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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 gibt keinerlei Anregung, die jüdischen Gemeinden Preußens zu gemeinsamen Leistungen zusammenzuschließen. Ost sind aber die einzelnen Gemeinden zu schwach, ihren Ausgaben zu genügen. Sodann gibt es Forderungen für die Erhaltung und Verteidigung des Judentums, die eine Einzelgemeinde überhaupt nicht erfüllen kann. Ein verdienter Leiter des Bundes war der Geschichtsschreiber Professor Dr. Philipp so n. Dieser hat in einem sehr lesenswerten Buche die ganze Geschichte des Judentums im vergangenen 19. Jahrhundert mit warmer Liebe und tiefer Sachkenntnis dargestellt. Sein Verdienst um die Entwicklung und Ausgestaltung des Gemeindebundes ist ganz außerordentlich groß. Der gegenwärtige Präsident des Bundes ist Professor Dr. Kalischer. Dieser große Gelehrte hat hervorragende Kenntnisse aus allen Gebieten des Judentums und dient ihm in warmer Liebe und tiefer Sachkenntnis. Er gehört der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlins an und müht sich um die Erweiterung und Ausgestaltung des D. I. G. B. mit sichtbarem Erfolg. Wir wollen nun im folgenden klarstellen, was der Deutsch- Israelitische Gemeindebund, oder wie wir der Kürze halber nunmehr schreiben: der D. I. G. B. leistet. Wir wissen, daß die deutschen Juden, mit Ausnahme der in einigen,, zumal süddeutschen Bundesstaaten wohnenden Glaubensgenossen, im allgemeinen einer zusammensassenden Vereinigung für die Einzelgemeinde entbehren. Da tritt nun der D. I. G. B. in die Bresche. Er ist der berufene Vertreter der deutschen Juden und gibt in seinen Verbandstagen den Wünschen Ausdruck, die die Judenheit beseelt, und sucht in diesem Sinne auf die staatlichen Behörden einzuwirken. Durch ihn besitzt also die in Gemeindeatome zersplitterte deutsche Judenheit eine Art Zentralorgan, das in sachgemäßer ' Weise die Anregungen prüft und für ihre zweckmäßige Durchführung Sorge trägt. Weit wichtiger ist aber, was der D. I. G. B. den Einzelgemeinden leistet. Viele Gemeinden werden durch den Fortzug ihrer Mitglieder nach Großstädten kleiner und kleiner und vermögen aus eigener Kraft ihren Pflichten nicht zu genügen. Da greift nun der D. I. G. B. tatkräftig ein und setzt diese Gemeinden in den Stand, einen guten Religionsunterricht der Heranwachsenden Jugend erteilen zu lassen. Für die Hebung des religiösen Sinnes und für Einrichtung einer geordneten Religionsschulaufsicht sorgen die vom D. I. G. B. begründeten Bezirksrabbinate. In gewissen Zeiträumen werden vom Bezirksrabbiner die eines Rabbiners entbehrenden Gemeinden revidiert, Schulprüfung und Predigtandacht wird abgehalten und so bei jung und alt Liebe und Verständnis für das Judentum geweckt. Für die Lehrer und Rabbiner hat der D. I. G. B. ein warmes Herz. Er sieht in ihnen, „talmudisch gesprochen" Ne tu re Karta, Wächter der Burg des Judentums. Darum ist er -bemüht, für Ausbildung geeigneter Lehrkräfte zu sorgen, durch Unterstützung von Lehrerseminaristen, durch Einführung von Fortbildungskursen. Er sucht auch die wirtschaftliche Lage des jüdischen Lehrerstandes zu heben. Er gewährt, zumal für die Alters-, Waisen- und Witwenversorgung,, auf mannigfache Weise Beihilfe und fördert die Hilfskassen, die die jüdischen Lehrer unter sich gründen. Damit haben wir bereits einen Teil der großen Wvhltätigkeitswerke gestreift, die der D. I. G. B. vollbringt. Er hat sich der Fürsorgeerziehung verwahrloster Kinder liebreich angenommen und für diese unglücklichen Geschöpfe in Repzin und in Köpenick Erzieh-ungsanstalten eingerichtet. Damit hat der D. I. G. B. bekundet, daß in ihm die alte Rabbinenlehre mächtig ist: Lol hamazzil nefesch achas keillu kijjem olam male (Wer auch nur eine Seele rettet, hat gleichsam eine ganze Welt gerettet, oder mit -unserem deutschen Dichter Herder wäre des Wortes Sinn so zu umschreiben: Eine schöne Menschenseele finden. Ist Gewinn; eine schöner Gewinn ist, Sie erhalten, und der schönste und schwerste, Sie, die schon verloren war, zu retten). Um die Rettung verlorener Seelen handelt es sich auch im Kampfe gegen die Wanderbettelei. In seiner jüdischen Arbeiterkolonie zu Weißensee sucht der D. I. G. B. den Arbeitslosen Arbeit, Obdach, Verpflegung und Kleidung zu geben und, was mehr ist, ihnen die Lust und Fähigkeit zu irgendeiner Berufsarbeit ins Herz zu Pflanzen. So macht der D. I. G. B. aus nichtsnutzigen Schmarotzern nützliche und tüchtige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Noch in anderer Weise nimmt sich der D. I. G. B. der Gesunkenen und Gefallenen an: er unterstützt die Seelsorgebestrebungen für Gefangene. Er bemüht sich, für entlassene Gefangene geeignete Stellungen zu finden, die es ihnen ermöglichen, wieder als ordentliche und brauchbare Menschen zu leben und ihre Fehler durch reinen Wandel zu sühnen. Zum Schlüsse noch eins. Ihr kennt das Wort: Talmud Thora keneged kullam (Studium der Lehre geht über alles). Bei allem Wirken fürs Leben im Geiste des Judentums hat der D. I. G. B. auch die Vertiefung in die Lehre unserer Religion nicht vergessen; so danken wir ihm die Grundsätze der jüdischen S i t t e n l e h r e. (Vorlesen!) Neb Leib Trauben borg. (Ein Rulturbild.) Von B e r n h a r d T r a u b c n b e r g. _ (Schluß.) as Handwerk hatte sich in seiner alten Form J überlebt. Die Maschine verdrängte die Hand, der Großbetrieb den Kleinbetrieb und die Massenherstellung die Einzelarbeit. Mein Vater hielt mit seinem zähen Beharrungsvermögen an der überlieferten Produktionsweise fest. Er wollte der Zeit trotzen und dem Handbetrieb durch liebevolle und persönliche Behandlung des Materials von neuem Geltung verschaffen. Aber es war alles umsonst. Die Malschine hatte ihren alles, was ihr in die Ouere kam, zermalmenden Siegeszug angetreten. Dagegen half kein Aufbäumen und keine persönliche Tüchtigkeit. Mit ehernem Schritt ging die Zeit über das alte Shstem hinweg und schlug dem Meister, der sich dagegen wehrte, das Handwerkszeug erbarmungslos auS der Hand. Wer Kapital, Energie, Unternehmungslust, kaufmännischen Sinn und bewegliches Temperament besaß, schlug neue Wege ein und stellte seinen Betrieb, den veränderten Anforderungen entsprechend, um. Zn dieser Ausnutzung der gegebenen Umstände fehlten meinem Vater alle Voraussetzungen. Seine Selbstgenügsamkeit, sein Hangen an dem einmal Hergebrachten und seine Hingabe an das Dhorastudium standen seinem materiellen Aufschwung hindernd im Wege. Man würde zuviel behaupten, wenn man sagen wollte, diese Lebensnöte hätten ihn überhaupt gar nicht berührt. Allein das ist sicher: sein Innenleben blieb von dieser Sorge frei. Und wenn sie mit ihren Umklammerungsversuchen ihm auch noch so nahe kamen, er schüttelte sie ohne besondere Anstrengung von sich ab, wie etwas, das sich nur von außen aus seinen Rock setzte und zu seinem inneren Wesen

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