Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— — 119 f'iUdj weiter: das Semen. Aeußere Sorgen lenkten ihn ja nun nicht mehr ab, und so versenkte er sich um so inniger und hemmungsloser in die Tiefen des Talmudmeeres. Von seinen Talmudfolianten konnte er sich nicht mehr trennen. Und als er nach Swinemünde zur Erholung reiste, durften sie im Reisekoffer nicht fehlen. Einen Band der Wilnaer Talmudausgabe fest unter den Arm gepreßt, konnte man den Vierundachtzigjährigen täglich zweimal zum Strande schreiten!sehen, um in einem Strandkorb den Fragen nachzuhängen, die jenes Werk in unerschöpflicher Menge für ihn aufwarf. Er erlebte damals 'eine erstaunliche Verjüngung, er war wie neugeboren und wurde nicht müde, die Wunderkräfte zu Preisen, die diese Erneuerung seines leiblichen Menschen zuwege gebracht hatten. Eine vierwöchige Erholungszeit konnte natürlich bei einem Achtzigjährigen nicht alle Altersspuren verwischen und alle Gesundheitsschädigungen ungeschehen machen, die jahrzehntelang auf den Körper eingestürmt waren. Die heilkräftige Wirkung des reinen Meeresodems konnte noch den ganzen folgenden Winter beobachtet werden. Dann nahm die Elastizität mit einem Male stark ab. Es wäre verfehlt zu glauben, daß er von den Beschwerden des Alters gänzlich unangefochten geblieben wäre. Wenn auch zäh und mit gesunden Nerven ausgerüstet, war er von jeher schmalbrüstig und mit aschmatischer Kurzatmigkeit behaftet. Selbstredend nahm dieses Uebel mit zunehmendem Alter nicht ab, wie er denn diesem trotz alledem reichlich Tribut zahlen mußte. Nach Ueberschreitung der neunzig stellte sich eine merkliche Verringerung der Sehkraft des einen Auges ein, und in den letzten zwei Jahren seines Lebens konnte er nur wenig Gebrauch von seinen Büchern machen. Aber Gedächtnis und Denkkraft waren ihm treu geblieben. Der ungeheure Stoff, den er in einem langen Leben seinem Geiste einverleibt hatte, war und blieb sein unentrinnbares Eigentum. Er war zu Fleisch und Blut geworden und zu unauflöslicher Gemeinschaft mit ihm verschmolzen. Eins konnte ohne das andere nicht aufhören. Und Besucher, die mit ihm disputierten, wurden nicht müde, seine Belesenheit, sein treues Gedächtnis, seine geistige Regsamkeit wie seine ungeminderte Kampfeslust zu bewundern. Aber trotz der Freude am Gefecht und der steten Bereitschaft aufzubegehren, neigte seine Sonne sich mehr und mehr, lind der Sonnenuntergang konnte nur noch die Frage einer kurzen Zeitspanne sein. Alle Bemühungen der Seinen, die sich ein Leben ohne ihn einfach gar nicht mehr denken konnten, seine Lebensflamme wieder anzufachen, wurden an der ehernen und unerbittlichen Naturgesetzlichkeit zunichte. Am Vortage des Purimsestes — diesmal ein Sabbat — hatte er ausgerungen und im Alter von M1A Jahren seine Augen zum ewigen Schlummer geschlossen ... In seiner ursprünglichen Kraft einer alten Eiche ähnlich, war er unauflöslich in sich und mit sich selbst verwachsen, zäh, knorrig und, o-bwohl von den Stürmen einer fremden Zeit runtost, fest, ausrecht, steisnackig und unnachgiebig. Er konnte sich nicht umstellen, war nicht wetterwendisch und veränderlich. Aussicht aus Vorteil und Gewinn hatten keinen Einfluß auf sein Streben. Launen, Stimmungen und Zeitströmungen konnten an dem festen Gefüge seines inneren Baues nicht rütteln. Mit seiner Ueberzeugung schloß er keine Kompromisse. Gesinnung und Gesittung, Lehre und Leben. Schein und Sein standen miteinander in innigster Wechselwirkung. Unterordnung der rohen Materie unter höhere religiöse Gesichtspunkte war ihm oberstes Gesetz. Nicht Berufs- und Erwerbsleben hatten gebieterische Forderungen zu stellen, sondern diese mußten sich den Geboten religiöser Frömmigkeit restlos beugen. Die Triebfeder für sein Tun und Lassen entsprang seinem Gewissen, und die inneren Notwendigkeiten dieses Machtsaktors waren es ausnahmslos, die allein sein Handeln bestimmten. Das, was man die realen Gewalten, die Wirklichkeiten des Lebens nennt, brachen ohnmächtig an dem Granit seiner seelischen Felsenfestigkeit zusammen. So steht er allen, die ihn kannten, vor Augen, und es dürfte niemand gelingen, ihn einer Handlung zu zeihen, die mit seinen Grundsätzen irgendwie in Widerspruch stand. Auch im höchsten Alter wich er weder zur Rechten noch zur Linken, gestattete er sich keine Erleichterungen, bewegte sein Sinnen und Denken nicht etwa der Wunsch: wie mache ich mir das Leben etwas bequemer, sondern wie setze ich meine Gesinnung in Taten um, die ihr am konsequentesten entsprechen und nichts schuldig bleiben. Dem Weltgeschehen der letzten Jahre stand er nicht gleichgültig gegenüber. Den Frieden, dem er sich entgegensehnte, sollte er aber nicht mehr schauen. Nur wenige Monate trennten ihn noch von ihm. Sein Lebensau Mang hatte hierin Aehnlichkeit mit dem Abschluß der irdischen Laufbahn des größten Sohnes unseres Volkes. Auch er hat nach langem, bangem Sehnen das Land seiner Träume, Wünsche und Erwartungen nur von ferne gesehen, ohne es mit eigenen Füßen betreten zu dürfen. Lin deutscher Jude an lein Vaterland! eutschland, mein Herz wie deines ist gebrochen, Ein Becher ist es, tränenvoll zum Rand, Wie deins von spitzen Dornen ist's zerstochen. Wie deins von Hiobsqualen ist's verbrannt! Schlaflos wie du zerwühl' ich meine Kissen Und hör' der Stunden trägen Glockenschlag, Dom tauben Schweigen schwarzer Nacht zerrissen, Vom Wachen bleich, erseufze ich den Tag! Verachtung, Haß, die wilden Ungeheuer, Sie brannten meinem Stamm das Schandmal ein, Ihr unersättlich unfruchtbares Feuer, Unzähl'ge seiner Söhne schlang's hinein! Du, freies stolzes Volk, du mußt erst lernen. Was uns durch die Jahrtausende zerbrach. Herab von deines Wesens stolzen Sternen Zerrt's dich in dumpfe stumme Knechtesschmach! Aus zahllosen Geschlechtern strömt zusammen Ein Weltenmeer von Trauer in mein Blut, Genährt von Rachedurst, von gift'gen Flammen, Ein Krampf, ein Schrei von Ohnmacht, Grimm und Wut! Du fühlst nun unser Weinen, Wundenbrennen, Dieselbe Geißel schlägt dich, deutsches Land. Wir tragen gleiches Joch, was kann uns trennend Mein Bruder, nimm des Ausgestoßnen Hand! Ich liebe dich; in deiner Dulderkrone, In deinen Leiden seelennäher mir Als je auf deines Ruhmes höchstem Throne, Und leben, ringen, opfern will ich dir! O Deutschland, glaube mir, daß ich dein eigen, Daß deine Ehre heilig mir, geweiht, Gält' es zu sterben, daß du mögest steigen, Ein Stern der Völker — wohl, ich bin bereit! Martha Hellmuth,