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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 ihre Gesundheit erforderlichen Maße nicht geben können- Werdet ihr unsere Bitte überhören, so wird ein ausgemergeltes, entnervtes Geschlecht heranwachsen, ohne Saft und Kraft, ohne Fähigkeit und Lust zur Arbeit. Unsere unglücklichen und bedauernswerten Kinder, die in den Jahren ihrer Entwicklung während des Krieges darben mußten, würden, wenn keine Hilfe von euch kommt, als Erwachsene das Heer der Armen vermehren; sie werden als Wanderbettler uns, aber auch euch im Auslande zur Last fallen. Darum gilt es jetzt vorzubeugen. Denkt an die sozialen Lehren unserer Thora, die uns gebietet, mit unserer Hilfe nicht zu warten, bis unser Bruder am Boden liegt, sondern ihm, wenn er nur wankt, helfend beizuspringen, ihm unter die Arme zu _ greifen, daß er nicht fällt. — So ergeht der dringende und herzliche Ruf an alle Edeldenkenden im Jnupd Auslande: Denket an die Kinder des Mittelstandes! Ltdome Werner. Zu ihrem 60. Geburtstag. ^W^eder Religionsunterricht hat K die Liebe zum Nächsten zum Inhalt, jeder Frauenverein sein sozialpolitisches Programm und jede größere Stadt beinahe ihre soziale Frauenschule. Und trotz alledem ist die Welt heute für nichts empfänglicher als für die Botschaft des Hasses. Ein wahrhaft mütterliches Herz, das sich durch „Hausfrömmigkeit" zur „Weltfrömmigkeit" durchringt, ist nur selten anzutreffen. S i d o n i e Werner, die am 16. d. M. 60 Jahre alt wird, brauchte nicht erst mühsam infolge elementarer Geschehnisse ihr soziales Herz zu entdecken! Damit ausgerüstet, kam sie schon aus einer vornehmen jüdischen Gelehrtenfamilie in Posen ganz jung nach Hamburg und wurde hier Volksschullehrerin. Der weiblichen Jugend, die auf der Schattenseite des Lebens steht und vor materiellem und sittlichem Elend geschützt werden muß, gehörte von jeher ihr wärmstes Interesse, und zwar im Geiste und in der Wahrheit! Als Vorsitzende des Israelitisch-humanitären Frauenvereins in Hamburg folgte sie den Spuren seines philanthropischen Gründers Gustav Tuch, schärfte das soziale Gewissen von Persönlichkeiten, die durch einflußreiche Stellung, Wissen, Bildung und Besitz verpflichtet sind, der Menschheit zu dienen, und regte sie zur lebensvollen Mitarbeit an. So gelang es chr in rascher Folge, ein jüdisches Mädchenheim, ein Kinderheim zu errichten, ferner ein Kindererholungsheim in Segeberg, dann daselbst, in schöner Lage, eine Gartenbauschule und eine Haushaltungsschule, der von Freunden und Gönnern des Unternehmens der Name „Sidonie-Werner-Heim" verliehen worden ist. In der Geschichte von Hamburgs weiblicher Kriegshilfe gebührt sodann ein Ruhmesblatt der weitverzweigten Für¬ Sidonie Werner. sorgearbeit für groß und klein, die Tausenden ohne Unterschied des Glaubens, Standes usw. zum Segen gereichte und von Sidonie Werner ersonnen, organisiert und mit begeisterter Vaterlands- und Menschenliebe jahrelang geleitet wurde. Wo immer jüdische Angelegenheiten bearbeitet werden, wie im Jüdischen Frauenbund, im Verein jüdischer Staatsbürger, ist sie mit dabei. Die Jubilarin steht noch in ihrer Vollkraft, und von ihrem unermüdlichen Tatendrang darf man die Lösung weiterer Aufgaben erwarten, die kulturelle Werte zur Gesundung und Erneuerung unserer Heimat schassen werden. Marie Beßmertny. Die Tragik im Leben eines jüdilchenDichters. Von I. Herzberg (Bromberg). ^^as leitende Moment L u dw i g P h i l i p p s o n s, des Begründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", war bei allen seinen Bestrebungen, „eine geistige Vereinigung der Juden aller Länder zu schaffen". „Er wollte in der gebildeten Masse das fast ganz erstorbene Interesse für die jüdische Literatur wecken und stärken, die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens, die Liebe und Anhänglichkeit für die Religion des Judentums und die Geschichte des jüdischen Namens anseuern, überhaupt das intellektuelle, religiöse und sittliche Wesen heben."^ Zu diesem.Zwecke faßte Philippson im Jahre 1843 den Plan, einen Literaturverein * ins Leben zu rufen. Schon hatte er die Statuten entworfen und veröffentlicht. Auch hatten viele bereits ihren Beitritt erklärt, u. a. Gabriel Rießer und Albert Cohn. Doch mußte Philippson einstweilen diesen Plan fallen lassen, denn „die Eifersüchteleien und die Zerfahrenheit der jüdischen Gelehrten", so erklärte er selbst, „ließen es nicht zu, sich eines Kindes anzunehmen, das eines anderen Vaters war". Dieser erste Mißerfolg schreckte Philippson nicht zurück, „der", wie Professor Dr. M. Philippson in der Biographie seines Vaters, die er den von 'ihm herausgegeberren „Gesammelten Schriften" desselben voranstellte, sagt, „es so recht verstand, der jüdischen Volksseele ihr -innerstes Bedürfnis abzulcruschen, es in ihr zur wecken, durch das rechte Wort und durch Mittel zum vollen Bewußtsein zu bringen und zu befriedigen"-)'. * * 1) Ludwig PH i tipp so n. Eine Biographie von M. K -ay s e rl i n g. Leipzig, Hermann Mendelssohn. 1898. -) G c j a m in e >l t e Schriften von L u d w i g P h i lippso n. Herausgegeben von Dr. M. Ph iil rPP s on, Professor (Breslau). — Auffallenderweise wird in dieser Ausgabe der den L. PhilippsoNischen Schriften voriangestellten Biographie Philippsons von diesem gescheiterten Plane des Jahres 1843 nichts erwähnt.

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