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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
Seite 127 (sequence 7)
Language
German
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::4 * Das; System tiefer ‘ Steuern', wie auch deren Hohe wird von jedem - einzelnen- .Gemeinderat bestimmt und vom Minister für jüdische Angelegenheit bestätigt. 5 Die Steuer, die jeder einzelne zu zahlen hat, darf nicht größer fein, als die Summe der staatlichen und munizipalen Steuern, die derselbe Steuerpflichtige tm gleichen Jahre zu zahlen hat. 6. Die Steuern ziehen die Gemeinden selbst ein- und hinterlegen sie in den staatlichen Sparkassen. Bei denjenigen, die die Steuern nicht bezahlt haben-, werden 'diese auf Grund der allgemeinen Ordnung der Steuereinziehung erhoben. Falls es dazu kommt, diese 'Steuern bei jemandein -einzumahnen, der -noch nicht gezahlt hat, werden die schuldigen Regierungssteuern vor den Gemeindesteuern gedeckt. 7.. Wegen der. Ausführungsverordnung, dieses Gesetzes erläßt der Minister für jüdische Angelegenheiten nach Verständigung, mit -den betreffenden Ministerien eine besondere Instruktion^ Jüdische Kulturarbeit im Sowjetrutzlarrv. Laut einem Bericht des Wil-naer Journalistenvereins wird in Moskau durch das jüdische Kommissariat eine Wochenschrist „Kultur und .Bildung" herausgeg-eben. In Homel 'erscheint der „Gorepaschnik" und 'dreinial wöchentlich der bundisti-sche „Wecker". In allen diesen Zeitungen ist die jiddische Orthographie der hebräischen Wörter durchgesührt. Ihr literarischer Wert ist ein sehr geringes. Jüdische Bücher lverden fast gar nicht gedruckt, hauptsächlich wegen der technischen Schwierigkeiten und des Papiermangels. Andererseits werden aber eine ganze Reihe höchst nächtiger Ausgaben vorbereitet, und es wird sich beim Wegfall der technischen Schwierigkeiten Herausstellen, daß selbst unter den schweren Bedingungen, die.jetzt in Rußland v-orliegen, nicht wenig für die jüdische Literatur getan wurde. So schreibt Dubrww in jiddischer Sprache die Geschichte des Chassidismus ans Grund von Archiivmaterial; I. Zin'berg arbeitet an der Literaturgeschichte des jüdischen Volkes (in allen Sprachen) nach dem Abschlüsse des Talmud: der erste jiddische Band dieses höchst wichtigen Werkes ist bereits vollendet. Außerdem wird eine ganze Reihe wissenschaftlicher Werke in jiddischer Sprache durch den Berlag der Petersburger Gesellschaft „Mesizei Haskalah" vorbereitet. Der junge Kulischer hat eine jüdische Wirtschastsgeschichte .geschrieben-. Pros. London und Dr. Eliaschew Haben in Jiddisch eine Biologie herausgegebeu. Die Gesellschaft „Oze" bereitet verschiedene Arbeiten aus den: Gebiete der Atedizin und Hygiene vor. Am bedeutendsten jedoch ist, d-ast auch an einer jüdischen Enzyklopädie bereits gearbeitet wird. An der Spitze dieses Unternehmens^ steht die „Perez"-Gesellschast, die für diesen Zweck vom» Bild-ungsko-nunisfariak eine Subvention -von- 2 Millionen erhalten hat. Die Enzyklopädie soll ein-en Umfang von 600 Truckbogen haben, wovon bereits 25 Bogen vollendet sind. Gedruckt soll sie erst nach ihrer vollständigen Fertigstellung werden, da bei der jetzigen Isolierung Rußlands von der ganzen Welt viele Abteilungen nicht gehörig bearbeitet werden können. Im allgemeinen kann man behaupten, daß es im jetzigen Rußland nicht an Geldmitteln für jüdisch-literarische Unternehmungen fehlt;.groß ist .jedoch der Mangel an' literarischen Kräften. J. P Z. jfrrienerhollms für Linder des Wittelttandes. Von Dr. E. Fi nkek (Berlin). Beit etwa vier Jahrzehnten besteht die schöne Einrichtung der Ausrüstung von Ferienkolonien jüdischer-Kinder; sie ist auf eine Anregu'ng der ^Deutschen Reichsloge „Bne Brith" Zurückzuführen, die im Sommer .1882 bald nach ihrer Begründung die ersten FeriertMo nisten aussandte. Molchen Segen diese Wohlsahrtsinstitut^or^ gebracht hat-, braucht nicht weiter ausgeführt ^u werden; -es^enügst,'au^ das alte Wort hinzuweisen: Unsere.Kinder sind unsere Zukunft. Die Vereine und Ausschüsse, die sich mit der' löblich'en"Aufgabe beschäftigen, pflegen gewöhnlich zu Beginn des Frühjahrs ihre Vorbereitungen zu treffen: Gelder zu sammeln, Ferienheime einznrichten- Unterkunft bei edeldenkenden Familien zu besorgen, um rechtzeitig ihre Schützlinge in die für sie bestimmten Orte senden und ihnen Kräftigung und Erholung während der Ferienmonate gewähren zu können. Die Objekte der Fürsorge waren bis jetzt vornehmlich Kinder, aus.d e n ä r .m e r e n Klassen, da die anderen Bevölkerungsschichten für ihre Kinder selbst zu sorgen imstande, waren. Der Krieg mit seinen bösen Folgen, die überhastete Staatsumwälzung, die rücksichtslosen Lohnkämpfe ufw. haben die Verhältnisse in unserem Vaterland in vielfacher Weise geändert; der Mittelstand ist finanziell stark geschwächt worden, er Hai am meisten gelitten. Die wenigen Ersparnisse, die der eine oder der andere besaß, wurden durch die fabelhaften Preiserhöhungen, ausgezehrt. Da der Mittelstand nicht in der Lage ist wie der Arbeiter, sein Einkommen entsprechend der Teuerung schnell herauszuschrauben, so . ist er der leidtragendste Teil aller Bevölkerungsklassen...^.,IH.L.e.yk^..M..idie Beamten verschiedenster Kategorien, an dre' Rähbiner, Volks- und Mittelschullehrer, Verwaltungs¬ und Äussichtsbeämten' ufw., denen weder die städtischen und Gemeindeverwaltungen noch die Organisationen ausreichende Gehälter gewähren können. Die Kinder dieser Beamten sind daher am schlimmsten dran. Im Lause des Jahres müssen sie sich mit .schmaler Kost begnügen, und in den Ferien sind sie gezwungen, ihre Hungerkuren fortzusetzen- Früher konnten viele Beamte, die Verwandte in den östlichen Gebieten, hakten, 'ihre Kinder zu diesen schicken. Seit der Abtrennung dieser Provinzen von Deutschland ist ihnen diese' Möglichkeit genommen. Damit die Kinder des Mittelstandes in ihrer körperlichen -Entwicklung nicht gehemmt, damit auch sie gestählt und gekrästigt werden für die Strapazen des Lebens, die in Zukunft noch viel größer sein werden als bisher, ist es unbedingt nötig, die Aufmerksamkeit der Oefsentlichkeit auf die Kinder des Mittelstandes zu lenken, damit auch sie -in den Kreis der Ferienfürsorge mit einbezogen werden. - - Den Vereinen für Ferienkolonien und den Ferienausschüssen erwachsen somit neue Aufgaben: sie werden ihren Wirkungskreis zu erweitern, ihre Geldmittel und die Zahl der' Schützlinge und der Ferienheime zu erhöhen haben. Freilichwerden wir — wie die Verhältnisse in unserem Vaterlande nun einmal liegen uns aus eigener Kraft nicht helfen können. Denn selbst wenn wir genügend Geld aufbrächten, werden wir kaum die nötigen Lebensmittel herbeischaffen können. Wir sind auf das W o h l - w o I len des Auslandes unbedingt angewiesen und müssen dies - so schwer es uns fällt offen und ehrlich erklären. Wohl haben wir, als wir von der NotinWien hörten, von den dort frierenden und hungernden Kindern vernahmen, eine Hilfsaktion eingeleitet und uns sogar entschlossen, die darbenden Wiener Kinder zu uns einzuladen, um mit ihnen den kargen Bissen zu teilen. Diese Hilfsbereitschaft macht uns alle Ehre und legt Zeugnis davon ab, daß die eigene Not unser Herz nicht verhärtet hat und daß unser Mitgefühl und unser Mitempfinden rege ist. Aber durch diese edle Tat wollen wir weder uns selbst täuschen, noch darf dadurch das Ausland über unsere trostlose Lage getäuscht werden. Unser Herz ist wach, aber unser Beutel ist leer; wir sind arm geworden. Diese Tatsache, so betrübend sie auch ist, müssen wir unumwunden eingestehen. Armut ist bekanntlich keine Schande, und wir brauchen uns unserer gegenwärtigen Armut um so weniger zu schämen, als wir sie nicht durch eigenes Verschulden herbeigefuhrt haben; kurzsichtige und verblendende Führer haben das arbeitsfreudige, -erfolgreiche und wohlhabende deutsche Volk ins Elend und Unglück gestürzt, und wo diese herrschen, wo Frau Sorge eingezogen ist, hat der Jude bekanntlich doppelt zu leiden. All dieses müssen wir unseren Brüdern im Auslande offen sagen und ihnen zurufen: „Helft uns!" Helft uns und nehmt unsere Kinder auf einige Wochen z-ü euch, damit sie wenigstens während einer kurzen Zeit genügend Milch und Fett haben, die wir ihnen hier beim besten Willen in einem für

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