Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Sir Woche. Berlin, 8. März. n der Auslieserunigssrage des früheren deutschen Kaisers, \ die noch immer der Lösung harrt, ist in der vorigen Woche die holländische Antwortnote an die Alliierten durch den holländischen Gesandten in London an Lloyd George als dem Vorsitzenden der Friedenskonferenz, überreicht worden. Nachdem der Inhalt der zweiten Note der Alliierten kurz behandelt worden ist, sagte Minister v. Karneibeek u. a.: „Die Regierung Ihrer Majestät hat die Beweggründe der Mächte nochmals in ernsthafte Erwägung gezogen und hat von neuem gewissenhaft geprüft, was unter den gegebenen Umständen ihre Pflicht sei. Die Regierung, ist aber außerstande, zu einer anderen Schlußfolgerung zu kommen, als zu der, welche bereits in der Note vom 31. Januar niedergelegt wuride und welche sich dagegen ausspricht, dem Wunsche der Mächte Folge zu leisten . . . Die Regierung ist sich indessen der Wichten bewußt, welche ihr die Anwesenheit des Kaisers innerhalb der Grenzen des Königreichs, sowohl mit Rücksicht auf die eigenen Interessen des Landes als auch auf die internationalen Sicherheiten, aufbürden. Die Regierung Ihrer Majestät sieht ihre Pflichten in dieser Hinsicht vollständig klar vor Augen und hat von Anfang an ihre Verpflichtungen berücksichtigt, und sie wird dies auch weiter tun, da sie in der freien Ausübung ihrer vollen Hoheitsrechte in der Lage ist, sofort alle wirksamen Vorsorgemaßnahmen zu treffen, die notwendig sind, um die Freiheit des Exkaisers innerhalb der notwendigen Schranken zu halten." * Bevorstehende Ueberstodelung Wilhelms II. nach Schloß Doorn. Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Basel, 6. März, gemeldet: Die „Presse-Information" erfährt aus London: Tie Alliierten werden auf die holländische Antwortnote. in der Austieferungsfrage eine dritte Rote folgen lassen. Es wird versickert, daß die Alliierten schließlich aus ihr Verlangen verzichten werden, falls die holländische Regierung die vollständige und formelle Bürgschaft für eine ausreichende Ueberwachung Wilhelms II. gibt, dessen Bewegungsfreiheit über gewisse Grenzen, die gegenseitig zu vereinbaren wären, nicht hinausgehen dürfe. Der Vertreter der „Daily Mail" berichtet aus Amerongen seinem Blatte, der Exkaiser werde voraussichtlich im Avril zu dauerndem Aufenthalt nach Schloß Doorn übersiedeln. Der Kaiser und -b'iic Kaiserin halten sich schon jetzt in der Umgebung von Schloß Doorn auf, um bei den Baua-rbeiten, die ihrem- Ende entgegengehen, zugegen zu sein. Aus besonderes Verlangen Wilhelms II. wird das Gebäude von einem doppelten Drahtzaun und einer hohen Zfegelmauer umgeben werden, die ihn vor den Blic^n der Neugierigen schützen soll. In dem Dorfe Doorn, das bereits den Exkaiser als seinen Mitbürger beansprucht, sind die Preise für Grund und Boden um 50 Prozent gestiegen, seitdem Wilhelm TI. Schloß Doorn gekauft hat. # Eine Organisation zur Heereszersetznng. * Eine sehr merkwürdige Soldatenorgauisation hat sich vor einiger Zeit aufgetan. Sie nennt sich. „Verband nationalgesinnter Soldaten." In seinen Satzungen bezeichnet sich der Verband ausdrücklich als politische Organisation, und welcher politischen Richtung er angehört, das ergeben folgende Sätze in 8 2 und 8 3 des Statuts: Ziele des Verbandes sind: Sammlung aller n-anonm und deutsch empfindenden Elemente deu tsch r a s s i g e r Ab sta m m u n g. Mitglied des Verbandes können Männer und Frauen deutscher Abstammung werden. Das Organ des Verbandes ist die Halbmonatsschrift „Deutsches Heer". In welchem Sinne 'didse geleitet wird, -dafür , unter vielen ähnlichen ein -einziges Zitat aus Nummer 3 der Zeitschrift: Mt Versprechungen und Danaergeschenken hat die jüdisch-sozialdemokratische Regierung das deutsche Volk nun ein ganzes Jahr hinter das Licht geführt. Trotz der bekannten Schlafsucht des deutschen Michels wird es da endlich Zeit, daß er sich aufraffe und die Betrüger zum Tempel hinausfege. Wir wollen Herren sein in unserem Hause, wollen uns nicht weiter das Fell über die Ohren ziehen lassen, sondern unser Schicksal selbst fest in beide Hände nehmen. Auf, Kameraden vom deutschen Stamm, die ihr noch einen Funken Liebe zu eurem mißhandelten Vaterlande in der Seele tragt, es gilt ein heißes Jagen, bis wir die Volksbetrüger zum Lande h-inausgejagl, zur Rechenschaft gezogen haben! Das Ziel des Verbandes ist, wie der „Vorwärts" sehr richtig bemerkt, ganz offenbar der reaktionäre Umsturz, die Bekämpfung der Republik und der jetzigen Regierung. Trotzdem haben wir auch nicht in einem Falle gehört, daß gegen diesen Verband Verbote und Warnungen erlassen worden sind, wie gegen den- „Republikamschen Führerbund", der sich treu auf den Boden der jetzigen Staatsform und der. Regierung gestellt hat. Im Gegenteil, -eine große Anzahl Offiziere der Reichswehr fördern und unterstützen den Bund. So meldet ein Versammlungsbericht aus Hirschberg, daß der Kommandant des Jägerbataillons, Major v. Bülow, sich mit den Ausführungen des aus Lauban herübergekommenen Redners einverstanden erklärte und die Gründung einer Ortsgruppe empfahl. Dabei hatte der Referent eine a n t i s e m i t i s ch e H e tz - und Brandrede gehalten, in der namentlich auch die Reichsflagge beschimpft wurde. * Auch ein Märtyrer. Der Staatsanwalt hat gegen den K n ü p p e l k u n z e ein Ermittelungsverfahren wegen des Vertriebs von Totschlägern eingeleitet. Das gibt der „Deutschen Zeitung" Veranlassung, Kunze als Märtyrer, zu feiern. Sie faselt in ihrer Beschränktheit etwas von „Judenrache" und sagt, das ganze Verfahren sei an den Haaren herbeigezogen zu dem Zweck, „dem tapferen Vorkämpfer süv die deutsch-völkische Bewegung etwas am Zeuge zu flicken". Herr Kunze habe niemals zu Pogromen aufgefordert. Direkt hat er das sicher nicht getan. Aber er hat in seinen Reden an die niedrigsten Instinkte seiner Zuhörer appelliert, sie durch verlogene Redensarten in eine künstliche Fieberstimmung versetzt und dann am Schluß einer solchen Versammlung Totschläger seilgeboten, dK als vorzügliches Kampfmittel angepriesen worden sind. Es ist das eine. Machenschaft, die in ihrer Tedenz eben aus die Veranstaltung von Pogromen hinausläuft. Außerdem wird in der antisemitischen Literatur, die wohlweislich anonym erscheint, ganz offen zu Pogromen aufgefordert. Die Vertreibung der Totschläger durch Kunze ist also nichts weiter als eine Anleitung' und Begünstigung zur Verübung eines Verbrechens. Daß sich die „Deutsche Zeitung" für ihren Knüppelkunze so warm ins Zeug legt, wundert uns dabei gar nicht. Sie..h'at bisher für. jedeH Meuchelmord . .des ch bürgende Worte g^-«^rd'en, warum soll sie da nicht auch die Pogromlüsternen Raufbolde unter ihre schützenden Fittiche nehmen. * * ' /'#• Man schreibt uns: Die „Deutsche Revue", die im geistigen Leben Deutschlands unter den Monatsschriften eine führende Rolle einnimmt, bringt im Februar-Heft 1920 unter der Rubrik „Berichte aus allen Wissenschaften: Philosophie" eine Besprechung von Professor Eickhofs über Spinoza. Dieser bekannte Schulmann und Politiker verweist auf die antisemitische Bewegung, die „Schmach des Jahrhunderts", und meint, daß der Vatierlandsfreund seinen Blick aus der trüben Gegenwart in eine schönere Vergangenheit richten müsse, in jene Zeiten, in denen. ein