliches, etwas so Schreckliches, daß es der, der es einmal gesehen, nie wieder aus seinem Bewußtsein löschen kann." Hier sprechen die Bilder für sich, unter denen wir eins finden, das uns ein armseliges Geschöpschen von sieben Jahren zeigt, das nur 8,4 Kilogramm.wiegt. Die Verwahrlosung der Jugend hat unter der jüdischen Jugend ebenso wie unter der nichtjüdischen Jugend Wiens die furchtbarsten Fortschritte gemacht. Eine freudlose Jugend ist diesen Kindern beschert. -,Das Joch der Armut drückt die zarten Nacken weit schmerzhafter als die lastgewohnten Schultern der Erwachsenen. Es beginnt aber in der Welt die Erkenntnis zu tagen, daß der Hunger unschuldiger Kinder kein Naturgesetz sei. Vielleicht sind wir die Letzten, die es mit ansehen mußten." Ruhelos ist der Verfasser durch die Straßen Wiens gewandert. Er hat ein Bilderbuch gesammelt von den schaurigen Zuständen unter diesen Aermsten der Armen von Wien. Er führt uns in die „Dunkelkammer", ein Loch, in dem eine Frau mit zwei Kindern haust, er führt uns in das Ghetto, in dem in unerhörter Weise zusammengepfercht unsere Stammesgenossen Hausen. Er schildert die geistige Arbeitslosigkeit in der Person eines einundsechzigjährigen Inden, der durch das allgemeine Elend immer tiefer sinkt, bis er halb irre zum Bettler wird. „Geistige Arbeitslosigkeit macht aus dem hochbegabten-Menschen ein Betteltier."