Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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--118 nicht gehörte. Die Ruhe und die Heiterkeit seines Gemütes wurden dadurch wenig beeinträchtigt. Während andere durch den Mangel an Glück oder durch Fehlschläge in ihren Unternehmungen ihr Schicksal verdüstert sehen, war meines Vaters Seelenhimmel durch Vorkommnisse solcher Art kaum leise getrübt. Meine Mutter allerdings war über diesen Gleichmut in so wichtigen Lebensfragen wenig erbaut. Besonders, da er, jede Erdenschwere unter sich lassend, sich nunmehr vollständig und hemmungslos seinen Studien überließ. Der Sabbat hielt ihn vollends im Bann seiner geliebten Talmudwelt. In Ermangelung eines ebenbürtigen Partners mußte er sich nur zu oft mit Monologen begnügen. Freilich, auch als Einspänner ist der Talmudbeflissene nicht allein. Sein anderes „Ich" ist stets zugegen und wird als hartnäckiger Gegner behandelt. Man ist gegen diesen eingebildeten Gegner von absoluter Ehrlichkeit und durchaus unparteiisch. Man ringt, man disputiert mit ihm, man läßt ihn Einwände erheben. und sucht sie zu widerlegen. Man geht ihm schließlich — oder eigentlich sich selbst — so scharf zu Leibe, als ob man einen ganz richtigen Zweikampf auszufechten hätte. So lebhaft und so eindringlich gestaltete sich das Lernen meines Vaters. Die Haut rötete sich, und volle Blutwellen trieb ihm die Erregung oft ins Gesicht. Zu voller dramatischer Höhe erhob sich aber das Gefecht, wenn wirklich zu zweien gestritten wurde. Litauische und polnische Gelehrte fanden zuweilen den Weg in unser Haus und waren dann unser Gast zum Sabbatmittagsmahl. Es waren Leidende, die gegen ihres Leibes Gebrechen Karlsbad, Kissingen oder irgendein anderes Bad aufsuchten-. Auf der Fahrt dorthin begriffen, waren sie oft wegen des hereinbrechenden Sabbats -an ihrer Weiterreise behindert, was als eine unwillkommene Verzögerung in der Erreichung ihres Reisezieles angesehen wurde. Denn Berlin bot diesen Leuten, die nur abstraktes Denken und Grübeln kannten und unablässig mit dem Ausbau ihrer Innenwelt beschäftigt waren, absolut nichts -des Bemerkenswerten, wenn sie nicht überhaupt von einem geheimen Mißtrauen gegen die Stadt, die so viel Aufklärung und Freidenkertum in ihren Mauern barg, beseelt waren. Ein Gefecht zwischen zwei annähernd gleichwertigen Streitern war «in interessantes Schauspiel, dem man mit immer wacher Erwartung zusehen und zuihören konnte. Die Situation war zuweilen packend und äußerst zugespitzt. Schon nach wenigen Minuten hatten beide Partner ihre anfängliche Ruhe und kühle Ueberlegung verloren, an deren Stelle nunmehr eine überhitzte Atmosphäre trat, die auch die Neutralen in ihren Dunstkreis zog und sie allmählich zur Parteinahme für einen von beiden zwang. Auf den Gesichtern der Geisteskämpfer malte sich Leben und Bewegung. Die Muskeln strafften sich, die Mienen waren scharf geschnitten, das Spiel der Gebärden wechselte jäh und sprunghaft, die Gesichter glühten, die Augen schossen, Blitze und -selbst die Finger wurden in Tätigkeit gesetzt, um den Argumenten mehr Eindringlichkeit zu verleihen. Einem Zeichner hätte sich eine reiche Duelle lehrreicher und lohnender Beobachtungen erschlossen. Tie Schlacht entzündete das innere Feuer bis zur Siedehitze, und selbst Zuhörer, denen die Fragen, um die gestritten wurde, fremd waren, brannten vor Begierde, den Ausgang der Sache zu erfahren. Ter Kampf zog sich jedoch meistens -lange hin. Bei Anbruch der Dunkelheit wogte er gewöhnlich noch unentschieden hin und her. Nicht selten ging mein Vater als Sieger aus der Sabbatschlacht hervor. Ehrlich und neidlos erkannte der Unterlegene den Sieg des Gegners an und man schied ohne jeden Groll unter dem Ausdruck herzlicher Freude über den hohen Sabbatgenuß, den man sich gegenseitig bereitet hatte. Einmal war ein litauischer Gelehrter von Ruf unser Sabbatgast und wir konnten uns denken-, daß das Mahl nur -das friedliche Vorspiel einer darauffolgenden Feld-schlacht werden würde. Unsere Erwartungen wurden auch nicht getäuscht. Das Vorpostengefecht war schon von außerordentlicher Lebhaftigkeit/ und der Meinungsstreit auf seinem Höhepunkte nahm direkt wilde Formen an. Meines Vaters Fänge hielten den Gegner mit unerbittlicher Logik gefangen. Es gab kein Entrinnen. In dieser Erkenntnis zog der andere es vor, die Waffen zu strecken, zu kapitulieren und unumwunden zuzugeben: „Reb Leib, Ihr seid ein greiliger Lamden!" (grei'lig grauenhaft, unheimlich, gefährlich; Lamden Gelehrter). So wenig er von der Welt wußte, so wenig wußte die Welt von ihm. Kaum jemand ahnte, welche Feuerseele -in dem wortkargen und unscheinbaren Manne loderte. Hie und da hatte auch wohl der eine oder andere einen tieferen Blick in das Wesen diesen Mannes getan. Zu ihnen gehörte Philipp Wertheim, der längst Heimgegangene Leiter der Berliner Gemeindeverwaltung, der sowohl literarischen Geschmack als auch Kenntnis jüdischer Weisheitsquellen besaß, und der gleichfalls schon verewigte Rabbiner Dr. Ungerleider. Gelegentliche Aeußerungen bewiesenmir, daß sie nicht bloß seine Bescheiden, heit, sondern ebensosehr seinen Scharfsinn und seine talmudische Belesenheit wohl einguschätzen wußten. Weil mein Vater nicht viel Aufhebens von sich machte, machten es auch andere nicht von ihm. Die Prahler und Marktschreier haben es besser: der Geldbeutel mit wenig Münzen macht viel Geklapper. Der Geldbeutel aber, der bis zum Bersten voll ist, schweigt in vornehmer Bescheidenheit und Selbstachtung still. Vom rein menschlichen Standpunkte stehen die sittlichen; Eigenschaften, die er in sich zu hoher Entfaltung brachte, obenan. Diese waren es auch, die ihm das eigentliche, das entscheidende Gepräge gaben, wennsie sich auch naturgemäß den Blicken anderer entzogen. Starker Wille und straffe Selbstzucht waren ihm wie selten -einem Menschen eigen und halfen ihm, widrige Verhältnisse in, gleicher Weise wie seinen schwachen Körper zu meistern. Wie groß die sittliche Energie war, zeigt sich nach dem Tode der Mutter. Dieser schwere Schicksalsschlag traf den Vater kurz vor Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres. Die meisten Menschen, die diese Altersgrenze überschreiten, sind innerlich gebrochen, willensschwach und keiner kraftvollen Entschließung mehr fähig. Viele vegetieren nur noch, leben mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart und lauschen Zumeist den Nachklängen-, die aus früheren Tagen zu ihnen herübertönen. Der Vater ging aber mit 80 Jahren daran, den wichtigsten Teil der äußeren Lebensordnung von Grund aus umzugestalten. Er wurde Vegetarier. Allerdings, der Not -gehorchend und nicht etwa aus schwärmerischer Vorliebe für diese Ernährungsweise an und für sich. Religiöse und rituelle Bedenken bestimmten ihn hierzu. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß ein Mann von der hier näher gekennzeichneten Art die Speisegesetze mit der größten Peinlichkeit und unter genauester Jnnehaltuug auch der geringfügigsten Bestimmungen beobachtete. Die Mutter besaß in diesen Angelegenheiten natürlich sein unbedingtes Vertrauen. Dieses Vertrauen wollte und konnte er auf keinen anderen übertragen, und so -entschloß er sich zu dem harten Auswegmittel, auf Fleischnahr-ung lieber gänzlich zu verzichten. An diesem einmal gefaßten Entschluß hielt er mit eiserner Zähigkeit fast noch lü Jahrzehnte fest. Es gehörte auch für ihn eine ungewöhnliche Ueberwind-ung dazu. Denn eine achtzigjährige Gewohnheit, die längst zur zweiten Natur geworden war, lehnte sich mit der ganzen ihr eigentümlichen Tyrannei dagegen -auf. Aber bei aller Voreingenommenheit für die Fleischnahrung blieb er sich treu und brachte seiner religiösen Ueberzeugung dieses heroische Opfer, das er tagtäglich immer wieder erneuerte, so schmerzlich es ihm auch wurde. Denn der Geist hatte eben die unbedingte Herrschaft über -den Leib. Was bisher schon in allen Bedrängnissen und Heimsuchungen -sein Trost -und seine Stütze gewesen, das blieb es