Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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64. Jahrgang. Nr. 10 Berlin, 5. März 1930 Der Oemetndebote. Vrtlase zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". KorrrsponükNHkn und Aachrichlrn. Skutschlsod. & Berlin^ 2. Ntäa-z. D >i e B e g r ü n d u n g eines jüdischen Ledigenheims für Groß-Berlin wird von dem Berliner Jüdischen Jugendbund geplant. Die Wohnungsfürsorge für die von außerhalb nach Berlin kommenden jungen Juden, die sich in der Reichshauptstadt dem kaufmännischen, gewerblichen oder akademischen Leben widmen wollen, ist in der Tat eine brennende Frage, deren Dringlichkeit mit der steigenden Wohnungsnot immer größer geworden ist. Der Jugendbund, der sich schon vor 1914 mit dieser Angelegenheit beschäftigt hatte, hat die durch den Krieg unterbrochenen Vorarbeiten jetzt wieder ausgenommen und eine besondere „Ledigenheimgründungskommission" eingesetzt, welche die Grundlagen für die zu leistenden Arbeiten liefern soll. Die Kommission beschäftigte sich zunächst mit der Kostenfrage. Zur Orientierung, hierüber wurde eine Reihe von Baulichkeiten, die gleichen oder ähnlichen Zwecken dienen, besichtigt; z. B. in Dresden, Frankfurt a. M. und anderwärts, vor allem in Berlin selbst. Nachmehrfachen Erörterungen kam eine Einigung dahin zustande, daß ein Haus gekauft oder gemietet werden soll, da bei den heutigen Preisen an den Neubau eines Hauses nicht zu denken ist. Da sich das Heim aus sich selbst rentieren soll, sind selbstverständlich sehr große Mittel erforderlich. Diese sollen durch allgemeine Spenden in beliebiger Höhe sowie durch Bettstiftungen im Betrage von 1000 Mark und durch Zimmerstiftungen im Betrage von 5000 Mark aufgebracht werden. Den Spendern der Bett- und Zimmerstistungen und der hierüber hinausgehenden Spenden soll das Recht zustehen, junge Leute, an deren Wohl sie besonders interessiert sind, dem Heim zur bevorzugten Aufnahme in Vorschlag zu bringen. Ferner ist die Genehmigung einer Lotterie'sowie weitestgehende Unterstützung durch Staat und Stadt zugesagt. Ten Grundsätzen des Jüdischen Jugendbundes sowie des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands entsprechend, wird das Heim auf politische und religionsneutraler Grundlage errichtet. Die vorbereitende Kommission hat sich bereits mit den zuständigen Behörden in Verbindung gesetzt. Der Direktor des Städtischen Wohnungsamtes stellte eine namhafte Summe zur Instandhaltung der erforderlichen Räume in Aussicht, das Hypothekenamt der Stadt Berlin würde bei einem eventuellen Hauskauf große Mittel zur Beleihung des Objektes bereitstellen. Der Weg scheint gangbar. Mit diesem Jugendheim würde das jüdische Leben Berlins um eine wertvolle Einrichtung bereichert werden. Gerade in der Gegenwart ist das Wohnungselend so groß, daß alle Versuche, unserer Jugend den Daseinskampf zu erleichtern, die wärmste Förderung verdienen. S2 Berlin, 2. März. Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen auf dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist' Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die alljährlich im März und September stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte, Hebräisch, jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphi'losophie und Einleitungswissenschaft. Gesuche um Zulassung zur Prüfung sind zu richten: An den Schul- und Tälmud- Thora-Vorstand der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfungsreglements verabfolgt. &&& Berlin, 2. März. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am 19. v. M. im Sitzungssaale der Synagoge Fasanenstraße seine ordentliche Generalversammlung ab. Nach deren Eröffnung, der Verlesung und Genehmigung des Protokolls der vorjährigen Generalversammlung erstattete der Schatzmeister, Herr Benas Levy, den Geschäfts-und Kassenbericht, der von der Versammlung mit Befriedigung entgegengenommen wurde. Die Gesamteinnahmen betrugen 33147,17 Mark, die Ausgaben 18 049,55 Mark, der Kassenbestand 15 097,62 Mark. Aus Antrag der Revisionskommission erfolgte einstimmig die Entlastung, wobei aus der Mitte der Versammlung dem Schatzmeister für seine Mühewaltung der Dank des Vereins zum Ausdruck gebracht wurde. Daran schloß sich eine lebhafte Aussprache über einzuschlagende Wege, um den Besuch der Vorträge, der auch im abgelaufenen Jahre kein besonders erfreulicher war, zu fördern und das Interesse der Mitglieder für die Veranstaltungen des Vereins wachzuerhalten. Es wurden nach dieser Richtung hin verschiedene Anregungen gegeben, die der Vorstand in Erwägung zu ziehen versprach. # Bei den sodann vollzogenen Wahlen wurden in besonderen Wahlgängen Prof. Dr. Elbo gen zum ersten, Dr. Rudolf L e s z h n s k y zum zweiten Vorsitzenden sowie der Gesamtvorstand und die Revisionskommission durch Zuruf wiedergewählt. Ebenso durch Zuruf erfolgte die Wahl der Herren Heinrich F rünkel und Rabbiner Tr. W e i ß e als stellvertretende Delegierte in das Konnte für die Jüdische Volkshochschule. Die Festsetzung des Haushalts und die Bewilligung mehrerer Subventionen bildeten den letzten Punkt der Tagesordnung. 22 Berlin, 2. März. Am 25. v. M. fand das diesjährige K o n z e r t des „Vereins zur Pflege hebräischer Gesänge" statt. Der große Zuspruch, den die Veranstaltungen dieses unter der musikalischen Leitung des Kapellmeisters Albert Keller mann stehenden Vereins stets finden, führte auch diesmal viele Besucher in die Hochschule für Musik, welche sehr befriedigt den künstlerischen Darbietungen des Chors und der Solisten folgten. Das Programm war besonders interessant zusammengestellt. Zum ersten Male nach dem Kriege gelangten wieder Werke ausländischer Komponisten zum Vortrag, so Adon olom von I. Weiß, R-omamu von Franchetti, Ham-ake bewrosso von Consolo und Waj'hi binso-a von Domergue. Im Mittelpunkt stand eine großangelegte, echt jüdische Komposition von Kellermann: Tikantoschaboß (unter Benutzung russischer liturgischer Motive) für Chor, Soli und Orgel. Kammersänger Z a d o r, der über einen klangvollen, sympathischen Baßbariton verfügt, zeigte in verschiedenen Soli feine künstlerische Auffassung. Frieda Wolf erfreute durch ihre blendende Koloratur und ihr tiefes Empfinden im Tikantoschaboß und in zwei Liedern von S. Snlzer. Der Chor, der über prächtige Stimmittel verfügt, folgte mit Hingabe den Intentionen seines Leiters. Besonders wirkungsvoll war der Vortrag des abwechselnd für Frauen- und Männerchor komponierten Öno adonoj hoschionoh von Kellermann. Bemerkenswert war die Benutzung von Soloinstrumenten zur Begleitung einzelner Gesänge neben der Orgel. Eine OrgelkomPosition von Arno Nadel, in welcher der Komponist in feinsinniger Weise Nöilah-Melodien verwendet, wurde von Professor F i f che r, dem ausgezeichneten Begleiter des Abends, vortrefflich vorgetragen und fand großen Beifall. Bei der Schlußnummer (Waffhi binsoa von Domergue für Chor, Baritonsolo, Harfe, Trompete und Orgel), bei welcher der Chor eine mächtige Klangfülle entwickelte, wurde der Beifall so stark, daß die Nummer wiederholt werden mußte. — Der Verein zur Pflege hebräischer Gesänge verdient die tatkr ästigste Förderung seitens der Berliner Judenschaft. — Berlrrr-Schöneberg, 2. März. Ein Antrag der Neuen Fraktion auf Wiedereinrichtung der aus dem Friedenauer Ortsteil entfernten Polizeiwache gab in der letzten Schöneberger Stadtverordnetenversamlung Veranlassung zu einem heftigen Redestreit zwischen den Sozialdemokraten und dem Stadtverordneten Richard Kunze. Stadtverordneter Caspar (Sog.) behauptete, daß ein gewisser Richard Kunze, Beckerstraße 7, den ganzen Stadtteil unsicher mache. Dieser Mann habe sich, wie festgestellt sei-, 1000 Stück Totschläger aus der Sebastianstraße in Berlin kommen lassen. Ob er diese Knüppel zum Teppichklopfen oder zum Aus-klopsen von Judenkitteln benutzen wolle, sei ungewiß. Nach der Vergangenheit Kunzes nehme er das letztere au. (Große Unruhe bei der Neuen Fraktion.) Ter Fähnrich, der Erzberger angeschossen habe, stamme auch aus der Gesellschaft Kunzes. Wenn die Verhetzung weiter so fortgehe und die Regierung nicht einschreite, würden seine Freunde auf Selbsthilfe angewiesen sein. Sie hätten sich vorgenommen, die ganze Gesellschaft aus Friedenau auszutreiben. (Beifall bei den Linken; Zwischenrufe auf der rechten Seite.) Stadtverordneter Kunze, der bei Beratung des Antrages nicht zugegen war, erwiderte: „Ich bin hier vorher in der gehässigsten Weise angegriffen worden, wobei man von 1000 Gummiknüppeln gesprochen