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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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Im Jahre 1855 nahm Philippson den Plan wieder auf. diesmal mit besserem Erfolge. Am 12. Februar des -genannten Jahres erschien eine „Aufforderung an alle deutschlesenden Israeliten zur Gründung der israelitischen Literaturgesellschaft". Schon nach etwa zweieinhalb Monaten waren fünfzehnhundert Mitglieder gewonnen. Die Gründung des Instituts war somit gesichert. Zur Leitung -es Unternehmens verband sich Philippson zunächst mit dem Historiker I. M. Jost in Frankfurt a. M. und mit Adolph Jellinek, der damals Prediger in Leipzig war. Später traten noch Goldschmidt und Herzseld hinzu. ■ Welch großen Anklang das Institut fand, beweist die Tatsache, daß die Zahl der Mitglieder in kurzer Frist auf nahezu viertausend stieg. Achtzehn Jahre lang hat das Institut bestanden und durch die Menge und Gediegenheit der Werke, die es erscheinen ließ, durch die Fülle des Wissens, das es überallhin verbreitete, und durch die Ermunterung, welche es den Autoren zuteil werden ließ, reichen Segen gestiftet. Der erste, welcher infolge der -erlassenen Aufforderung• dem Institut eine Schrift zwecks Veröffentlichung übergab, war Abraham Geiger. Diese Schrift wurde jedoch nicht als erste vom Institut veröffentlicht. Vielmehr ließ es zuerst das Drama „Titus oder die Zerstörung von Jerusalem" von Julius Koharski erscheinen. Der Zufall spielte dem Verfasser dieser Zeilen die Briefe, welche Philippson mit Koharski zwecks Erwerbes und Drucklegung dieses Werkes gewechselt hat, in die Hände. Der Inhalt dieser Briese, die der hiesigen Stadtbibliothek übergeben wurden, gewährt einen Einblick in die dem Institut gewidmete Tätigkeit PhiliPPsons und zeigt zugleich, mit welchen Widerwärtigkeiten derselbe hier zu kämpfen hatte. Wir lernen aber auch die Tragik eines jüdischen Dichterlebens kennen, das von Kummer und Leid erfüllt war3). Am 15. Juni 1855 sandte der Kaufmann Hermann Jacobi in Bromberg infolge der vorerwähnten „Aufforderung" im Aufträge seines Freundes Julius Koharski4) ein dramatisches Gedicht in vier Aufzügen unter dem Titel „Titus oder die Zerstörung Jerusalems" für den „Israelitischen Literaturverein" ein. Der Verfasser wollte einstweilen anonym bleiben und ließ es daher unter der Devise „Wissen ist alles!" einreichen. Am 12. Oktober 1855 teilte Philippfon dem Einsender mir, daß er sowohl als auch Dr. Jellinek einverstanden seien, den j „Titus" von der „Israelitischen Literaturgesellschaft" überi nehmen zu lassen. Das Manuskript sei jetzt bei Dr. Jost in _ - . 3) Bekanntlich hat Philippson leider seine ausgebreitete Korrespondenz mit jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten, init Diplomaten und Staatsmännern, mit Gemeinden und Korporationen nicht gesammelt, vielmehr fast alle an ihn gerichteten Briefe und Zuschriften zum Leidwesen der jüdischen Geschichtsforscher» pernichtdt. Ein um so größeres Interesse -verdienen d-ie vorliegenden Briese. 4) Jul i u s (Jakobs Koharski wurde am 19. Dezcinber 1811 in Bromberg geboren (nicht im'Jahre. 1812, idle'es in. Brümmers „Lexikon der deutschen Dicht ckt und Prosaisten vom Beginn des 19, Jahrhunderts", 6. Auslage, 4. Band, heißt). Koharski führte ursprünglich den Familiennamen „Mirsel". Er sollte sich dem Kaufmannsstande widmen, ging aber nach Berlin und studierte an der Universität Philosophie und Philologie. Krankheit hemmte seine Studien, und er kehrte in seine Vaterstadt zurück, wo er als Schriftsteller tätig war und als Liebling-sstudium besonders die Numismatik pflegte. Als erstes Werk veröffentlichte Koharski 1840 „Gedichte an eine schöne Brombergerin". Außerdem verfaßte er neben dem „Titus": „Der Mönch von Meran", „Die Wallfahrt nach Palästina", „Sagen aus dem Movgenla-n-dc". Auch Kleins „Volkskalender für Israeliten" enthält verschiedene Beiträge von Koharski. Nach jahrelangem Leiden starb Koharski am 1. Juli 1879 in Bromberg. (Siehe auch: Herzberg, „Geschichte der Inden in Bromberg". I. Kanffmann, Frankfurt a. M., 1903.) Frankfurt a. M„ und er zweifle nicht, daß auch dieser zustimme. Indem Philippson um Angabe der Bedingungen bittet, unter welchen das Manuskript zu erhalten sei, betont er noch, daß es ihn freue, aussprechen zu können, daß er mit größtem Vergnügen das Werk dem Druck überliefere, das ihm als verdienstvoll erscheine. Hierauf erwiderte Jacobi unterm 19. Oktober, daß der Verfasser des „Titus" von Bromberg abwesend sei. Derselbe habe, da er sehr leidend sei, sich zu seiner Erholung auf© Land begeben, werde aber baldigst zurückkehren. „Ihr über das Werk ausgesprochene günstige Urteil", heißt es in dem Schreiben, „hat mich überrascht und in mir ein Gefühl der Freude und Rührung erregt, dem ich keinen entsprechenden Ausdruck zu geben vermag. Jedenfalls muß ich Ihnen, geehrtefter Herr Doktor, schon im voraus meinen tiefstgefühtten Dank sagen. Der in Rede stehende Dichter, dessen äußere Lage eine höchst betrübende, dessen körperliche Verfassung eine höchst schwächliche ist, erhält durch Ihre menschenfreundliche und fürsorgliche Aufmerksamkeit gegen seine jüngste geistige -Schöpfung Aufmunterung und Liebe zum Leben . . ." — Unterm 30. Oktober teilt Jacobi Philippson mit, daß der Autor nach Bromberg zurückgekehrt sei. Derselbe sei aber zu schwach, um selbst schreiben zu können. Er wünsche, daß er vor der Drucklegung seines Werkes die Korrektur desselben besorgen könne. Da er aber keine vollständige Abschrift besitze, bitte er, sobald Dr. Jost das Manuskript zurückgesandt habe, ihm dasselbe wieder zugehen zu lassen. „Hinsichtlich des Honorars für die Ueberlassung seines Werkes", heißt es dann auch in diesem Schreiben weiter, „überläßt es der Dichter ganz Ihrem Ermessen, indem er im Vertrauen zu Ihrem Edelmut ebenso wie zu Ihrer Sach- und Fachkenntnis voraussetzt, wie Sie es am besten zu würdigen wissen-, einen armen und kränklichen Dichter für ein Werk zu belohnen-, worauf er ein mühsames und jahrelanges Studium verwenden mußte. In Betracht dieser Umstände wollen Sie im Interesse des Dichters des „Titus" nach Maßgabe der dem Israelitischen Literaturverein zu Gebote stehenden baren Mittel -das möglichste Honorar befürworten und insbesondere für die etwa später erforderlich werdenden neuen Auflagen des in Rede stehenden Werkes dem Vorteile seines Verfassers nichts vergeben ..." Philippson antwortete hierauf folgendes: „In Beantwortung Ihres Geehrten vom 30. pr. habe ich zu bemerken, daß es mir leid tut, den „Titus" Ihnen nicht zurücksenden zu können, indem ich dachte, daß er druckreif sei und er bereits im Druck ist. Ich selbst mache die zweite Korrektur, die erste Dr. Jellinek in Leipzig. Will aber der Dichter sie haben — was freilich sehr aufhält —, so bitte ich um sofortige Nachricht. Glauben Sie mir, ein Dichter wird mit seiner Arbeit nie fertig, und das Feilenhat kein Ende. Ferner wollte -ich Sie -nun umgehend um den Namen des Verfassers bitten, da dieser jedenfalls auf dem Titel angegeben werden muß. -Was nun die Bedingungen betrifft, so wollen wir nach Vollendung des Werkes schon angemessem ins Reine kommen, indem ich Ihre Erklärung, daß Sie dieselben uns überlassen, zugrunde lege. Um baldige Antwort bittet Dr. Philippson. Magdeburg, 1. November 1855." Am folgenden Tage eröffnete Jacobi Philippson, daß der Dichter eine Unterbrechung des schon begonnenen Druckes nicht verlange, obwohl er eine nochmalige Durchsicht gern borgenommen hätte. Dann teilte er Philippson mit, daß der Autor „Julius Koharski" sei. Derselbe sei jedoch wegen Kränklichkeit noch außerstande, selbst ausführlich zu schreiben,

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