Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229453--75601-3288117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-. 4 Von Msh und Mn. — Tie Korporativ n der Berliner Kauf nr a n n - schaft beging am 2. d. M. das Jubiläum ihres 100jährigen Bestehens. — Der „Tag", das häufig alldeutsch schillernde Blatt aus dem Scherlschen Verlag,- bringt in -einem längeren Aufsatz über das deutsche Hilfswerk in Amerika nähere Ausführungen über die Propaganda, die in- Amerika für das H-ils-swerk 'für Deutschland entfaltet wird. In demselben Schreiben steht aber auch eine Stelle, die in Deutschland einiges Erstaunen erregen wird und vielfach dazu beiträgt, einer gewissen Sorte von allzu, sinnlosen Hetzern etwas zur Besinnung z>u helfen. Frau- W. schreibt nämlich: „Was unserem Werke sehr schadet, ist die Judenhetze in Deutschland. Die reichen Juden hier -helfen zehnmal mehr als die Christen, fühlen sich aber sehr verletzt und verlieren ihr Interesse." Wir haben diesen Ausführungen nichts hinzuzchügen. — Frau Minna Schwarz, Schlüterstraße 53, Vorsitzende des Frauenvereins der Berliner Lagen U.O.B. B., hat das Verdienstkreuz -für Kriegshilfe erhalten. — Am 22. v. M. ist in Köpenick der Fabrikbesitzer Herr- Moritz Jacoby verschieden. Ter Verstorbene war Mitbegründer der Köpenicker Jüdischen Gemeinde und hat sich über 30 Jahre, vom Bestehen der Gemeinde biszu seinem Lebensende, als Vorsitzender der Repräsentantenversammlung unvergängliche Verdienste erworben. — Aus Memel wird uns geschrieben: Bei der Zeremonie der Uebergäbe des Memelgebiets im Sitzungsfaale des hiesigen Rathauses durch den Reichs- und Staatskommisfar Grafen Lambsdorff an den Vertreter der alliierten und assoziierten Hauptmächte, General Odry, waren die amtlichen Vertreter des Memelgebiets geladen. Unter der Geistlichkeit war für den noch nicht vorhandenen Rabbiner der Vorsitzende der Synagogengemeinde, Kommerzienrat Alexander, anwesend. — Die Gesamtheit der oberschlesischen Juden hat zur Wahrung ihrer Interessen in Politischer, loirtschafllicher, religiöser -und kultureller Beziehung eine Organisation geschaffen, die den Namen „Aktionsausfchutz zur Vertretung der ober schlesischen Juden" führt und ihren Sitz in Kattowitz hat. Vorsitzender des Ausschusses ist- Stadtrat Guttm-ann in Kattowitz. Dem Ausschuß gehören ferner an: Dr. Zivierin Pleß, Rechtsanwalt Schindler in Hindenburg sowie der Vorsitzende des Oberschlesischen Synagogengemeindebundes. — Am 20. v. M. ist der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Tarnowitz, Herr Max M o e l l e r, verschieden. Der Verblichene hat seit dem Jahre 1903 als Repräsentant und seit 1912 als erster Vorsteher seine reichen Erfahrungen und sein -ganzes Wissen und Können in den Dienst seiner Gemeinde gestellt, deren Wohl zu fördern ihm Herzenssache war. — In Hirs ch berg gründete der „Verband der nationalen Soldaten" eine Ortsgruppe. In der Gründungsversammlung, zu der die Soldaten des Hirschberger Jägerbataillons mehr oder minder kommandiert waren, hielt Unteroffizier Teßnier eine antirepublik-anifche Hetzrede gegen Regierung und Juden. Der- Kommandeur des Bataillons -erklärte, wie von dort gemeldet wird, sein Einverständnis mit den Ausführungen. — Aus Posen wird uns geschrieben: Nach langem -schweren Leiden entschlief sanft die verwitwete Frau Amalie Behr geb. Sche's.tel in ihrem 73. Lebensjahre. Länger als zwanzig Jahre wirkte die Verstorbene mit seltener Menschenkenntnis, großer Herzensgüte und treuer Hingabe in: Dienste des Vereins „Frauenhilfe". Unseren Armen, Kranken und Schwachen wird diese edle Frau unvergeßlich bleiben. Tie Beisetzung fand unter großer Terlnahme statt. — Die Marinebrigade 2 .gilt als erzreaktionäre Truppe. Die Offiziere dieser Bri-gade -tragen vielfach das antisemitische Hakenkreuz als Abzeichen an der Brust. Im Hamburger v-Zuge wurde jüngst ein Offizier dieser Truppe festgestellt, der kleine antisemitische Hetzzettel in den- Wagen anklebte undjüdische Mitreisende belästigte. — Aus München wird das Ableben des Geheimen Kommerzienrats Hermann H e i n e m a n n gemeldet. Er war einer der bekanntesten Münckzener Kunsthändler und Mitbegründer der Galerie Heinemann am Lenbachplatz, die einen Weltruf erlangt hat. — Auch in München hat sich eine studentische Ortsgruppe des Zenträlverein.s deutscher Studenten jüdischen Glaubens gebildet. Sie will die jüdische akademische Jugend sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung und in der unbeirrien Pflege jüdischer und deutscher Gesinnung zu bestärken. — Dem Gerichtsassessor Dr. Richard Lilienfeld in Köln a>.. Rh. ist die Rote-Kreuz-M-edaille dritter Klasse verliehen worden. — Der Ausschuß der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main stimmte der vom Verband bewilligten Subvention von 20 000 Mark für die'Zentralstelle für jüdische Wohlfahrtspflege aus die Dauer von drei Jahren zu, ebensofür die Vereinigung für jüdisch-e Volksbildung, für den ersten Lehrgang der Volksvorlefung 3000 Mark. — Im Alter von 55 Jahren starb Stadtrat Paul Fulda.. Cr trat 1882 in die von seinem Großvater 1849 begründete Kohlengroßhandlung Anton Fuldaein, di-e er b-is 1910 leitete, in welchem Jahr sie durch Verkauf indie Hände der Herren Stinnes in Mülheim überging. Paul Fulda, ein Bruder des Dichters Ludwig Fulda., hat sich -selbst schriftstellerisch nicht betätigt, förderte aber eifrig literarische Bestrebungen als Vorstandsmitglied des Vereins Frankfurter Kammer spiele, der Freien literarischen Gesellschaft und der Freien Volksbühne. Auchwandte er sein Interesse sozialen, wissenschaftlichen undkünstlerischen Dingen zu-. Im April 1915 wurde er als unbesoldetes Mitglied' des Magistrates gewählt; -eine schwere Erkrankung hat ihn lange Zeit an der Ausübung seines Amtes behindert. — Aus Offen bürg wird uns geichrieben: Unser Bez-irksrabbiner Dr. Halp.er so-Hn wurde kürzlich von den: staatlichen Heimkehreransschusse mit der offiziellen BegrüHun-gsansprache an die heim kehr enden Kriegsgefangenen betraut. — Durch den Tod des- Herrn Max Erlanger -in Luzern hat das Judentum einen großen Verlust erlitten. In ihm i-st ein Wohltäter da-hingegang-en., der den Armen wie ein Vater zur Seite stand. — Aus dem Haagwird -gemeldet: Dem Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds ist kürzlich durch eine -englische Bank ein Scheck -über 10 000 Lstrl. von einem Spender, der nicht -genannt sein will, zugekommen. Gleichzeitig wurde dem Hauptbureau mitgeteilt, daß beieinem Londoner RechtsanwalL ein- Testament zug-unsten des Jüdischen Nation also nds in Höhe v-on zirka 25 000 Lstrl. fällig geworden ist. — Ter frühere Präsident -der Lemberger Handelskammer und der Jüdischen Gemeinde -in Lemberg, Samuel v. H-orowitz, -hat Dr. Diamant, dem Regier-:: ngskommissar der Lemberger Jüdischen Gemeinde, -eine Million Kronen in Pfandbriefen übergeben als Spende für ein Rabbinerseminar in Lemberg. — Eine Interpellation in: polnischen Parlament stellte fest: Die ukrainifch-jüdifche Bevölkerung Ostgaliziens stirbt in Massen. Es sind ganze Dörfer -ausgestorben, und die polnische Regierung gewährt keine Hilfe, liefert nicht einmal Holz zur Heizung der Spitäler, keine Kohlen für die Desinfektionsanstalten und kein Geld zur Bekämpfung der Epidemie. In Stamslau sind die Kranken in Hotels untergebracht. Bisher sind 100 000 Typhusfnlle sestgestellt, darunter 10 000 mittödlichem Ausgang. Die Statistik ist jedoch ungenau, weil die wenigen Aerzte, die -gegenwärtig, in Ostgälizi-en vorhanden sind, in -die -entlegenen Dörfer nicht gelangen können. Um die dort Erkrankten kümmert sich niemand. In Tarnopol sterben täglich 70 Personen -an Typhus. — Ende Januar ist von der Pariser Verwaltung, der Alliance Jsvaelite Universelle ein offizielles Schreiben an alle Verwalter der Alliance-Schulen in Palästina gerichtet worden, worin sie dieselben auffordert, -in den Alliance-Schulen in Palästina die hebräische Sprache mit der französischen >gleichzu stellen. Auch soll für die Hälfte -der Lehrfächer der Unterricht in Hebräisch erteilt werden. — Um der großen Wohnungskrise in Palästina, teilweise abzuhelfen, soll der Versuch gemacht werden, in einzelnen' Kolonien amerikanische Holzzeltba-ute-n ei nzu führen. Tie ersten zwanzig kompletten Holzhäuser sind bereits in Jaffaangekomm-en. Sollten sie sich bewähren, so wird die Einfuhr dieser Zeltba-uten bald eine ' beträchtliche Höhe -erreichen. — Die Föderation zur Unterstützung der jüdisch-philanthropischen Gesellschaften New-Uorks versorgte im vergangenen Jahre 48 000 Kinder und verausgabte hierfür 1%. Million Dollar. — Salomon Lisschetz, ein russischer Jude, der im vorigen Jahre den Bordin-Preis von 3000 Francs der französischen Akademie der Wissenschaften gewann, wurde als Professor der Mathematik an die Universität von Kansas berufen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.