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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-05 · Heft 10 (5.3.1920) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 10 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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116 Kindheitserinnerungen sind stark, mein Freund; in der Jugend formt sich der Mensch, die Eindrücke der ersten Jahre sind oft entscheidend! Der Glaube der Väter begleitete Dich auf allen Deinen Wegen, er war Dir ein Hort, in dem Du stets Schutz fandest! — Und nun willst Du ihn verlassen! Warum? Du bist kritischer geworden, der Kinderglaube ist geschwunden; wo früher nur das Gemüt arbeitete, ist jetzt der kritische Verstand tätig. — Du magst nicht mehr glauben, weil Du nicht mehr alles billigst; Du stößt Dich an Sitten und Gebräuchen unseres Glaubens, weil Du sie für falsch hältst; Du legst, um nur etwas zu nennen, keinen Wert auf die Speisegesetze, weil Du ihren Zweck für erfüllt ansiehst, mit einem Worte, Du stößt Dich an den Zäunen, die die Jahrhunderte um die Lehre gelegt haben, Du magst Dich durch diesen Stacheldraht nicht winden und deshalb willst Du ihm den Rücken kehren. — Oder aber bist Du so unter die Rationalisten gegangen, daß Du an Gott verzweifelst, ihn nicht mehr begreifst und ersahst, ihn leugnest und dafür die Monade auf den Altar erhoben hast oder die Urzelle oder sonst etwas, was flache Köpfe als Ersatz für die Gottheit annehmen? Ich will nicht glauben, lieber Freund, daß dies bei Dir der Fall ist. — Gewiß, die Existenz der Gottheit können wir nicht beweisen. Kant hat dargetan, daß ein solches Verfahren denkunmöglich ist Nur die Gesetze der Erfahrungswelt können wir logisch erfassen. Raum und Zeit sind Formen unserer Anschauung, aber die Gottheit liegt jenseits von diesen! Ob Du Kant gelesen hast? Wohl kaum, denn sonst wäre Dir mit einem Male klar geworden, daß unser Verstand in das Reich des Seins, des Ewigseins nie eindringen kann. Nirgends kommen Denken und Glauben in einen Konflikt; wo das Denken aufhört, weil eben unserem Verstände Grenzen gesetzt sind, sängt der Glaube an. Ebensowenig wie man die Existenz der Gottheit beweisen kann, ebensowenig kann man die Nichtexistenz beweisen. — Gott aber muß man erleben, muß ihn fühlen mit allen Fasern der Seele, muß seine Hand sehen in allen Schickungen des Lebens! — Man muß Gott hören im Gesänge der Vögel, muß ihn sehen im Wachstum der Pflanzen', im Leben und im Sterben! — Du, mein lieber Freund, bist nicht im Feld gewesen, sonst hättest Du Gott auch erlebt im Sturme der Schlachten, hättest die Ruhe der Seele auch im Granatfeuer behalten, wenn Du gefühlt hättest, daß sich überall nur Gottes Wille erfülle. Ahnst Du, wie viel leichter sich alles trägt mit diesem Glauben? Ter Lenker der Schlachten ist auch der Lenker Deines Geschickes. Seine Hand führt Dich auf allen Wegen und diese Hand willst Du wegstoßen? „Höre Israel, der Herr unser Gott ist einig, einzig." Ein einziger Gott lenkt die Schicksale der Welt im kleinen wie im großen! Diesen Glauben hat Israel der Welt gegeben, das ist seine Mission, das ist unser einziges Dogma. Dogma ist ein so hartes Wort und will mir auch nicht recht passen für das, was eigentlich eben gar nicht anders sein kann, nachdem man es richtig erfaßt hat! — In wie wenige Worte können wir den Gehalt unseres Glaubens zusammenfassen! — Diese Einheit der Gottheit ist eigentlich alles, was wir Juden glauben! — Hier ist der Kern und das Wesen! Darüber, mein lieber Freund, denke noch einmal nach, ehe Du Deinen Plan verwirklichst! — All das, was sich im Laufe der Zeiten um diesen Glauben an den einigen, einzigen Gott gelegt hat, ist nur Gerank! — Der Ritus und die Gebräuche, sie sind nicht die Hauptsache, hier ist manches, was man nicht unbedingt als heilig anerkennen muß, hier bleibt Deinem eigenen Ermessen überlassen, wieweit Du gehen willst! Ich kann da manches in Deinem Gedankengang verstehen, aber hier liegt nicht der Kern unseres Judentums! — Es ist Dir nicht unbekannt, daß sich -im Kreise unserer Glaubensgemeinschaft eine starke Gruppe gebildet hat, die trotz treuesten Festhaltens an dem Kerne doch manches an der Schale seilen und bessern will! — Hier verlangt niemand von Dir, daß Du die unzähligen Gesetze hältst, Gesetze, die wir nur als Menschenwerk betrachten. Göttlich allein ist die reine Lehre der zehn Worte, -göttlich der prophetische Geist, der Geist der Psalmen, der Geist unserer Bibel! — Doch jedes Äort gilt uns nicht als Dogma! — Stark und fest aber glauben wir an die Einheit des jüdischen Volkes und an die Mission des Judentums, den reinen Gottes-glauben an den einigen, einzigen Gott festzuhalten und weiter zu überliefern von Geschlecht zu Geschlecht, bis einst die ganze Welt sich zu ihm bekennt. — Und Du willst uns verlassen! Du verläßt das sichere Schiss, mein Freund, gibst die Ruhe der Seele dahin. Das kann nicht sein! Ich kann Dir nur raten, kann Dich nicht zwingen, kann Dich nicht einmail sprechen. Du aber, lieber Freund, greise zur Bibel, geh' hin in die Gemeinschaft der jüdischen Jugend, die treu zum Glauben der Väter hält, aber doch an seiner Entwicklung arbeitet, und dann entscheide, und ich bin sicher. Du wirst, was Du nicht warst, ein junger, glaubensfroher Jude! Lur Methodik des jüdischen Geschichtsunterrichts. Von Mzirksrabbiner Dr, Beer,mann (Heilbronn). (Schlich.) Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund aus der Oberstufe der Volksschule. Ihr kennt das Wort des Deuteronomiums: „Eine Lehre hat uns Mose geboten, ein Erbteil ist sie der Gemeinde Jakobs." Die jüdischen Gemeinden haben das Judentum erhalten. Wo immer auf dem weiten Erdenrund sich Juden ansiedelten, schlossen sie sich — so bald als irgend angängig - zu einer Gemeinde (K'hilla) zusammen. Man hat es schon in früheren Zeiten, nicht nur in der Gegenwart eingesehen, daß für manche Ausgaben die Einzelgemeinde zu schwach ist und daß eine Zusammenfügung mehrerer Gemeinden zu einer Körperschaft — Organisation — sich empfehle. So haben die drei Gemeinden Speier, Worms. Mainz bereits im Mittelalter eine Art Gemeindebund gebildet, und ihre gemeinsam festgesetzten T'kanot (Anordnungen) wurden auch von anderen Gemeinden willig angenommen. Auch in der polnischen Vier-Länder-Synode im 17. Jahrhundert haben wir den Ansatz zu einer Gesamtorganisation der polnischen Judenheit. In Deutschland begann im 19. Jahrhundert unter den Juden das Ringen um staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Diese erreichten die Juden zuerst in den süddeutschen Staaten. Hier wurde auch die Religion Israels als vollwertig anerkannt und die Einzelgemeinden nach einer bestimmten Verfassung zu einem Ganzen zusammengefaßt. In Preußen führten die Kämpfe um die staatliche Anerkennung der Juden als Staatsbürger erst später zum Siege. Zu einer vollen Anerkennung des Judentums als gleichberechtigte Religion ist es in Preußen bis auf den heutigen Tag noch nicht gekommen. Für die preußischen Gemeinden galt das -Judengesetz vom! Jahre 1847, Dieses Gesetz kennt nur die Einzelgemeinde und

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