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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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.181 -— tttan denn mit der Natur nicht in ein engeres, geschmeidigeres Bänd eingehen, wie mit einem Atom derselben? Ich verehre die Natur.weit mehr als ihre Atome, die zur Vollkommenheit nie gelangen. Wo aber kommt die Natur wohl am besten zum Ausdrucke, doch nur aus dem Lande, dem Paradies der Schöpfung, wo alle ihre Kreationen lebendig vor ihren Kindern hervortreten. Hier stellt die Natur eine Macht vor,» die jede andere zwerghast erscheinen läßt. Die Sprache, die sie durch Bäume und Bäche, durch Winde und Stürme sprechen läßt, ist so verständlich, daß sie einen Dolmetscher überflüssig macht. Ein jedes Ding in ihr atmet und lebt. Das weidende Vieh scheint große Gedanken zu hegen. Die seltensten Vögel halten ihr philharmonisches Konzert ah, ohne kritisiert und bekrittelt zu werden. Das Gedeihen der Brotsrucht, von deren Wichtigkeit der Stadtmensch erst dann eine Ahnung erhält, wenn sie ihm fehlt, das Grünen der Wiesen und Weiden, das Blühen der Bäume und Pflanzen, das Schäumen des Baches, der Sonnenuntergang und unendlich viele andere Naturschöpfungen sind Zauberreize des Landes, des Dorfes. ’ Der Hauptanziehungspunkt in jeder Landschaft ist die Stelle, wo Himmel und Erde einander berühren. Seit ich der Stadt den Rücken gekehrt habe, lebe ich mit der Natur in ungesetzlicher Ehe, da sie die wahre Verbindung zweier entgegengesetzter Pole darstellt. Einen großen Vorteil besitzt sie noch, diese Ehehälfte: man überrascht sie im Negligee, ihre Schönheit bricht überall herein. Von all den Kindern der Natur ist der Mensch der König in ihrem Palaste. Sobald er fehlt, ist sie die Unvollkommenheit. Auch sie will, wie alles in ihr, begeistert und bewundert werden. Das Streben, zum Ziele der Vollkommenheit zu gelangen, erreicht nur dann den Zenit, wenn eine Bewunderung, ein Anstaunen vorhanden ist. Wer kann nun besser und verständiger bewundern und angaffen als der Mensch? So wie er die Natur anstaunt, ebenso gafft er feinen Nebenmem'chen an. Er bewundert, beneidet und selten bedauert er ihn. Ich will nun einmal ganz unparteiisch sein und eine Persönlichkeit, die wert ist, .bekannt zu werden, hier besprechen. Es ist eine Dorfpersönlichkeit. Auch Städte weisen oft solche vielbesprochenen Sonderlinge auf, doch erscheinen sie nicht so auf der Bildstäche, wie das in einem Dorfe geschieht, dazu noch in einem galizischen. Das Dorf liegt in der geistigen Oase, denn was zwischen Lemberg und Czernowitz liegt, gehört zu dieser Welt, da Kultur keinen Zugang hat, oder, besser ausgedrückt, man führt ihnen keine zu, daher wurde der Eingang hermetisch verschlossen. Doch nun zur Sache. Wer kennt den Hersch Mejlech nicht? Fragt mal die Bauern und die Juden. Ja, sogar das Viehstück kennt ihn ... Er ist mit jüdischer Thora und ebensolchem Witz „vollgestopft". Mit Krämerwaren, Bearbeiten des Feldes und Volksvermehrung vollauf beschäftigt. Vernachlässigt dadurch keinesfalls die Politrk und die Religion. Da kommt er mir gerade entgegen, Lasten wir ihn am besten selber seinen Lebenslauf schildern: „Ich. bin ein Jüd. Man erkennt mich als solchen an dem Bart und Pejes, und dann erinnern mich die Bauern zu oft daran, denn entweder meinen sie, daß ich das nicht weiß, oder daß ich namenlos zur Welt gekommen wäre. Aber ihre Meinung ist eben nur bäuerisch. Mein Vater hat mich ja nie vergessen lasten, daß ich. zum Judentum gehöre, und einen Namen — sogar drei —- hat er mir auch gegeben, um mit Gojim nicht verwechselt zu werden. Es ist ganz gut, daß ich einen Namen bekommen habe; dadurch weiß ein jeder, von welcher Familie ich abstarnme, und man gibt mir den gebührenden Kowed (Ehre) bei jeder Gelegenheit; bin ich doch der Sohn eines Rebben; Eines Rebben Söhn zu sein ist nicht jedem gegeben, man muß schon dazu von Gott auserwählt worden sein. Und ich bin es. Mein Tatte - sichronv liwrvchv - war ein angesehener Rebbe in .der ganzen Gegend: man kam . zu ihm aus-den entlegensten Orten um' Rat befragen, über wichtige und unwichtige Dinge seine Entscheidung -entgegenzunehmen. Kranken mußte er helfen, kurz und gut, er war ein durch Gottes Mund Sprechender. Was der Rebbe entschied, das galt als eine Heiligkeit, als hätte selbst der Allmächtige das Wort gesprochen. Meine Erziehung war dementsprechend eine streng orthodoxe. Ich wurde Tag und Nacht überwacht, um ,ja keine rituellen Fehler zu begehen, denn diese hätten mir die Vertreibung aus dem Elternhause eingebracht. Früh genug wurde ich in alle Riten und Gebräuche eingeweiht. Ich mußte das Cheder (Schulzimmer) besuchen, wo ich mir die jüdischen Elementarkenntnisse erworben habe. Der Melamed (Lehrer) wußte durch gute Worte und Geschenke, ebenso durch Humor, uns an die trockene Wissenschaft zu fesseln. Man gewöhnte mich, den Kopf zwischen den Händen zu halten, um über Selbstverständliches so besser Nachdenken zu können. Die Chederluft war für unsere Gesundheit sehr gefährlich, denn es wurde weder gelüftet, noch gesäubert; wenn die Sonne durch die Fenster schien, konnte man die Stäubchen in der Luft herümfliegen sehen. Dazu kam noch das fortwährende Ausspucken und Schnäuzen der Nase. Mit der Zeit sah das Lehrzimmer eher einem Teich« als einem geweihten Hause ähnlich. Ich habe selten die Lust und Liebe zu dieser Art von Lernen bezeugt, eine andere war und ist bei uns verpönt; dafür erhielt ich denn ab und zu zur Aufmunterung Schläge. Ich wurde über die Bank gelegt und - da gab es 25. Dies zwang mich zum Nachdenken, und ich erfand ein nachahmenswertes Mittel, um mich vor den entstandenen Schmerzen zu schützen. Die Ausfütterung des Hosenbodens leistete mir vorzügliche Dienste. Vom Cheder kam ich in die Tälmud-Thora-Schule, wo ich mein Gehirn schon mehr anstrengen mußte. So lernte ich dann noch Chumesch, Dikdik (Grammatik), Nascht, Gemara usw. Zu Hause verfolgte ich die täglichen Ereignisse mit besonderem Interesse. Da kam einer und verlangte von meinem Vater, er möchte ihm helfen, seine Frau läge im Sterben, und er wäre dadurch in Verzweiflung, denn sie hinterlicße ein volles Haus mit Kindern. Mein Vater half ihm . . . Die feinsten Geschenke kamen zu uns ins Haus. Um den Vater drehten sich viele Schmarotzer, die ständig nach Tisch die Teller säuberten und die übriggebliebenen Reste vertilgten. Das war ihnen tägliche Beschäftigung, davon lebten sie und ihre Familie, und fühlten sich dabei sehr wohl, denn erstens sättigten sie sich, zweitens war das Essen gesegnet - - hat es doch der Rebbe berührt — und drittens waren sie versorgt, denn I sie hatten es nicht nötig, einer anstrengenden und unsicheren Beschäftigung nachzugehen. Dafür schaukelten sie den ganzen Tag ihren Körper über Folianten, die sie förmlich verschlangen. Auch viele Nächte opferten sie für diese ihre Studien. Meine Mamme — sichronv liwrvchv : erzog mich nach dem Vorbild ihres Gatten. Ich sollte ein Lamden «Gelehrter» werden. Mußte daher in alle Geheimnisse der jüdischen Wissenschaft eingeweiht sein. Ein Jeschiwobochur! Vor dem „Tesfilinlegen" gab es kein Essen. Nach dem Essen mußte man benschen (den Tischsegen sprechen), dann kam Mincha und Maariwgebet. So vergingen Tage, Monate und Jahre, bis ich Heiratskandidat wurde ... „Wissen Sie, Herr, wie man bei uns heiratet?" fragte er mich. Als ich die Frage verneinte, fuhr er fort: „Das Kind in der Wiege ist schon vergeben. Es weiß und erfährt auch bis zum Hochzeitstage nicht, wer der Gatte ist. Sicherlich wurde mit der Gründung der Welt auch ein Schadchen (Heiratsvermittler) erschaffen. Ein solcher wurde bei uns herangezogen, um zwei Menschen, die sich gar nicht kannten und daher auch nicht wußten, ob eine Uebereinstimmnng herrschen

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