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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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84. Jahrgang. Nr. 11 Berlin, 12. März 1920 Der Gememdedore. Drllsgc zur „Allgemeinen Lciruiig dcL Judentums". Lorrrspondrv?kn und Kachrichtrn. SkutschlsnL. ### Berlin, 9. März. Dem soeben erschienenen ersten Geschäftsbericht der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der die Zeit vom 9. September 1917 bis 1. September 1919 umfaßt, entnehmen wir die zum Schluß unter d) „Allgemeine Wohlfahrtspflege" mitgeteilten Einzelheiten: Ein besonderes Arbeitsgebiet umfassen die Maßnahmen, die auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege infolge des Krieges bzw. des Kriegsendes notwendig geworden sind. Hierher gehört zunächst die Fürsorge für Kriegsblinde. Auf Veranlassung der Zentralwohlsahrtsstelle wurde mit dem Vorstand der Jüdischen Blindenanstalt von Deutschland in Groß-Berlin (Sitz Steglitz) vereinbart, daß für jeden einzelnen Kriegsblinden im Bedarfsfälle von der Blindenanstalt ein Pfleger bestellt werden soll, der ihn und seine Familie betraut. Es wurden von der Zentralwohlfahrtsstelle die Verhältnisse der einzelnen jüdischen Kriegsblinden festgestellt und das gesamte Material zur weiteren Bearbeitung der Blindenanstalt übergeben. Den jüdischen Kriegsbeschädigten hat die Zentralwohlfahrtsstelle ihr Interesse bei Verhandlungen mit dem Reichsausschutz der Kriegsbeschädigtenfürforge gezeigt. Der Reichsausschuß der Kriegsbeschädiatenfürsorge ist mit; ein Ersuchen um Mitwirkung der Zentralwohlfahrtsstelle bei der Kriegsbeschädigtensürsvrge herangetreten, und es wurden die Organisationen, die dem genannten Ausschuß nngeschlossen sind, sowie die behördlichen Stellen angewiesen, jüdische Kriegsbeschädigte in gleicher Weise wie die anderen zu behandeln. Nur in den Fällen, in denen auf Grund der Zugehörigkeit zum Judentum eine besonders individuelle Fürsorge notwendig ist (rituelle Verpflegung, Heilbehandlung, Berussumfchichtung usw.), sollen die betreffenden Hauptfürsoraeorganisationen anoewLesen werden, sich von Fall zu Fall mit den lokalen jüdischen Fürsorgestellen in Verbindung zu setzen mtfc durch diese eine ergänzende Fürsorge ansüben zu lassen. Es wurde dafür geborgt, daß dieses zur Kenntnis sämtlicher Gemeinden gelanate und von dein Reichsausschuß sämtlichen ihm angeschlossenen Organisationen hierüber Mitteilung gemacht wurde. In eine praktische Fürsorge für die Kriegsbeschädigten wurde dadurch ein getreten, daß von der bereits oben genannten Gesellschaft, welche das Knabenerziehungsheim in der Nähe von Groß-Berlin gegründet hat, ein größerer Teil des Geländes — 60 Morgen — für die Niederlassung von Kriegsbefchädigten bereitgestellt wurde. Es können ans diesem Gelände etwa 15 Familien durch gärtnerische oder landwirtschaftliche Betätigung ihren Unterhalt finden, irnb es ist damit ein Anfang gemacht in der Schaffung jüdischer Siedlungsgenossenschaften. In diesem Zusammenhänge sei noch folgendes berichtet: Vor kurzem hatte der Verein. „Rückwandererhilfe", welcher sich zur Aufgabe gestellt hat, durch öffentliche Sammlungen Mittel zur Linderung der Not der vertriebenen Auslandsdeut'chen aufzubringen, an die Zentralwohlfahrtsstelle mit dem Ersuchen gewandt, die jüdische Oeffentlichkeit in Deutschland für die Förderung der Sammlung zu gewinnen. Ans der Erwägung heraus, daß es sich hier um ein vaterländisches Unternehmen handelt, das den vertriebenen Ausländsdeutschen ohne Unterschied der Konfession zugute kommen soll, ist die Zen-tralwnhlfahrtsstelle der Sache näher getreten und hat beschlossen, sich für eine möglichst wirksame Unterstützung, der Sammlung innerhalb der deutschen Jndenheit einzusetzen, nachdem schriftlich vom Vorstand der „Rückwandererhilfe" nachstehende Erklärungen abgegeben worden sind: 1. Die Vereinigung verfolgt weder politische noch konfessionelle Ziele, mithin Huben bei Verwendung der vom Verein „Rückwanderer- Hilfe" zum Wohl vertriebener Auslandsdeutfcher gesammelten Gelder die Angehörigen aller Konfessionen auf gleichmäßige wohlwollende Behandlung mit Bestimmtheit zu rechnen. 2. Es muß jeder sich meldende jüdische Rückwanderer von jeder Abfertigungsstelle der „Rückwandererhilfe" bei der Zentralwohlsahrtsstelle gemeldet werden, damit eine Einwirkung der jeweilig zuständigen jüdischen Hilfsstellen ermöglicht werden kann. 3. Es sind der betreffenden Hilfsstelle von seiten der „Rückwandererhilfe" in den von ihr behandelten Fällen die beiderseitig als nötig erachteten Mittel unter dem Vorbehalt vorhandener Mittel und in dem Rahmen der allgemeinen Rick/linien der „Rückwandererhilfe" zur Verfügung zu stellen. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß die Zentralwohlfahrtsstelle in beut jüdischen Arbeiterfürsorgeamt, das sich mit ostjüdischen Arbeiterfcagen besaßt, vertreten ist, dor-t nach Kräften mitarbeitet, und daß" ferner an die größten Gemeinden, Vereine und Stiftungen die Aufforderung gerichtet wunde, Mittel für Kriegsbeschädigte aus ihren Fonds bereitzustellen, soweit sie statutengemäß hierzu in der Lage sind. SS Berlin, 9. März. Herr Justizrat Dr. Kämpfer aus Posen, der sich jetzt dauernd in Berlin niedergelassen hat, sprach am 2. d. Nt. im Jüdisch^liberalen Jugendverein zu Berlin über das Thema: „Was ist uns Judentum? Heute und für immer." Der Vortragende zeigte, wie der Krieg, der 30 Monate lang die Sittlichkeit der Welt aerrüfM bat, eine Demoralisation schlimmster Art bat einreißen taffen. Die Sucht nach Besitz, der Tanz ums goldene Kalb, wie er es nannte, lasse jeden ethischen Menschen einen Ekel ergreifen. Da sei es dringendes Bedürfnis, sich auf einen idealen Punkt zurückzuzieben, wo Recht und Moral nicht r^at^ve. sondern absolute Begrifie sind. Diesen Weg weise uns unser Judentum mit seiner unverrückbaren Sittenlehre. Es sei die Religion der Lebensbejabung. Aber zwischen dieser und der heutigen Unmoral sei eine unüberbrückbare Klint. Der Jude solle den höchsten Gipfel der Sittlichkeit erklimmen. Das zeige besonders das messianische Ideal, das aus eine Zeit Hinweise, wo alle Menschen edel sein werden. Mögen noch so schwere wirkschaftliche Ereignisse die moralischen Begriffe verwirren, für die Juden seien sie unverrückbar und unvergänglich. Die Sittenlehre mache das Grnndwesen unserer Religion aus. Allerdings kämen dazu auch Formen, Gebete und gemeinschaftliche Uebung, ans die auch der Liberalismus niemals verzichten könne. Für uns aber seien sie, im Gegensatz zur Orthodoxie, nicht unwandelbar. Nur insoweit forderten wir religiöse Betätigung, als sie religiöse Befriedigung gewähren könne. Das stelle keinen grundsätzlichen Gegensatz zur Orthodoxie dar. Was den Zionismus betreffe, so werden wir heute den Richtungen erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden müssen, die eine große Wegestrecke mit uns gemeinsam zurücklegen können. Für Zollschan sei der Zionismus lediglich ein Palästinaproblem. Während wir soweit mit ihm einig seien, glaubten wir nicht, daß damit die Judenfrage gelöst sei. Uns gelüste nicht nach den Rechten nationaler Minderheiten. Wir waren durch unser kulturelles Leben unlöslich mit dem deutschen Vaterlande verknüpft. Weil aber der Zionismus die glücklichste Lösung der osteuropäischen Judenfrage sei, müßten wir eine große Wegstrecke mit den Zionisten gemeinschaftlich gehen. Die Not der Zeit erfordere das in höchstem Maße. Wenn wir die Reihen gegen den Antisemitismus schließen, so bedeute das keineswegs ein Verwischen der Gegensätze zwischen den Richtungen. Heute mehr denn je tue eine starke innere Selbsteinkehr, ein Gefühl der gegenseitigen Verantwortung not. Ein Verband der gesamten deutschen Jndenheit müsse kommen, ohne den es kein Vorwärtskommen gebe. Das sei liberales Judentum, dessen Wesen es sei, allen Richtungen gerecht zu werden. Im Kampf um die eigene Idee sollten sie nie vergessen, was uns eine. Die Liebe zum Judentum allein, so schloß der Redner unter lebhaftem Beifall, ist imstande, uns über die furchtbare Not der Zeit hinwegzusitzen. --Eine lebhafte Diskussion beschloß den interessanten Abend. Botho Laser st ei n. # v- Berlin, 9. Mürz. Die A rbeitsge m e i n s ch a f t der B e a in t e n b e r I ü d i f che n Ge nt e in d e beriet in ihrer letzten Sitzung über einen Antrag, mit den Angestellten der jüdischen Organisationen zwecks Ausgestaltung der Arbeitsgemeinschaft zu einer Organisation der Angestellten der jüdischen Gemeinden und Organisationen Deutschlands in Verbindung zu treten. Es wurde beschlossen, zunächst mit den Angestellten der jüdischen Organisationen Berlins Fühlung zu nehmen und, falls hierfür Stimmung vorhanden ist. eine öffentliche Versammlung der in Betracht kommenden Angestelltenschaft c-inzuberufen, die dann zu der Frage der Organisation Stellung nehmen soll. Eintrittspreis 4 Mark einschließlich Steuer. Eintrittskarten' sind schon jetzt bei sämtlichen Vertrauensleuten zu haben. Die im Zentralverband der Angestellten organisierten jüdischen Gemeindebeamten bilden gemeinsam mit den Angestellten der jüdischen Organisationen, der gemeinnützigen Vereine und der anderen

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