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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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der Menschheit; auf allen Gebieten wesentlich beigetragen haben, wenn auch bedauerlicherweis-e in der Oeffentlichkeit die jüdische Frau vielfach zurückgedrängt war, obwohl Bibel und Talmud der Frau eine hervorragende Stellung einräumcn. Schon das Altertum bietet uns durch die biblische Geschichte bedeutsame Frauengestalten wie Mirjam, die Schwester Moses, Ruth, die Richterin Deborah und die mit dem Purpur geschmückte Königin Esther. Die geistvollen Frauen, in deren Salons in Berlin- -gegen Ende des 18. Jahrhunderts die hervorragendsten Geister verkehrten, wie Rahel Levin-Varnhagen, Henriette Herz', die Freundin Schleiermachers, ferner die Schwestern Marianne und Sarah Meyer, die Freundinnen Goethes, und die Töchter Moses Mendelssohns, Dorothea und Henriette, wurden von der Rednerin mit besonders liebevoller Ausführlichkeit geschildert. Auch in neuerer Zeit hat eine Reihe von bedeutenden jüdischen Frauen sich in vorbildlicher Weise im öffentlichen Leben und -im Dienste der Allgemeinheit bewährt. Es seien hier nur auf dem Gebiete der Frauenbewegung und sozialen Fürsorge erwähnt: Lina Morgenstern, Henriette Goldschmidt, Jeanette Schwerin, Henriette May, Sidonie Werner, Bertha Pappenheim. Erwähnt wurde ferner, daß -ein Fräulein Dr. Rahel Hirsch, die Enkelin des berühmten Rabbiners Samson Raphael Hirsch, die erste weibliche Professur in Deutschland erhielt und daß Fräulein Dr. Cora Berliner als Referentin ins Reichswirtschaftsamt berufen wurde. Die Vortragende, welche sich schon seit langer Zeit im Interesse aller jüdischen Angelegenheiten in hervorragender Weise betätigt hat und auch in diesem Blatt wiederholt zu Worte -gekommen ist, erntete für ihren vortrefflichen Vortrag reichsten Beifall. — Darmstadt, 2 7. Februar. Antisemitische Wühlereien beginnen wieder in Hessen das öffentliche Leben zu vergiften. Der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" veranstaltete mit einem Redner aus Elberfeld am Samstag hier eine Versammlung, bei der es durch die Schuld des Veranstalters zu wüsten Tumultszenen und beinahe auch zu Gewalttätigkeiten kam. Es hatte sich eine Anzahl israelitischer Mitbürger, zumeist Studenten, eingefunden, die zunächst stillschweigend die gröblichen Schmähungen des antisemitischen Redners über sich ergehen ließen, denen aber, als die Juden wiederholt größter Drückebergerei vom Heeresdienst und der Feigheit bezichtigt worden waren, schließlich die Geduld riß. Sie protestierten laut gegen diese Verdächtigungen, worauf dann unter Beteiligung einer Menge von Mückebund-Schülern, die mit Trillerpfeifen ausgerüstet waren, sofort ein Höllenlärm entstand./ Einen älteren kriegsverletzten Juden bedrohte man auch hier mit Gewalttätigkeiten. An diesen Skandalen beteiligte sich auf antisemitischer Seite in besonderer Weise auch ein Angehöriger der Reichswehr in Waffen. In der Diskussion wiesen- Professor Gold stein, Lehrer G e r m a n n und Kaufmann Wartensleben! sowie verschiedene Studenten die Ausführungen des Referenten zurück; ihre Ausführungen wurden aber von tumultuarischem Lärm begleitet. Ein Redner -der Deutschen Dolkspartei wandte sich ausschließlich gegen die Demokraten, ohne ein Wort der Abwehr gegen die Beschimpfung der Juden zu finden. Eigenartig wirkte auch die verhältnismäßig zahlreiche Teilnahme von Reichswehrsoldaten, für deren Beteiligung anscheinend eine besondere Agitation entfaltet worden. war. Tags daraus war eine gleichartige Versammlung in Li-ndensels mit dem gleichen Referenten und dem gleichen Vortrag anberaumt worden. Hier wurden Juden gewaltsam verhindert, der Versammlung beizuwohnen, und.die Erschienenen ließ man nicht zu Worte kommen. Der demokratische Landespart-eisekretär Kuhlmann wies auf die große Feigheit hin, den angegriffenen Juden nicht einmal das Wort zur Verteidigung zu geben, und erklärte es dann für lächerlich inr höchsten Grade, einem- Bruchteil des Volkes die Schuld an allem Unglück zuschieben zu wollen. Verschiedene andere Diskussionsredner geißelten ebenfalls mit aller Schärfe die antisemitischen Treibereien. — Frarrtfurt am Main, 27. Februar. Die neu gegründete Vereinigung für jüdische Volksbildung veranstaltetvom 23. Februar bis Ende März im P-hi-lantropin den ersten Lehrgang! ihrer Volksvorlesungen über jüdische Gegenstände. Tie Eröffnungsfeier, bei der Rabbiner Dr. Nobel über.„Ein Kapitel aus der Geschichte der Kabbala" sprach, fand Sonntag, den 22. Februar, 10y2 Uhr vormittags, in der Aula der Anstalt statt. Die Geschäftsstelle der Vereinigung befindet sich Börnestraße 54. 8-- Ungarn. Z. Budapest, im Februar. Das Kapitel IV des ungarischen Friedensver-tragsentwurses enthält betreffs der Minoritätsrechte folgende Verfügungen: Für das ungarische Staatsbürgertum ist jeder Bürger durch die einfache Tatsache berechtigt, daß er auf dem Gebiete des Landes geboren worden ist, wenn er durch seine Geburt nicht die Berechtigung ei-n-er anderen Staatsbürger schast geltend machen kann. Ungarn verpflichtet fick), allen- Bewohnern Ungarns, ohne Rücksicht auf Geburt, Nationalität, Muttersprache, Rasse oder Religion, den. vollen- und ganzen Schutz des Lebens und der Freiheit zu gewährleisten. Jeder Bewohner Ungarns hat das Recht, sowohl öffentlich als auch ans Priva-tiwegen jeden beliebigen Glauben, Religion oder Überzeugung frei auszuüben, insofern diese Ausübung nicht mit der öffentlichen Ordnung oder -mit der Moral unvereinbar ist. Jeder ungarische Staatsbürger tft vor dem Gesetze gleich und genießt ohne Unterschied der Rasse, Sprache oder Religion identische bürgerliche und politische Rechte. - Unterschiede in der Religion, dem Glauben oder in der Ueberzeugung können keinem einzigen ungarischen Staatsbürger beim Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte, d. h. bei der Aufnahme in öffentliche Anstellungen, Aemter oder Würden, oder beider Ausübung der verschiedenen Berufe und Erw-erbsmodalitäten zum Nachteile gereichen. Kein einziger Bürger Ungarns darf im Gebrauche einer beliebigen Sprache i.m Privat- oder Geschäftsverk-chre, -in religiösen, Preß- oder sonstigen Mitteilungen oder in der Teilnahme an öffentlichen Versammlungen beschränikt werden. Den Ungarisch nicht sprechenden ungarischen Staatsbürgern sind bei der Benutzung ihrer Sprache in Wort und Schrift vor den Gerichten billige Erleichternngen zu sichern-. Jene -ungarischen' Staatsbürger, die einer Rassen-, Religions- oder Sprachmtnorität .angehören, genießen prinzipiell und in Praxis die gleiche Behandtungsweise und dieselben Garantien wie die übrigen ungarischen Staatsbürger. Sie haben das gleiche Recht,- auf eigene Ko>sten Wohltätigkeits- und Religions- oder soziale Institutionen, Schulen oder andere Erziehungsanstalten zu errichten-, zu verwalten undzu kontrollieren — mit dem Rechte, tu denselben ihre Muttersprache nach Belieben zu gebrauchen und ihre Religion frei-auszu-üben. Ter ungarische Staat stimmt zu, in jenen Städten- und Bezirken, in denen die -ungarischen Staatsbürger nichtungarischer Muttersprache einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachen, diesen entsprechende Erleichterungen in der Hinsicht zu gewähren, daß die Kinder dieser ungarischen Staatsbürger in den Volksschulen in ihrer Muttersprache Unterricht erhalten. Diese Verfügung kann, aber die ungarische Regierung nicht daran hindern, in den genannten Schulen die ungarische Sprache zum obligatorischen Lehr gegen ständ e zu -machen. Diese Mi-noritätsrechte werden unter den Schutz des Völkerbundes >gestellt. — Die Pester. Israelitische Religionsg-emeinde hat in ihrem Schoße -eine Kultursektion errichtet. In der ersten Sitzung dieser Kultursektion -hat nun der Vorstandsstellvertreter Dr. Ludwig Szabol cs-i, Redakteur des bekannten ungarisch-jüdischen Organes „Egyenlöseg", ein umfassendes und großangelegtes Programm unterbreitet, dessen Verwirklichung dazu angetan sein wird-, dem Kulturleben der Pester Judeuschast und damit -auch dem- Kulturleben der gesamten ungarischen Judenschaft neue wertvolle Impulse zu verleihen. Nach diesem Programm beabsichtigt die Sektion auf sozialem Gebiete einen intensiven Rechtsschutz für die breiten Massen des Judentums zu schaffen, zu welchem Behufe sie eine bereits erfolgreich wirkende Rechtsjchutznnd Beschwerdetänztei -errichtet hat, die der ärmeren jüdischen Bevölkerung unentgeltlich zur Verfügung stehen wird. Die Kultursektion unterstützt den Verband ungarisch-jüdischer Hochschüler und betraut ein besonderes Subkomitee m-it der Aufrechterhaltuug des innigen Kontaktes mit den Hochschülern. Zur Hebung des jüdischkulturellen Niveaus wird die Sektion volkstümliche jüdische Broschürenausgeben, allmählich eine Kulturbibliothek schaffen, die die Popularisierung der Bibel, des Talmuds, des Midrasch, der jüdischen Literatur des Mittelalters und der neuhebräischen und neujüdischeu Literatur bezweckt. Die Erweiterung des Jüdischen Museums, die Gründung einer Ungarisch-jüdischen historischen Gesellschaft, einerjüdischen Bibliothek, die sh-stema tische Veranstaltung von Vortragsabenden und die Errichtung einer jüdischen Freien Universität nach Wiener und Berliner Muster bilden weitere Gründzüge des Kulturprogramms der Gemeinde.

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